Rekordjahr für Österreichs Chemieindustrie

Die chemische Industrie gehört als drittgrößte zu den bedeutendsten Industriebranchen

  • Die chemische Industrie in Österreich ist die drittgrößte Industriebranche des Landes und liegt bei den Aufwendungen für Forschung und Innovationen im Spitzenfeld.©13Imagery/ShutterstockDie chemische Industrie in Österreich ist die drittgrößte Industriebranche des Landes und liegt bei den Aufwendungen für Forschung und Innovationen im Spitzenfeld.©13Imagery/Shutterstock
  • Die chemische Industrie in Österreich ist die drittgrößte Industriebranche des Landes und liegt bei den Aufwendungen für Forschung und Innovationen im Spitzenfeld.©13Imagery/Shutterstock
  • Hubert Culik, Obmann, FCIO - Fachverband der Chemischen Industrie Österreichs. © Sarah-Maria Kölbl
  • Grafik 1: Anteile der Branchen an der Gesamtproduktion der österreichischen Chemieindustrie.
  • Grafik 2: Abgesetzte Produktion der österreichischen Chemieindustrie.

Die chemische Industrie gehört als drittgrößte zu den bedeutendsten Industriebranchen Österreichs. Auch bei den Aufwendungen für Forschung und Innovationen liegt sie im Spitzenfeld. Derzeit kommen etwa 11 % aller Investitionen für die Forschung und Entwicklung in Österreichs Wirtschaft aus der Chemiebranche. Die Forschungsausgaben lagen zuletzt bei 825 Mio. EUR. Eine aktuelle Innovationserhebung hat ergeben, dass 80 % der Unternehmen innovationsaktiv sind.

Bei den Forschungsschwerpunkten lassen sich klar zwei Trends erkennen: Die „Smart Chemistry“ beschäftigt sich damit, intelligente Produkte und Materialien zu entwickeln. Durch besondere funktionelle Eigenschaften ermöglichen sie neuartige Anwendungen mit höherem Nutzen – personalisierte Medizin ist ein klassisches Beispiel dafür, aber auch der Speziallack, der nicht nur vor Rost schützt, sondern auch isoliert und die Vibrationen dämpft. Unsere Firmen zeigen jedes Jahr bei unserer Veranstaltung „Innovation Day“ eindrucksvoll, dass der Innovation keine Grenzen gesetzt sind. Auf der anderen Seite erkennt man ein Streben nach „Green Chemistry“, bei der es darum geht, von fossilen Rohstoffen wegzukommen und mehr Biomasse einzusetzen. Unser Stakeholderdialog „Biobased Industry“ hat hier Anfang Dezember letzten Jahres zahlreiche vielversprechende Projekte gezeigt, wie man chemische Grundstoffe etwa aus Abfällen anderer Produktionen herstellen kann. Viele dieser Projekte funktionieren im Labor bereits sehr gut, für die Umsetzung im industriellen Maßstab besteht aber meist noch Forschungsbedarf.

Förderung von Innovationstätigkeit

Die chemische Industrie Europas steht international hart im Wettbewerb. Die Schwellenländer sind bekanntlich längst nicht mehr „nur“ preiswert produzierende Indus­triestandorte, sondern gewinnen auch als Innovationszentren zunehmend an Bedeutung. Um nicht den Anschluss zu verlieren, ist die Förderung von Innovationstätigkeit unumgänglich. Österreichs Chemiebranche besteht hauptsächlich aus mittelständischen Unternehmen. Diese Struktur verlangt Rahmenbedingungen und ein Fördersystem, das dem großer Länder überlegen ist.

Durch den Ausbau der indirekten, steuerlichen und direkten, projektgebundenen Forschungsförderung konnte die heimische Forschungsquote von 1,9 % im Jahr 2000 auf 3,14 % im Jahr 2018 erhöht werden. Die chemische Industrie erachtet die direkte und indirekte Forschungsförderung in ihrer Wirkung als komplementär: Stellt die indirekte Forschungsförderung auf den Standort ab, so ist für die direkte Forschungsförderung die Technologierelevanz wesentlich – und Österreich braucht beides.

Österreichs Chemieindustrie in Zahlen

Die kunststoffverarbeitende Industrie (wird in Österreich auch vom Fachverband der Chemischen Industrie (FCIO) betreut) trägt mehr als ein Drittel zum Produktionswert bei. Mit Abstand folgen dahinter die Pharmabranche mit 14,7 %, sowie die Kunststofferzeuger mit 12,6 %. Auch die Chemikalienproduktion leistet einen zweistelligen Beitrag zum Gesamtumsatz der chemischen Indus­trie. Die Chemiefasern liegen mit 6,3 % an fünfter Stelle (s. Grafik 1).
Österreichs chemische Industrie beschäftigte Mitte 2018 rund 45.400 Mitarbeiter. Deren Zahl ist im Vergleich zum Vorjahr leicht gestiegen (+2,1 %).
Mittelständische Betriebe mit durchschnittlich rund 150 Mitarbeitern prägen das Bild: Fast jeder dritte Beschäftigte in der chemischen Industrie ist in einem KMU tätig. Im August 2018 waren in Österreich 248 Betriebe in der chemischen ­Industrie tätig. Von diesen beschäftigten lediglich 50 Unternehmen mehr als 250 Arbeitnehmer.  

Rekordjahr 2018

Nach einer vier Jahre andauernden Flaute wurde Österreichs chemische Industrie 2017 wieder von einer frischen Konjunkturbrise erfasst (s. Grafik 2). Im Jahr 2018 lief Österreichs Chemiekonjunktur auf Hochtouren, verlor aber an Kraft. Bis August des Jahres 2018 lag der Umsatz um 6,6 % über dem Vorjahr. Dieses Plus hatte er auch schon im 2. Quartal erreicht, der Zenit des Aufschwungs dürfte somit erreicht bzw. überschritten sein. Während einige Sparten teilweise sogar deutlich noch expandierten ( z. B. organische und anorganische Grundstoffe), verzeichneten andere ( z. B. Agrochemikalien) bereits rückläufige Umsätze.

Deutschland wichtigster Handelspartner

Die Handelsbilanz der österreichischen chemischen Industrie ist sehr ausgewogen, wobei die Einfuhren ein klein wenig überwiegen. Etwa zwei Drittel der Exporte landen innerhalb der EU. Deutschland ist dabei der wichtigste Handelspartner. An zweiter Stelle liegt die Schweiz, dicht gefolgt von Frankreich und Italien.

Hoher Strombedarf für Klimaneutralität

Die chemische Industrie spielt eine führende Rolle auf dem Weg zu einer klimaneutralen Wirtschaft. Schon heute ist sie durch ihre Produkte wie spritsparende Leichtbaustoffe bei Autos oder energiesparende Wärmedämmung für Gebäude maßgeblich daran beteiligt. Wo die Potenziale zur Dekarbonisierung in der eigenen Produktion liegen, hat der Fachverband der chemischen Industrie durch eine Studie des Instituts für industrielle Ökologie berechnen lassen.

Die Studienautoren kommen zu dem Schluss, dass die chemische Industrie ihren Treibhausgasausstoß bis 2050 zur Gänze eliminieren könnte. Allerdings ist dieser Weg mit enorm viel zusätzlichem Strombedarf verbunden. Wenn die Chemiebranche bis 2050 auf Erdöl und Erdgas als Rohstoff verzichtet, so bräuchte sie dafür Ökostrom in der Kapazität von 60 TWh. Das entspricht fast dem Stromverbrauch von ganz Österreich im Jahr 2016. Auch andere Industriebranchen und Sektoren wie Verkehr oder Gebäude werden entsprechende Dekarbonisierungsschritte setzen müssen, wodurch wir rasch an die Grenzen des technisch Machbaren stoßen.

Um klimaneutral zu produzieren, müsste die Branche ihren Kohlenstoff aus CO2-Abgasen und Biomasse beziehen, den benötigten Wasserstoff mittels Elektrolyse aus Wasser gewinnen sowie die Dampferzeugung verstromen. Diese Verfahren sind wesentlich energieintensiver als die herkömmlichen, die Rohöl und Erdgas als Ausgangsstoffe haben.

Konkurrenzfähigkeit wird erschwert

Abgesehen vom enormen Strombedarf und der dafür notwendigen Energieinfrastruktur müsste die chemische Industrie jährlich rund 580 Mio. EUR investieren, um bis 2050 klimaneutral zu werden. Gleichzeitig ist mit einem deutlichen Anstieg der Produktionskosten zu rechnen. Zusätzlich sind Investitionen in den Ausbau von Erzeugungsanlagen, von Netzen und Speicheranlagen zu tätigen, die letztendlich die Verbraucher tragen müssen.
Durch die hohen Kosten wäre Österreichs Chemie im internationalen Wettbewerb gar nicht mehr konkurrenzfähig. Die Branche ist international ausgerichtet und exportiert mehr als zwei Drittel ihrer Erzeugnisse. Global wettbewerbsfähig zu bleiben, ist für ihr Bestehen unumgänglich.

Die Herausforderung Klimawandel kann nicht regional oder gar national im Alleingang gelöst werden. Der ganze Planet muss hier an einem Strang ziehen. Vom globalen Gleichschritt ist man hier leider noch weit entfernt. Die EU hat sich im Vergleich zum Rest der Welt vergleichsweise ambitionierte und konkrete Klimaziele gesetzt. In den meisten anderen Regionen der Welt stehen derartige Bestrebungen noch aus. Ein globaler CO2-Preis wäre hier eine Lösung.
Wir sind eine innovative Branche und bereit, unseren Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Gleichzeitig muss gewährleistet werden, dass dieser Beitrag auch wirtschaftlich darstellbar sein muss. Nur dann ist es möglich, andere Regionen zum Mitmachen zu bewegen und das Problem des Klimawandels global zu lösen.


Hubert Culik ist seit 2015 Obmann des Fachverbands der Chemischen Indus­trie Österreichs (FCIO). Seine berufliche Laufbahn begann er 1965 als Chemie- und Lacklaborant bei Rembrandtin Lack in Wien und übernahm dort 2005 die Geschäftsführung. Im Jahr 2013 trat er in den Vorstand der Helios Group Slovenia ein, die 2017 von der japanischen Kansai Paint übernommen wurde.
Heute ist er CEO von Kansai Helios Coatings.
Culik ist zudem u.a. Präsident des Österreichischen Forschungsinstituts für Chemie und Technik und Vorsitzender der Berufsgruppe Lack- und Anstrichmittelindustrie im FCIO.

Autor(en)

Kontaktieren

FCIO Fachverband der Chemischen Industrie
Wiedner Haupstr. 63
1045 Wien
ÖSTERREICH
Telefon: +43/1/71104510

Jetzt registrieren!

Die neusten Informationen direkt per Newsletter.

To prevent automated spam submissions leave this field empty.