23.03.2017
ThemenLogistik

Flexibilitätsstrategien in der Pharmadistribution

Zielgerichtete Flexibilitätsoptimierung durch zwei spezifische Kennzahlensysteme

  • (c) Monkey Business/ImagesShutterstock(c) Monkey Business/ImagesShutterstock
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  • Prof. David Francas, Hochschule Heilbronn
  • Grafik 1: Kosten- und Nutzenaspekte von Markt-Flexibilität und Postponement-Flexibilität
  • Grafik 2: Fallstudie zur Entwicklung von Flexibilitätsstrategien (eigene Berechnungen auf Basis des Pharma Flexibility Analyzer)

Flexibilität ist der strategische Erfolgsfaktor zur Bewältigung von Volatilität und konsequenter Ausrichtung der Distribution an den Patientenbedürfnissen. Die Steigerung der Flexibilität darf jedoch kein Selbstzweck sein, sondern erfordert eine genaue Betrachtung des Flexibilitätsbedarfs. In Zusammenarbeit mit der pharmazeutischen Industrie wurden die beiden Kennzahlen Market Flexibility Index (MFI) und Postponement Flexibility Index (PFI) entwickelt, die für jedes Produkt anzeigen, ob und welche Art der Flexibilität von Vorteil ist.

Zahlreiche Pharmaunternehmen haben in den letzten Jahren insbesondere in Europa begonnen, ihre Logistiknetzwerke zu konsolidieren und zentrale Regionallager zur Distribution einzurichten. Ebenfalls werden zunehmend regionale Hubs zur zentralen Versorgung von Märkten in Asien oder im arabischen Raum (Middle East) eingesetzt.

Strategien zur Flexibilitätssteigerung

Diese Strategieänderung hat zwar zu deutlichen Effizienzsteigerungen geführt, der Flexibilitätsbeitrag blieb aber in vielen Fällen begrenzt. Ein wesentlicher Grund hierfür ist, dass die einzelnen Stock Keeping Units (SKUs) in der Regel nur für ein Land zugelassen sind. Somit kann der Bestand im Regionallager oder Hub auch bei Zusammenlegung der Bestände nicht flexibel eingesetzt werden. Regionale Hubs bilden jedoch die Grundlage für zwei Flexibilitätsstrategien, die Abhilfe schaffen können: Erhöhung der marktseitigen Flexibilität und Postponement-Flexibilität.

  • Markt-Flexibilität: Multi-Market Packs können ohne Modifikationen mehr als ein Land bedienen. Voraussetzung ist, dass u.a. Beipackzettel und Gestaltung der Verpackung den regulatorischen Anforderungen der betreffenden Länder genügen. Der Bestand einer (Markt flexiblen) SKU kann somit je nach Bedarf den Patienten in verschiedenen Ländern zur Verfügung gestellt werden.
  • Postponement-Flexibilität: Grundprinzip von Postponement ist die Standardisierung der pharmazeutischen Verpackungen, um diese anschließend bedarfsgerecht an nationale Anforderungen anzupassen. Gemäß dem Vanilla-Box Prinzip enthält die Arzneimittelverpackung deshalb nur generische Informationen. Diese generischen Bestände können dann flexibel durch länderspezifische Etikettierung und Beipackzettel den verschiedenen Zielmärkten zur Verfügung gestellt werden.

Bewertung von Kosten und Nutzen der Flexibilität

Erfolgreiche Flexibilitätsstrategien für die Supply Chain erfordern ein sorgfältiges Abwägen von Kosten und Nutzen der Flexibilität. Der Nutzen von sowohl Markt-Flexibilität als auch Postponement-Flexibilität liegt insbesondere in der flexiblen Produktbereitstellung und schnellen Reaktion auf z.B. Tender. Darüber hinaus lassen sich Kosten durch geringere Bestände und Komplexität auf der sekundären Verpackungsstufe oft signifikant senken (vgl. Grafik 1).

Dem gegenüber sind allerdings die Kosten zu stellen. Postponement-Flexibilität reduziert zwar zunächst Produktionskosten, die spätere Spezifizierung der generischen Produkte ist jedoch mit zusätzlichen Kosten verbunden. Multi-Market Packs wird eine höhere Wahrscheinlichkeit von Parallel Trade zugesprochen, die damit verbundenen Preis- und Margeneffekte sind zu bewerten. Auch sollte berücksichtigt werden, dass eine nationale Änderung die Verpackungsgestaltung mehrerer Märkte betreffen kann.

Zu betonen ist, dass die Bewertung von Kosten und Nutzen der Flexibilität auf Basis jedes einzelnen Produktes (bzw. SKU) erfolgen muss. Die Erfahrung zeigt klar, dass pauschale Betrachtungen schnell zu Fehlentscheidungen führen.

Supply Chain Segmentierung und Flexibilitätsdesign mit MFI und PFI

Modellbasierte und datengestützte Ansätze zur Flexibilitätsoptimierung haben in anderen Industrien bereits zu großen Erfolgen geführt. Im Zuge der voranschreitenden Digitalisierung wird auch in der pharmazeutischen Industrie das Interesse nach leistungsstarken Business Analytics größer. Um diesen Trends Rechnung zu tragen, wurden die beiden Kennzahlen MFI und PFI zur Entwicklung von Flexibilitätsstrategien entwickelt:

  • Die Kennzahl Market Flexibility Index (MFI) misst die finanziellen Auswirkungen der Umstellung eines Produktes auf standardisierte Arzneimittelverpackungen in ausgewählten Märkten (Multi-Market Packs) im Vergleich zur Ausgangsituation.
  • Die Kennzahl Postponement Flexibility Index (PFI) misst die finanziellen Auswirkungen der Einführung einer Postponement-Strategie für ein Produkt (z.B. in einem Hub) im Vergleich zur Ausgangsituation.

Die Berechnung der beiden Kennzahlen berücksichtigt u.a. Bestandskosten, fixe und variable Produktionskosten, bestehende Markt- und Lagerstrukturen, sowie durch Parallel Trade und Repacking aufgrund möglicher regulatorischer Änderungen induzierte Preis- und Margeneffekte. Der Detailgrad der verwendeten Eingangsdaten lässt sich dabei den verfügbaren Daten eines Unternehmens anpassen.

MFI und PFI in der Praxis: eine Fallstudie

Betrachtet werden 340 SKUs aus dem Bereich der verschreibungspflichtigen Medikamente, die in vier Märkten in Zentraleuropa vertrieben werden. Bis auf sieben SKUs, die in mehreren Ländern verkauft werden, weist die Supply Chain in der Ausgangsituation keine Markt- oder Postponement-Flexibilität auf. Datengrundlage der Berechnung von MFI und PFI bilden Bestandsdaten, Volumendaten, Preis und Kostendaten (COGS) sowie die bestehende Netzwerkstruktur, die in gängigen ERP-Systemen verfügbar sind. Die Berechnung der Kennzahlen erfolgte im Pharma Flexibility Analyzer, einem Tool auf Basis von Microsoft Access und Tableau Software.

Auf Basis der Kennzahlen lässt sich das Produktportfolio bzgl. der geeigneten Flexibilitätsstrategien segmentieren. Werte von MFI und PFI größer eins (Grafik 2: linke Seite) weisen auf die Eignung von Markt- beziehungsweise Postponement-Flexibilität für ein Produkt hin. Die Ergebnisse zeigen, dass Flexibilität keinesfalls für jedes Produkt sinnvoll ist. Bei 49% der SKUs bringt Flexibilität keinen Nutzen, vielmehr würden sogar zusätzliche Kosten entstehen. Weiterhin zeigen die Ergebnisse, dass es auf die Wahl der richtigen Flexibilitätsstrategie ankommt. So ist für die meisten Produkte nur jeweils eine Flexibilitätsart geeignet. Nur ein geringer Teil der SKUs kommt für sowohl Markt- als auch Postponement-Flexibilität in Frage.

Bereits etwas Flexibilität stiftet großen Nutzen

Neben der richtigen Auswahl von Flexibilitätsstrategien stellt sich auch die Frage, wieviel Flexibilität insgesamt benötigt wird. Die Ergebnisse der Fallstudie zeigen hier, dass bereits die Umstellung von 16% der betrachteten SKUs mehr als 90% des möglichen Flexibilitätsnutzens (Kosteneinsparungen) realisieren kann (vgl. Grafik 2, rechte Seite). Voraussetzung hierfür ist aber, dass die richtigen Produkte ausgewählt werden. Vollständige Flexibilität aller Produkte ist hingegen gar nicht sinnvoll, sondern sogar kontraproduktiv. Zur Segmentierung und Identifikation vielsprechender Produkte auf Basis leicht verfügbarer Informationen können die beiden Flexibilitätskennzahlen MFI und PFI herangezogen werden.

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