Otsuka bringt erste digitale Pille auf den Markt

Ein Arzneisystem bestehend aus Wirkstoff und Sensor soll Informationen liefern, ob Patienten ihre Medikamente korrekt einnehmen

  • Otsuka bringt erste digitale Pille auf den Markt (c) David Smart/ShutterstockOtsuka bringt erste digitale Pille auf den Markt (c) David Smart/Shutterstock

Der Pharmakonzern Otsuka führt derzeit in den USA eine digitale Pille ein, die mit Hilfe eines integrierten Sensors die Therapietreue bei psychisch Kranken überwachen soll. Das dürfte erst der Beginn weiterer „intelligenter“ Arzneimittel sein.

Medizinischer Fortschritt und Warnung vor Missbrauch – zwischen diesen beiden Polen liegen die Reaktionen auf die Markteinführung einer digitalen Pille in den USA – nach Angaben des japanischen Herstellers Otsuka Pharmaceutical dem ersten digitalen Arzneimittelsystem dieser Art überhaupt. System deshalb, weil der Wirkstoff des Produktes mit dem Namen Abilify MyCite, ein Antipsychotikum, bereits seit 16 Jahren auf dem Markt ist und in den USA bei Patienten mit Schizophrenie und bipolarer Erkrankung eingesetzt wird, nun aber ein High-Tech-Upgrade der US-Firma Proteus Digital Health erhalten hat: Kommt ein eingebauter Sensor mit Magensäure in Kontakt, sendet er einen elektrischen Impuls. Ein spezielles Pflaster, das der Patient trägt, registriert das Signal und leitet die Information an eine App weiter, die sie wiederum in eine Cloud schickt. So kann der Betroffene verfolgen, wann er seine Tabletten genommen hat. Mit seiner Zustimmung können außerdem Ärzte, Pflegekräfte oder Angehörige auf diese Daten zugreifen. Dadurch, so die Idee, soll die korrekte Anwendung des Arzneimittels verbessert werden.

Nach Angaben von Otsuka soll Abilify MyCite knapp ein Jahr nach der Zulassung durch die US-Arzneimittelbehörde FDA jetzt anfangs bei wenigen Patienten und in Zusammenarbeit mit ausgewählten Krankenkassen eingeführt werden soll. Man wolle Erfahrungen mit dem System auswerten, ehe es breiter vermarktet werde. Der Preis soll nach Angaben von US-Medien bei 1650 Dollar pro Monat liegen.

„Für einige Patienten kann es sinnvoll sein, die Einnahme von Tabletten gegen psychische Erkrankungen im Blick zu behalten“, begründete Mitchell Mathis, Division Director für psychiatrische Produkte der FDA die Zulassung des Produktes. So gebe es bei Menschen mit einer bipolaren Störung das Risiko, dass sie während einer manischen Phase aufhören, ihre Medikamente zu schlucken.

Allerdings betonte die FDA auch, dass Otsuka und Proteus bislang nicht nachgewiesen hätten, dass Abilify MyCite die korrekte Einhaltung der Arzneimitteleinnahme steigere.

Allein in den USA sollen Millionen Patienten ihre Medikamente nicht wie vorgeschrieben einnehmen. Das würde neben teils gravierenden gesundheitlichen Konsequenzen hohe Kosten verursachen, da viele Patienten dadurch eine zusätzliche Behandlung benötigten. Das Marktforschungsinstitut IMS Health rechnete bereits 2013 aus, dass global rund 500 Milliarden Dollar unnötig ausgegeben würden, wenn Patienten den Anordnungen ihres Arztes nicht folgen.

Fachleute sehen in der digitalen Pille nun die Chance, die öffentliche Gesundheit zu verbessern. Allerdings gibt es auch Stimmen, die davor warnen, dass solche Arzneimittel mehr Misstrauen als Vertrauen erzeugen könnten, wenn sie unsachgemäß verwendet würden.

Aktuell arbeiten mehrere Unternehmen an digitalen Medikamenten. So plant Google seit Längerem, Miniatursensoren durch den Körper zu schicken. Eine Pille im Nanomaßstab soll dabei im Blutkreislauf nach Signalstoffen für Krankheiten Ausschau halten.

Bereits 2014 machte Google mit einer Kontaktlinse von sich reden, die Diabetikern das Leben erleichtern soll, indem sie aus Tränenflüssigkeit den Blutzuckergehalt bestimmt. Zudem sorgte in der Vergangenheit eine schluckbare Kamera für Schlagzeilen, die Bilder aus dem Darm sendet.

Das US-Start-up Rani Therapeutics entwickelt derzeit eine Roboter-Pille, in der winzige gefüllte Spritzen in einer Kapsel stecken und den Wirkstoff in die Darmwand spritzen. Die Technik dient als Transportvehikel für große Moleküle, die sonst gespritzt oder per Infusion verabreicht werden müssten.

Unterdessen teilt Proteus Digital Health, der Partner von Otsuka, mit, das in Abilify MyCite verwendete System könnte auch bei Patienten mit Diabetes oder Bluthochdruck sinnvoll sein.

Die nächsten Entwicklungen in der Welt der digitalen Arzneimittel zeichnen sich damit bereits ab.

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