17.06.2014
ThemenStrategie

Resilienztipps für Risikomanager

Teil 2: Vom Umgang mit Katastrophen

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Resilienz ist das Vermögen, nach einem Schadensfall schnell und ohne nachhaltige Auswirkungen zurück zum alltäglichen Geschäftsablauf zu gelangen. Ein gezieltes, effektives Risikomanagement stärkt die Resilienz eines Unternehmens. CHEManager stellt in seiner vierteiligen Serie potenzielle Risiken für die Chemieindustrie und dazugehörige Lösungsansätze für Risikomanager und Unternehmen vor. Thema dieses Beitrags sind sogenannte Natechs.

Naturkatastrophen können Folgeereignisse wie Brände, Explosionen oder die Freisetzung von giftigen Stoffen verursachen. Solche chemischen oder technologischen Unfälle werden als „Natechs" bezeichnet - Natural Hazards Triggering a Technological Disaster. Studien zu Chemieunfällen zeigen, dass bis zu fünf Prozent der Unfälle mit Gefahrenstoffen durch Naturereignisse verursacht werden.

Daher sollten Naturkatastrophen und technologische Unfälle nicht getrennt voneinander, sondern als Ganzes betrachtet werden, um mögliche Auswirkungen auf ein Unternehmen einschätzen und durch gezieltes Risikomanagement vermindern zu können. „Das Verheerende ist, dass Natechs mehrere Standorte zeitgleich betreffen und somit mehrere Chemieunfälle parallel auslösen können", sagt Frank Drolsbach, Engineering Manager beim Industrieversicherer FM Global in Deutschland. „Trifft beispielsweise eine Hochwasserflut ein wichtiges Gebäude und kritische Steuerungs- und Überwachungsanlagen fallen aus, so können zum Beispiel Prozessabläufe in anderen Werksbereichen oder auch anderen Standorten beeinflusst werden. Dann ist die Katastrophe Realität."

Herausforderung Dominoeffekt

Solche Dominoeffekte stellen große Herausforderungen für das Risikomanagement der Chemiebranche dar. „Bestehende Konzepte, die Natechs nicht beachten, werden im Katastrophenfall schnell hinfällig", sagt Drolsbach. In solchen Ausnahmesituationen kommen zahlreiche Faktoren zusammen. Eine gestörte Infrastruktur, Unterbrechung der Strom- und Wasserversorgung oder Kommunikationsprobleme, die den Kontakt zu internem oder externem Personal verhindern. Natechs können existenzbedrohende Folgen für Chemieunternehmen haben. „In der Risikoanalyse sollten daher Worst-Case-Szenarien bedacht werden, um die Auswirkungen systemtechnischer Ausfälle abschätzen zu können."

Konkretes Beispiel für einen Natech-Unfall mit dramatischen Konsequenzen ist die Nuklear-Katastrophe in Fukushima im März 2011.

Ein Erdbeben löste einen Tsunami aus, dessen Flutwelle wiederum auf das Kernkraftwerk Fukushima Daiichi (Fukushima I) traf, woraufhin sowohl die externe Stromversorgung als auch die Notstromgeneratoren wegen Überschwemmung ausfielen. Die  Kühlung versagte und es kam zur Kernschmelze. Die wirtschaftlichen Folgen für Japan wurden bereits 2011 auf langfristig bis zu 300 Milliarden Euro geschätzt - von den Folgen für Umwelt und Bevölkerung ganz abgesehen.

Verdrängungsmechanismus „Spielerfehlschluss"

Trotz dieses konkreten Beispiels ergreifen immer noch zu wenig Unternehmen in der Chemieindustrie die erforderlichen Maßnahmen. „Menschen neigen in Bezug auf Naturkatastrophen und ihre Folgen zu dem Schluss‚ mir wird so etwas schon nicht passieren'", sagt Allan Macpherson, Chief Engineering Technical Specialist bei FM Global. „Wenn man davon ausgeht, dass eine Katastrophe, die schon einmal eingetreten ist, einen nicht noch einmal treffen wird, oder wenn man glaubt, ein eher unwahrscheinliches Ereignis wird einen selbst schon nicht treffen, spricht man in der Psychologie vom ‚Spielerfehlschluss', erklärt Macpherson. Um diesem Denken entgegenzuwirken, ist es wichtig, Risiken nicht allein in Hinblick auf ihre Wahrscheinlichkeit zu bewerten, sondern über die gesamte Lebensdauer eines Prozesses zu betrachten. Wenn das Überschwemmungsrisiko eines Standortes zum Beispiel auf das Jahr gesehen ein Prozent beträgt, der Standort aber 50 Jahre bestehen soll, erhöht sich das Risiko auf 39%.

Individuelle Präventionsmaßnahmen

Risikomanager sollten Bedrohungen aus der Natur und die potenziellen Folgeschäden umfassend in ihren Risikoanalysen berücksichtigen - insbesondere bevor ein neuer Standort erschlossen wird. Mitunter kann es effektiver und kosteneffizienter sein, auf einen sehr risikoreichen Standort zu verzichten und einen strategisch günstiger gelegenen Ort zu wählen. Für bereits erschlossene Standorte in Europa setzt die Seveso III-Richtlinie Vorschriften fest, um chemische Unfälle zu vermeiden. Gemäß der Richtlinie müssen Industrieanlagen, die Gefahrstoffe speichern, handhaben oder verarbeiten, Notfallpläne für den Fall einer versehentlichen Freisetzung festgelegt haben.

Im Schadensfall ist es beispielsweise nicht notwendig, dass Anlagen ununterbrochen im Einsatz sind - außer der „kritischen Infrastruktur": Sicherheitstechnische Ausstattungen einer Anlage wie Kühlung und Brandschutz müssen intakt sein. Konsequenzen zeigt auf tragische Weise das genannte Beispiel Fukushima. Natechs müssen immer in Bezug auf einen bestimmten Standort bewertet werden. Die lokale Identifizierung „wunder Punkte", beispielsweise dort, wo Chemikalien gemischt oder gelagert werden, ist essentiell. Auf Grundlage dieser Analyse, der Bewertung vergangener Ereignisse und Maschinenverhaltensdaten lassen sich geeignete Präventionsmaßnahmen festgelegen.

„Es ist eine Herausforderung, bestehende Anlagen auf Natech-Ereignisse vorzubereiten, aber sie ist zu bewältigen", sagt Frank Drolsbach. „Durch Nachbesserungen bei Elektronik und Informationssystemen sowie ergänzende Baumaßnahmen wie zum Beispiel bewegliche Fluttore können Natech-Risiken nachhaltig reduziert werden." Naturkatastrophen und technologische Unfälle sollten insbesondere in der Chemieindustrie stets holistisch betrachtet werden, da die Konsequenzen von Natechs insbesondere in dieser Branche verheerend sein können.

Teil 1 der Serien finden Sie hier!

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