Wacker stellt Jahresprognose 2020 wegen Coronakrise unter Vorbehalt

Wacker Chemie hat im Geschäftsjahr 2019 wie bereits gemeldet beim Gesamtumsatz das Niveau des Vorjahres knapp erreicht. Wie der Münchner Chemiekonzern bei der Vorlage seines Geschäftsberichts bekannt gab, belief sich der Umsatz 2019 auf 4,93 Mrd. EUR (2018: 4,98 Mrd. EUR). Ausschlaggebend für den leichten Rückgang um 1% waren niedrigere Preise, vor allem für Solarsilicium, aber auch für Standardsilicone. Insgesamt höhere Absatzmengen, Produktmixeffekte sowie Wechselkursveränderungen durch den im Jahresvergleich stärkeren US-Dollar haben den Umsatz dagegen positiv beeinflusst.

Das Konzernergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (EBITDA) summierte sich im Geschäftsjahr 2019 auf 783,4 Mio. EUR (2018: 930,0 Mio. EUR). Das sind 16% weniger als vor einem Jahr und entspricht einer EBITDA-Marge von 15,9% (2018: 18,7%). Vor allem die erheblich geringeren Durchschnittspreise für Solarsilicium und damit auch Effekte aus Bestandsbewertungen, niedrigere Preise für Standardsilicone und die stark gestiegenen Stromkosten in Deutschland haben die Ertragsentwicklung belastet. Als Sonderertrag enthält das EBITDA Versicherungsleistungen in Höhe von 112,5 Mio. EUR aus dem Schadensfall des Jahres 2017 am Standort Charleston, die das Unternehmen in den Herstellungskosten ausgewiesen hat.

Das Konzernergebnis vor Zinsen und Steuern (EBIT) summierte sich im vergangenen Geschäftsjahr auf -536,3 Mio. EUR (2018: 389,6 Mio. EUR). Das entspricht einer EBIT-Marge von -10,9% (2018: 7,8%). Ausschlaggebend für das negative EBIT ist eine außerplanmäßige Abschreibung in Höhe von 760,0 Mio. EUR, die man auf den Bilanzwert seiner Anlagen zur Herstellung von Polysilicium vorgenommen hat. Hintergrund dieser Maßnahme sind die verhaltenen Erwartungen des Unternehmens für die weitere Preisentwicklung bei Solarsilicium. Insgesamt belaufen sich die Abschreibungen im Jahr 2019 auf 1,32 Mrd. EUR (2018: 540,4 Mio. EUR). Das Jahresergebnis beträgt -629,6 Mio. EUR (2018: 260,1 Mio. EUR).

Im Geschäftsjahr 2020 rechnet Wacker trotz der anspruchsvollen Rahmenbedingungen mit einem leichten Wachstum. Das Unternehmen will seinen Umsatz um einen niedrigen einstelligen Prozentsatz steigern.

Das EBITDA des Konzerns wird im Vergleich zu 2019 voraussichtlich zurückgehen. Der wesentliche Grund dafür sind die 2019 vereinnahmten Versicherungsleistungen aus dem Schadensfall am US-Produktionsstandort Charleston. Bereinigt um diesen Sondereffekt wird das EBITDA um einen mittleren einstelligen Prozentsatz unter Vorjahr erwartet. Der Jahresüberschuss des Konzerns soll deutlich steigen. Nicht berücksichtigt in dieser Prognose sind allerdings die wirtschaftlichen Auswirkungen, die eine mögliche Pandemie durch das Coronavirus nach sich ziehen könnte.

In den ersten beiden Monaten des laufenden Jahres ist der Konzernumsatz etwas niedriger als vor einem Jahr. Mitverantwortlich dafür sind Einschränkungen in China beim Transport der Produkte zu den Kunden. Das bremst derzeit die dortigen Umsätze in allen Geschäftsbereichen. Insgesamt rechnet das Unternehmen im 1. Quartal 2020 mit einem Konzernumsatz von etwa 1,2 Mrd. EUR (Q1 2019: 1,24 Mrd. EUR). Das EBITDA des Konzerns wird im 1. Quartal 2020 voraussichtlich deutlich über dem Niveau des Vorjahres (142,0 Mio. EUR) liegen. Hier machen sich unter anderem operative Verbesserungen im Polysiliciumgeschäft positiv bemerkbar.

„2020 wird aus heutiger Sicht ein weiteres sehr anspruchsvolles Jahr“, sagte Konzernchef Rudolf Staudigl am Dienstag in München. „Der hohe Wettbewerbs- und Preisdruck im Geschäft mit Polysilicium bleibt eine Herausforderung. Handelskonflikte und geopolitische Krisen bergen Abwärtsrisiken. Die Unsicherheiten auf Grund des Coronavirus überschatten derzeit jedoch zusätzlich alle anderen Risiken. Andererseits sind wir zuversichtlich, dass wir mit hervorragenden Produkten in allen unseren Geschäftsbereichen über hohes Wachstumspotenzial verfügen.“

Staudigl erneuerte in diesem Zusammenhang seine Forderung nach einem Industriestrompreis von unter 4 Cent pro Kilowattstunde für energieintensive Unternehmen in Deutschland: „Unsere chinesischen Wettbewerber zahlen unter 2 Cent pro Kilowattstunde – staatlich subventioniert aus klimaschädlichen Kohlekraftwerken. Hätten wir dieselben Strompreise wie in China, dann wäre Wacker das weltweit effizienteste Unternehmen in der Herstellung von hochqualitativem Polysilicium, und zwar mit großem Abstand.“

Um die Organisation konsequent neu auf die Bedürfnisse und Anforderungen der Kunden auszurichten und so das profitable Wachstum des Konzerns zu unterstützen, hat das Unternehmen ein Effizienzprogramm gestartet. Wie bereits gemeldet, beabsichtigt das Unternehmen, durch Reduzierungen bei den Sachkosten und beim Umfang intern erbrachter Leistungen sowie mit einer schlankeren Organisation jährlich 250 Mio. EUR einzusparen. In diesem Zusammenhang sollen bis Ende des Jahres 2022 mehr als 1.000 Stellen in den Verwaltungsbereichen des Konzerns sowie den indirekten und nicht operativen Funktionen der Geschäftsbereiche wegfallen. Der Schwerpunkt liegt dabei mit mehr als 80% auf den Standorten in Deutschland.

Investitionen
Die Investitionen des Konzerns beliefen sich im Geschäftsjahr 2019 auf 379,5 Mio. EUR (2018: 460,9 Mio. EUR). Das sind 18% weniger als vor einem Jahr. Ein Schwerpunkt der Investitionstätigkeit war auch im vergangenen Jahr der Ausbau der Kapazitäten in den drei Chemiebereichen. Am US-Standort Charleston hat eine neue Anlage für hochdisperse Kieselsäuren die Produktion aufgenommen. In Ulsan, Südkorea, stellt das Unternehmen jetzt in einem neuen Sprühtrockner Dispersionspulver für Bauanwendungen her. In Zhangjiagang, China, hat das Unternehmen eine neue Anlage für Festsiliconkautschuk errichtet, die für den asiatischen Markt produziert. Am norwegischen Standort Holla hat im vergangenen Jahr eine neue Produktionsanlage für Siliciummetall den Betrieb aufgenommen. Die Eigenproduktion dieses wichtigen Ausgangsstoffs macht das Unternehmen unabhängiger von Preisschwankungen an den Rohstoffmärkten und steigert die Versorgungssicherheit in Zeiten hoher Nachfrage.

Mitarbeiter
Die Zahl der Mitarbeiter im Konzern stieg im Geschäftsjahr 2019 um rund 120. Zum 31. Dezember 2019 waren weltweit 14.658 Mitarbeiter (31.12.2018: 14.542 Mitarbeiter) beschäftigt. An den deutschen Standorten arbeiteten zum Stichtag 10.356 Mitarbeiter (2018: 10.291), im Ausland waren es 4.302 (2018: 4.251).

Netto-Cashflow, Nettofinanzschulden und Eigenkapitalquote
Wacker hat im Geschäftsjahr 2019 einen Mittelzufluss in dreistelliger Millionenhöhe erwirtschaftet. Der Netto-Cashflow hat sich mit 184,4 Mio. EUR (2018: 86,2 Mio. EUR) mehr als verdoppelt. Neben dem Mittelzufluss aus dem operativen Geschäft ist das auch auf die Versicherungsleistungen für den Schadensfall am Standort Charleston zurückzuführen. Gegenläufig hat eine Sonderzahlung an die Pensionskasse der Wacker Chemie VVaG den Netto-Cashflow um rund 70 Millionen Euro gemindert.

Die Nettofinanzschulden des Konzerns haben sich im Vergleich zum Vorjahr erhöht. Sie beliefen sich zum Stichtag 31. Dezember 2019 auf 713,7 Mio. EUR (31.12.2018: 609,7 Mio. EUR). Der Grund für diesen Anstieg um 17% sind die Anforderungen des neuen Rechnungslegungsstandards IFRS 16. Dieser legt fest, dass jetzt auch Leasingverbindlichkeiten in die Berechnung der Finanzschulden einbezogen werden müssen.

Die Bilanzsumme des Konzerns lag zum 31. Dezember 2019 bei 6,49 Mrd. EUR (31.12.2018: 7,12 Mrd. EUR). Die wesentliche Ursache für diesen Rückgang um 9% ist das geringere Sachanlagevermögen auf Grund der Sonderabschreibung auf Polysiliciumanlagen. Zusätzlich haben die auf Grund der niedrigeren Diskontierungssätze höheren Pensionsrückstellungen das Eigenkapital des Konzerns deutlich gemindert. Es belief sich zum Bilanzstichtag auf 2,03 Mrd. EUR (31.12.2018: 3,15 Mrd. EUR). Damit beträgt die Eigenkapitalquote 31,3% (31.12.2018: 44,2%).

Ausblick
Für das Jahr 2020 rechnen Konjunkturforscher mit einem Wachstum der Weltwirtschaft auf dem Niveau des Vorjahres oder darunter. Abwärtsrisiken bergen nicht nur bestehende Handelskonflikte und geopolitische Krisen, sondern auch die möglichen Auswirkungen des Coronavirus auf die Wirtschaft.

In seinem Chemiegeschäft sieht der Konzern für das laufende Jahr gute Chancen, sowohl den Umsatz als auch den Ertrag zu steigern. Wacker Silicones und Wacker Polymers erwarten ein Umsatzplus im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Bei Wacker Biosolutions wird der Umsatzanstieg voraussichtlich im hohen einstelligen Prozentbereich liegen.

Insgesamt rechnet das Unternehmen im Geschäftsjahr 2020 mit einem Umsatzanstieg im niedrigen einstelligen Prozentbereich. Bereinigt um den Sondereffekt der Versicherungsleistung wird das EBITDA um einen mittleren einstelligen Prozentsatz unter dem Vorjahr erwartet. Die EBITDA-Marge erwartet man etwas niedriger als im Vorjahr. In dieser Prognose ist ein Teil der wirtschaftlichen Unsicherheiten berücksichtigt, ebenso das im Vergleich zum Vorjahr das voraussichtlich geringere Beteiligungsergebnis. Allerdings stuft das Unternehmen das Risiko einer Pandemie durch das Coronavirus auf Grund der dynamischen Entwicklung seit Ende Februar als hoch mit möglicherweise großen Auswirkungen (>100 Mio. EUR) auf die Finanz- und Ertragslage ein. Dies könnte folglich bedeuten, dass das EBITDA um einen zweistelligen Prozentsatz unter Vorjahr liegt. Die Investitionen werden mit rund 350 Mio. EUR unter dem Niveau des Vorjahres liegen. Die Abschreibungen belaufen sich auf rund 425 Mio. EUR und sind damit deutlich niedriger als im Vorjahr. Beim Konzernjahresüberschuss rechnet das Unternehmen mit einem deutlichen Anstieg. Der Netto-Cashflow soll deutlich positiv sein und deutlich über dem Vorjahr liegen. Die Nettofinanzschulden gehen auf Grund des positiven Netto-Cashflows zurück.

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