Chemie & Life Sciences

20 Jahre grüne Biotechnologie

Kommerzieller Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen: Zwischenbilanz und Ausblick

22.03.2016 -

In diesem Jahr gibt es ein bemerkenswertes Jubiläum: Vor 20 Jahren – 1996 – fand in den USA der erste kommerzielle Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen (gv-Pflanzen) statt. Die Anbaufläche lag zu dieser Zeit bei 1,7 Mio. ha – ähnlich der Gesamtfläche von Kuwait. Damals waren gv-Pflanzen eine Besonderheit, heute sind sie auf dem Acker außerhalb der EU Normalität. 2014 wurden gv-Pflanzen auf einer Fläche von 181 Mio. ha in 28 Ländern angebaut – über 100 Mal mehr als bei ihrer Einführung. Zum Vergleich: Die verfügbare landwirtschaftliche Nutzfläche der gesamten EU beträgt in etwa 174 Mio. ha.

2014 wurden gv-Pflanzen weltweit von 18 Mio. Landwirten angebaut – über 90% davon leben in Entwicklungs- und Schwellenländern. Der globale Marktwert für gv-Pflanzen betrug knapp 16 Mrd. USD. Das entspricht 35% des globalen kommerziellen Saatguthandels (45 Mrd. USD). In der Landwirtschaft gehören gv-Pflanzen zu der am schnellsten aufgenommenen Technologie unserer Zeit, weil sie Nutzen bringen. Seit 1996 konnten Landwirte damit ihre Erträge durchschnittlich um über 20% und ihre Einnahmen um über 65% steigern.

Regionen, Arten und Ziele

Die größten Flächen angebauter gv-Pflanzen liegen heute in den USA und Kanada sowie in den Entwicklungs- und Schwellenländern Brasilien, Argentinien, Indien und China. Dahinter folgen Paraguay, Südafrika, Pakistan, Uruguay und Bolivien mit jeweils über 1 Mio. ha an gv-Pflanzen-Flächen. Die kommerzielle Nutzung konzentriert sich hauptsächlich auf Sojabohnen, Mais, Baumwolle und Raps. Weitere Kulturarten, meist auf kleineren Flächen angebaut, sind Papaya, Zucchini, Tomaten, Paprika und Alfalfa. Die Merkmale der Pflanzen sind überwiegend Herbizidtoleranz, Insektenresistenz oder die Kombination beider Merkmale. Bei der nächsten Generation an gv-Pflanzen, die bereits im Freiland untersucht werden, geht es u.a. um die Widerstandsfähigkeit gegen Trockenheit bei Weizen (Ägypten), einen verbesserten Vitamin A-Gehalt in der Banane (Uganda) und die bessere Bioverfügbarkeit von Zink und Eisen in Hirse (Kenia, Nigeria).

Europa spielt eine unbedeutende Rolle

Europa spielt heute mit 143.000 ha Anbaufläche eine unbedeutende Rolle beim Thema gv-Pflanzen. Die Wertschöpfung aus ihrem Anbau wird weitgehend in anderen Regionen erwirtschaftet. Chronisch verzögerte Zulassungsprozesse in der EU und rein politisch motivierte Blockaden sind die Ursache, obwohl der Anbau von gv-Pflanzen nachweisbar mit zahlreichen ökologischen und ökonomischen Vorteilen verbunden ist. Bodenschonende Anbauverfahren, höhere Einkommen für Landwirte und geringe Emissionen von Treibhausgasen sind nur einige Beispiele. Außerdem haben zahlreiche wissenschaftliche Studien und behördliche Genehmigungen in den Anbauländern gezeigt, dass gv-Pflanzen genauso sicher sind wie konventionelle Pflanzen. Vor dem kommerziellen Anbau und der Zulassung für die landwirtschaftliche Produktion müssen gv-Pflanzen in der EU mehrstufige behördlich vorgeschriebene Sicherheitsbewertungen bestehen. Mit diesem regulatorischen Rahmen, der der strengste der Welt ist, sind sie die am gründlichsten untersuchten Produkte auf dem Markt. In Europa und Deutschland geht es aber primär um gefühlte Risiken und nicht um die wissenschaftliche Faktenlage zu Sicherheit, Umweltverträglichkeit und Nutzen.

Ablehnung gefährdet Agrarimporte

Die politisch und ideologisch begründete Ablehnung von gv-Pflanzen gefährdet Agrarimporte, auf die die EU angewiesen ist. Sie produziert nicht genügend Agrarrohstoffe, um den Eigenbedarf zu decken und importiert daher Sojabohnen, Mais und andere Agrarprodukte, die auf mindestens 35 Mio. ha außerhalb Europas angebaut werden. Rund 70% der Proteinversorgung der in Europa gehaltenen Nutztiere basiert auf importierten Sojabohnen und Sojaschrot. Auf dem Weltmarkt stehen fast ausschließlich gentechnisch veränderte Sojabohnen der großen Anbau- und Exportländer USA, Brasilien und Argentinien zur Verfügung. Sie bauen auf 90-99% ihrer Anbaufläche gentechnisch veränderte Sojabohnen an und liefern hier rund 87% des weltweiten Angebots.

Vorteile offensichtlich

Dabei liegen die Vorteile von gv-Pflanzen auf der Hand. Der dynamische weltweite Anbauzuwachs spiegelt die Zufriedenheit mit den Eigenschaften der modifizierten Pflanzen wider. Landwirte müssen u.a. weniger Ertragsverluste durch Schädlingsdruck und Unkraut erleiden. Außerdem sind die Ernteprodukte von besserer Qualität. Insbesondere Kleinbauern in Entwicklungsländern profitieren davon. In Bangladesch führte die 2014 zugelassene Bt-Aubergine zu einer Ertragssteigerung von 30%, wodurch ein jährlicher Netto-Zusatzgewinn von 200 Mio. USD für etwa 150.000 Auberginen-Anbauer erwirtschaftet werden konnte.

Gv-Pflanzen haben außerdem Eigenschaften, die mit konventionellen Wegen der Züchtung kaum oder nicht zu erreichen sind. Dazu gehören insbesondere die sehr komplexen Eigenschaften wie Trocken-, Hitze- und Kältetoleranz gegen harsche Klimabedingungen, die Verbesserung der Stickstoffverwertung und eine effizientere Wassernutzung durch die Pflanzen. Diese Projekte befinden sich außerhalb von Europa bereits in der Freilanduntersuchung, die eine Voraussetzung für die behördliche Anbauzulassung ist.

Weitere Beispiele, die den Nutzen veranschaulichen, sind gv-Pflanzen, die ein Gen des Bodenbakteriums Bacillus thuringiensis beinhalten und sich dadurch gegen Schädlingsbefall selbst schützen können. Ebenso die Züchtung von Pflanzen, die dank des Erbguts einer anderen Art in der Lage sind, Antikörper und therapeutische Proteine („Plant-made Pharmaceuticals“) zu produzieren. Ein besonders prominentes Beispiel sind Tabakpflanzen, die zur Gewinnung des lang gesuchten Impfstoffs gegen Ebola biotechnisch genutzt werden.

Europas zukünftiges Problem

Gv-Pflanzen spielen aber auch eine wichtige Rolle, wenn es um die Entwicklung einer Bioökonomie geht. Dabei handelt es sich um eine Wirtschaftsform, die auf der nachhaltigen Nutzung von biologischen Ressourcen basiert, um die Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen zu reduzieren. Bioökonomie hat für die chemisch-pharmazeutische und biotechnische Industrie strategische Bedeutung in einer nachhaltigen Wachstumsstrategie. Bereits heute werden zahlreiche Produkte aus Kohlenstoffverbindungen hergestellt, die aus nachwachsenden Rohstoffen stammen. Die industrielle Biotechnologie macht es möglich.

Nicht ohne Grund entwickelt sich Biomasse weltweit zu einer wichtigen Rohstoffbasis für die Industrie, um damit Nahrungs- und Futtermittel, Chemikalien, Arzneistoffe, Kosmetika oder Energieträger herzustellen. In den USA sorgt bspw. ein neuer gentechnisch veränderter Mais bei der Produktion von Ethanol für mehr Ertrag bei gleichbleibender Anbaufläche und spart gleichzeitig Wasser und Energie. Nach Angaben des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums kann der Mais das für den Stärkeaufschluss benötigte Enzym Amylase selbst produzieren. Zusätzlich verliert dieses Enzym seine Wirksamkeit bei hohen Prozesstemperaturen nicht. Ein wichtiger Fortschritt dank Biotechnologie.

Der weltweit steigende Bedarf an Lebens- und Futtermitteln sowie nachwachsenden Rohstoffen für die stoffliche und energetische Nutzung lässt sich mit konventionellen Verfahren der Pflanzenzüchtung nicht decken. Der Fortschritt in den klassischen Technologien ist zeitlich nicht in der Lage, mit den globalen Anforderungen Schritt zu halten. Daher dürfen wir nicht auf die Pflanzenbiotechnologie verzichten. Wenn Deutschland und die EU das „Innovationsfeld Pflanze“ aber weiterhin aus ideologischen und politischen Motiven blockieren, wird die Bioökonomie in anderen Ländern erfolgreich umgesetzt.

Kontakt

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