Logistik & Supply Chain

Chemielogistik zeigt Resilienz in der Krise

Interview mit Martin Schwemmer, Senior Scientist beim Fraunhofer SCS

22.02.2022 - Seit über 25 Jahren erscheinen die TOP 100 Logistik-Studien des Fraunhofer SCS.

Die aktuelle Ausgabe 2021/2022 deckt wiederum den gesamten europäischen Logistikmarkt ab. Sie liefert einen aktuellen und kompetenten Überblick über die europäische Logistik, die im Jahr 2020 offensichtlich nicht so stark von der Covid-19-Pandemie betroffen war wie andere Wirtschaftszweige. Im Interview erläutert Martin Schwemmer, bis Mitte Februar Senior Scientist des Fraunhofer SCS und nun Geschäftsführer der Bundesvereinigung Logistik (BVL), einige interessante Ergebnisse der aktuellen Studie. Die Fragen stellte Sonja Andres.

CHEManager: Herr Schwemmer, die TOP 100-Studie 2021/2022 ist erschienen. Unterscheiden sich die Ergebnisse stark von den Ergebnissen der Studien vergangener Jahre?

Martin Schwemmer: In der Tat, wir haben ja in dieser Ausgabe das Jahr 2020 in den Fokus gerückt, und das ist als Coronajahr sicher sehr viel spezieller als die letzten Jahre. Wir haben mit der Coronakrise eine all­umfassende Herausforderung auf dem Tisch, die auch die Logistik gefordert hat und diese Krise ist noch nicht durchgestanden.

Was sind die wichtigsten, erstaunlichsten – eventuell auch ernüchternden – Ergebnisse der neuen Studie?

M. Schwemmer: Ernüchternd ist sicher der Einbruch des Logistikwirtschaftsvolumens – also der Aufwände aller Logistikaktivitäten der Volkswirtschaften – um rund 3,5 % in Europa, um rund 1,8 % in Deutschland. Erfreulich dabei, dass die Logistik deutlich weniger hart getroffen wurde als die Volkswirtschaften als Ganze. So ist das Bruttoinlandsprodukt – BIP – in Europa zu Marktpreisen um rund 5,8 % eingebrochen, die Logistik mit 3,5 % kam mehr als 2 % besser weg.
In Deutschland ging das BIP um 3,3 % zurück, auch hier ist die Logistik mit einem Einbruch um 1,8 % um etwa 1,5 % besser weggekommen. Erstaunlich, wenn man das so nennen will, ist, dass die Vorhersagen zum Krisenverlauf der Logistik ordentlich danebengelegen haben. Erfreulich, dass die Logistik also deutlich besser weggekommen ist als zunächst gedacht. Ein paar Marktmechanismen haben im Krisenverlauf anders gegriffen als vorher absehbar.

Welchen Einfluss hat die Covid-19-­Pandemie auf den Logistiksektor ganz allgemein genommen? Lassen sich hier auch Aussagen in Bezug auf den Chemiesektor machen?

M. Schwemmer: Für die Logistik nachteilig ist natürlich das eingeschränkte Handelsgeschehen aufgrund unterbrochener Lieferketten. Die Lockdowns haben dazu beigetragen, dass erst einmal weniger Waren befördert werden konnten. Mit dem Verlauf der Krise hat sich gezeigt, dass von den Lockdowns insbesondere die Gastronomie, Hotellerie und der Tourismus betroffen waren. Diese Dienstleistungen konnten eine ganze Weile nicht mehr in Anspruch genommen werden und hier bestehen immer noch deutliche Einschränkungen.

Die Konsumausgaben der Bevölkerung wurden in der Folge umgelenkt in den Konsum von Gütern. Anstatt Urlaub zu machen, wurden Produkte gekauft, um es sich zu Hause schöner zu machen. Anstatt Hotelaufenthalt gab es eine neue Konsole, anstatt Badeurlaub ein neues Bad – ich überspitze absichtlich ein bisschen. Die Verläufe der einzelnen Sektoren sind dabei auch recht speziell. Während die Automobilindustrie stark gelitten hat, weil Lieferkettenunterbrechungen hier am deutlichsten gewirkt haben, da die Automobillieferkette am stärksten getaktet ist nach Just in Time/Just in Sequence Gesichtspunkten. Andere Sektoren wie etwa ‚Do it yourself‘ – Heimwerken – oder Möbel und Bau, sind im Vergleich nicht so stark eingebrochen, auch weil die Nachfrage stabiler blieb.

Was die chemische Industrie nun weniger im Automobilsegment absetzen konnte, konnte recht gut durch die anziehende Nachfrage aus den krisenstabileren Segmenten aufgefangen werden. Aus der volkswirtschaftlichen Perspektive ist die chemische Industrie damit deutlich besser weggekommen. Entsprechend ist auch die Nachfrage nach Logistikleistungen der chemischen Industrie weniger stark eingebrochen.  

Wie beurteilen Sie anhand der nun vorliegenden Ergebnisse – auch im Vergleich zu Vorjahresergebnissen – die weitere Entwicklung der wichtigsten Trends wie beispielsweise Digitalisierung und Nachhaltigkeit in der Logistik?

M. Schwemmer: Die Digitalisierung hat einen Schub erfahren. Etwas um die Ecke gedacht, kann man hier etwa anführen, dass wir in 2021 drei Logistik-Start-up-Einhörner in Deutschland hervorgebracht haben – Sennder, Gorillas, Forto. Das geht nur mit ordentlichen Investitionssummen, die in 2021 geflossen sind.

Aber zurück zur operativen Logistik. Die Krise hat gezeigt, dass bei der Unterbrechung von Lieferketten gute Information deutlich weiterhilft, um in einer Krise steuern zu können. Rund 2 % des Umsatzes fließen bei Logistikdienstleistern bereits in Digitalisierung, das ist in den letzten Jahren gemäß unseren Beobachtungen recht stabil. Es ist zu erwarten, dass stärker digitalisierte Unternehmen sich in der Krise leichter getan haben. Beim Thema Nachhaltigkeit steigt der Druck zu nachhaltigerem Wirtschaften nun von Seiten der Politik. Die EU forciert derzeit durch die ESG Taxonomie die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsgesichtspunkten bei Investitionen etwa in Assets wie Logistikimmobilien. Auch Unternehmen, die nicht selbst motiviert sind nachhaltiger zu wirtschaften, werden damit immer nachhaltiger agieren müssen.

 

„Die Nachfrage nach Logistikleistungen der chemischen Industrie ist weniger stark eingebrochen."

 

Werden analytische Tools, wie zum Beispiel Digital Twins, in der Logistik verstärkt Einzug nehmen?

M. Schwemmer: Das Thema Digitalisierung ist sehr vielschichtig und es gibt keinen Standard zur Auseinandersetzung damit. Ich sehe im Wesentlichen zwei Stoßrichtungen dabei: zum einen die Digitalisierung informatorischer Prozesse und zum anderen die Digitalisierung physischer Abläufe in Form von Automatisierung. Derzeit geht es stark darum, die Qualität und Verfügbarkeit prozessrelevanter Daten zu erhöhen, zu verwerten und zu kommunizieren.

Die Datenmenge in den Wertschö­pfungsketten nimmt in jedem Fall immer mehr zu, insbesondere auch in der chemischen Industrie, die ja sehr prozessorientiert arbeitet, um den Gefahrgutanforderungen gerecht zu werden. Konsequent weitergedacht führt das dazu, dass digitale Zwillinge Einzug halten werden. Digitale Zwillinge sind dabei sicher noch nicht sehr weit verbreitet, aber für die Planung und Steuerung können diese digitalen Repräsentationen eines realen Umfeldes bereits jetzt sehr wertvoll sein. Insbesondere geschlossene Systeme lassen sich durch einen digitalen Zwilling abbilden, was für die chemische Industrie spricht, die ja zum Teil in Verbundstandorten organisiert ist.

Gibt die Studie Hinweise beziehungsweise. Lösungsansätze, wie das personelle Defizit im Logistikbereich behoben werden kann?

M. Schwemmer: Automatisierung und Optimierung sind in aller Munde. Aber die Kluft zwischen dem aktuellen Bedarf und verfügbaren Fachkräften werden wir damit auch mittelfristig noch nicht überbrücken. Arbeitskräfte werden nach wie vor gebraucht. Wir sehen seit ein paar Jahren sehr deutlich wohin die Fachkräfteknappheit führt – zur Verteuerung des Laderaums und der Logistik allgemein, quasi in Form einer Logistik spezifischen Inflation. Wenn dies wiederum dazu führt, dass die grundsätzlich margenschwache Logistik bessere Erträge erwirtschaften kann, dann nehmen die Spielräume für höhere Löhne für Fachkräfte zu oder auch die Möglichkeit für Invest­ments in Automatisierung. In den Logistikstandorten können automatisierte Lager für die dort beschäftigten Fachkräfte schon viel Unterstützung bieten. Transporte per Lkw brauchen aber dringend Fahrer, nach wie vor.

Ergeben sich aus der Studie konkrete Ansätze, wie sich die Logistik auf künftige globale Störungen der Lieferkette – besser – vorbereiten wird?

M. Schwemmer: Transparenz ist zwar kein Allheilmittel aber der richtige Einstieg in das Thema. Wissen über Verzögerungen ist viel Wert in einer Krise, man ist dann der sprichwörtlich Einäugige unter Blinden. Perspektivisch geht es auch hier darum, anhand eines digitalen Abbildes der realen Situation – zum Beispiel im digitalen Zwilling – die Abläufe der Realwelt so gut zu verstehen, um Steuerung und Planung im Krisenfall optimieren zu können. Ein weiterer Baustein von Resilienz ist Flexibilität, auch im Sinne flexibler Arbeitszeitmodelle und Anstellungsverhältnisse. So hat die Möglichkeit zur Kurzarbeit deutlich dazu beigetragen, mit eingebrochenen Auftragsvolumen umzugehen.

Ein weiteres organisationales Instrument ist die Aufstellung einer Lieferkette mit redundanten Lieferanten oder Bestandteilen nach dem Motto „wenn einer – Lieferant, Transportweg, Standort, et cetera – ausfällt, dann gibt es einen weiteren, damit die Lieferkette nicht stockt.“ Weiterhin kann die vertikale Integration helfen, also das eigene Übernehmen von Aktivitäten entlang der Wertschö­pfungskette. Bei den Containerlinien sieht man das derzeit schön, so hat sich Maersk bei Forto, einer digitalen Spedition, eingebracht und engagiert sich durch die Übernahme von B2C Europe auch selbst im E-Commerce. CMA-CGM hat die Spedition Ceva übernommen und Hapag Lloyd beteiligt sich am Eurogate Container Terminal des JadeWeserPorts.

Ob diese Entwicklungen alle einen Resilienz-Gedanken haben wissen wir nicht, aber sie machen unter Resilienz-Abwägungen Sinn. Überall wird der Ausschnitt der Versorgungskette, in dem agiert wird, ausgeweitet. Die regionale Aufstellung von Versorgungsketten ist ein weiteres Werkzeug, um Versorgungsketten weniger anfällig gegenüber globalen Krisen zu machen. Das Resilienz-Instrumentarium ist also breit gefächert und wird sich wohl auch noch weiterentwickeln.

 

„Transparenz ist zwar kein Allheilmittel, aber Wissen über Verzögerungen ist viel wert in einer Krise."

Zur Person

Martin Schwemmer war bis Februar 2022 Senior Consultant bei der Fraunhofer-Arbeitsgruppe für Supply Chain Services SCS. Seit 2011 ist er Autor der Studienreihe „Die Top 100 der Logistik“, die sich zum Standardwerk zur Beschreibung und Analyse der Logistikbranche entwickelt hat. Er schloss Anfang 2021 seine Promotion zum Erfolg von Logistik-Start-ups ab. Darüber hinaus stellen aktuelle Forschungsinhalte Trends und Innovationen im Supply Chain Management dar. In seiner Funktion bei Fraunhofer SCS leitete er bereits diverse Projekte im Bereich Logis­tics Market Intelligence, ist Autor verschiedener Markt- und Potenzialstudien und ermittelt Marktgrößen, Marktpotenziale und Markttrends für öffentliche und industrielle Auftraggeber. Er ist Mitglied des deutschen Logistik-Expertengremiums „Gipfel der Logistikweisen“. Martin Schwemmer trat zum 15. Februar der BVL Geschäftsführung bei.

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