Anlagenbau & Prozesstechnik

Experten-Know-how über Betriebsgrenzen hinweg vernetzen

IGR – Marktplatz des Wissens und der Erfahrung für die Chemie- und Pharmaindustrie

09.06.2021 - Im CHEManager-Interview nimmt Werner Sievers, VV der IGR, Stellung zu den Perspektiven in einer sich wandelnden verfahrenstechnischen Industrie.

Für den einzelnen Betriebs- oder Planungsingenieur wird es immer schwieriger, die wachsende Zahl der technischen Regelwerke, Vorschriften und Gesetze im Blick zu behalten und deren Anforderungen zu erfüllen. Diese Lücke schließt die Inter­essengemeinschaft Regelwerke Technik (IGR), in dem sie das Know-how der Experten über Betriebsgrenzen hinweg miteinander verbindet. CHEManager befragte den Vorsitzenden des Vorstands, Werner Sievers, zu den Inhalten und Zielen der Vereinsarbeit, dem Nutzen für Mitgliedsfirmen und den Perspektiven in einer sich wandelnden verfahrenstechnischen Industrie.

CHEManager: Herr Sievers, wofür steht die IGR und wie ist sie entstanden?

Werner Sievers: Die IGR ist ein Zusammenschluss von Unternehmen der chemischen und pharmazeutischen Industrie und ihrer Dienstleister. Der von den Mitgliedsfirmen gewählte Vorstand sowie die Experten in den Unternehmen arbeiten ehrenamtlich für die IGR. Unser Verein fand seinen Ursprung in der Neuausrichtung und Umstrukturierung des damaligen Hoechst Konzerns. Die wesentlichen Aufgaben sind die Regelwerksverfolgung, die Information der Mitglieder über relevante Regelwerksänderungen, technisches Wissensmanagement zur Umsetzung der Regelwerke, vermehrter Schutz der Umwelt und Förderung der Sicherheit im Umgang mit Technik und Wissenschaft, Vermittlung von Kenntnissen über und Abstimmung zum Stand der Technik, der Erfahrungsaustausch sowie die Mitarbeit bei der Erstellung von Regelwerken in Gremien und Verbänden.

Was zeichnet die Vereinsarbeit aus?

W. Sievers: Heute engagieren sich 350 Experten aus 33 Unternehmen mit zusammen über 30.000 Mitarbeitenden für nachhaltiges Wissensmanagement sowie die aktive Verfolgung und Entwicklung von mehr als 4.000 technischen Regelwerken. Wir vernetzen das Know-how von Experten und Verantwortlichen aus Planung, Technik und Produktion über Betriebsgrenzen hinweg. Jedes Mitglied leistet jeweils einen Teil der Arbeit, erhält aber alle Ergebnisse. Die Kompetenzen der IGR umfassen die Fachgebiete Mechanik und Verfahrenstechnik, Elektro-, Mess- und Regeltechnik, Werkstofftechnik und Prozesssicherheit. Jedes bildet ein eigenes Kompetenzcenter mit telefonischer Hotline. Hier stehen kostenfrei für die Mitgliedsfirmen Experten mit Rat und Tat zur Seite. Die IGR kauft darüber hinaus ehrenamtlich nicht verfügbare Expertise ein, zum Beispiel auf dem Gebiet der Geräteprüftechnik.

„Die Kompetenzen der IGR umfassen die Fachgebiete Mechanik und Verfahrenstechnik, Elektro-, Mess- und Regeltechnik, Werkstofftechnik und Prozesssicherheit.“

 

Und wie profitieren Unternehmen von einer Mitgliedschaft?

W. Sievers: Wir stellen die Wissensbasis bereit, damit die Mitgliedsunternehmen ihre Betreiberverantwortung, also die Technical Compliance, effizient wahrnehmen können. Das betrifft das Planen, Genehmigen, Errichten, Betreiben und Instandhalten von verfahrens- und energietechnischen Anlagen. Ergeben sich durch Regelwerksänderungen Konsequenzen für die betriebliche Praxis, erstellt die IGR Arbeitshilfen, die Mitglieder direkt anwenden können. Diese können sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren und müssen dafür keine eigenen Ressourcen vorhalten und finanzieren. Dazu ein Beispiel: Bei der Regelwerksverfolgung und Entwicklung von praxistauglichen technischen Arbeitshilfen haben wir einem mittelgroßen Unternehmen Kosten gespart, die sich im Bereich von mehreren Ingenieur-Jahresgehältern bewegen.

Welche Firmen außerhalb des Industrieparks Höchst gewinnen Sie als Mitglieder?

W. Sievers: Diese Frage wird uns in der Tat öfters gestellt. Zunächst war es sicherlich so, dass vor allem Unternehmen des ehemaligen Hoechst-Konzerns IGR-Mitglieder wurden, beispielweise Celanese und Sanofi-Aventis oder auch Industrieparkbetreiber wie Infraserv. Inzwischen haben wir aber auch andere namhafte Unternehmen aus weiten Teilen des Bundesgebietes aufgenommen, beispielsweise im Jahr 2017 die BP Raffinerie im niedersächsischen Lingen. Jüngst gelang es uns, Bayer für eine konzernübergreifende Mitgliedschaft, die alle drei Divisionen einschließt, zu gewinnen. Prinzipiell gilt: Mitglieder können nur Unternehmen werden, keine Einzelpersonen. Der Jahresbeitrag richtet sich nach der Anzahl der Mitarbeiter. Dienstleister ohne genehmigungsbedürftige Anlagen erhalten Rabatte.

Die Digitalisierung in der Prozess­industrie schreitet voran. Welchen Beitrag leistet die IGR dabei?

W. Sievers: Wie auch in anderen Bereichen der Industrie ist die Corona­pandemie ein zusätzlicher Treiber der Digitalisierung. In der Fabrikautomation ist man zwar immer noch ein Stück weiter als bei uns in der Prozessindustrie. Dem komplexen Arbeitsgebiet der Digitalisierung in verfahrenstechnischen Anlagen begegnen wir unter anderem mit dem Betreiben einer vollvernetzten Industrie-4.0-Demonstrations- und Testanlage im Industriepark Höchst beim Mitgliedsunternehmen Bilfinger Engineering & Maintenance. Die Anlage besteht aus einer verfahrenstechnischen Apparatur mit zwei Behältern und deren Automatisierung über ein Prozessleitsystem mit einer entsprechend NAMUR-Open-
Architecture-Anbindung. Der einfache, verfahrenstechnische Test­aufbau ist an zwei Cloud-Systeme angebunden, mit denen Prozessdaten verwaltet, strukturiert und analysiert werden können. So sind unsere Mitglieder in der Lage, die aktuelle Gerätetechnik, Cyber-Security-Maßnahmen, einheitliche Standards zur Übertragung von Gerätedaten sowie die Verarbeitung und Analyse der Daten innerhalb einer Cloud optimal zu testen. Eines ist klar: Daten sind für Innovationen in der Prozessindustrie essenziell. Wer über sie verfügt, kann die Vorteile der Digitalisierung voll ausschöpfen, neue Ansätze finden, Prozesse optimieren und deutlich effizienter werden.

 

„Wir vernetzen das Know-how von Experten und Verantwortlichen aus Planung, Technik und Produktion über Betriebsgrenzen hinweg.“

 

Gibt es Überschneidungen mit der Verbandsarbeit der NAMUR und wie arbeiten Sie zusammen?

W. Sievers: Die NAMUR beschäftigt sich mit den Themen der Automatisierung und Digitalisierung mit dem Ziel, die Kosten von und durch Automatisierungstechnik in den Mitgliedsunternehmen zu minimieren sowie die Sicherheit und Verfügbarkeit durch Automatisierungstechnik zu erhöhen. Sie ist somit ein wichtiger Partner für die IGR, was auch durch die enge Zusammenarbeit deutlich wird. Die IGR beschäftigt sich mit der Technical Compli­ance bei Planung, Genehmigung, Errichtung, Betrieb und Instandhaltung von verfahrens-, prozess- und energietechnischen Anlagen, unter anderem durch die Vertretung der Mitgliedsfirmen im Bereich der Regelwerksüberwachung, der Regelwerksverfolgung und der Wahrung von Anwenderinteressen durch aktive Mitarbeit in regelsetzenden Gremien und Organisationen oder durch den Austausch von Informationen und Erfahrungen im Hinblick auf den Lebenszyklus von prozess­technischen Anlagen.

Wie wollen Sie die IGR in den nächsten Jahren voranbringen?

W. Sievers: Zu meinen Schwerpunkten zählen, neue Impulse zu setzen und unsere Industrie kontinuierlich weiterzuentwickeln. Zum Nutzen unserer Mitglieder möchte ich die IGR voranbringen, zudem Interesse und Motivation bei unserem Nachwuchs wecken. Dabei geht es auch um die Organisation und Koordination des Know-how-Transfers, damit das erreichte Wissensniveau bei Personalwechseln erhalten und sogar weiter gesteigert werden kann. Zudem ist ein wichtiger Schwerpunkt, weitere Unternehmen für eine Mitgliedschaft zu gewinnen. Dabei sind wir aber keineswegs strikt auf die Verfahrenstechnik limitiert: Die aktive Regelwerksverfolgung und -entwicklung ist auch in anderen Industrien ein großes Thema.

Zur Person

Werner Sievers ist Head of Industry Park Operations der Sanofi-Aventis Deutschland in Frankfurt am Main und seit 2019 Vorsitzender des Vorstands der IGR. Der promovierte Diplom-Ingenieur begann seine berufliche Laufbahn in der Zen­tralforschung des ehemaligen Höchst Konzerns, leitete eine Large-Scale-Produktionsanlage und wechselte dann in die Wirkstoffproduktion Chemie. Dort war Sievers als Standortleiter bis 2019 für die Produktion aller am Standort Frankfurt chemisch hergestellten Wirkstoffe für Arzneimittel verantwortlich.Neben seiner beruflichen Tätigkeit hält Sievers Vorlesungen in Bioverfahrenstechnik an der University of Applied Sciences Frankfurt.

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Interessengemeinschaft Regelwerke Technik (IGR) e. V.

Industriepark Höchst, Gebäude D 610
65926 Frankfurt am Main
Deutschland

+49 69-305-82416