Strategie & Management

Gesundheit & Ernährung: Bayers digitale Mission

Digitalisierung von Gesundheit und Landwirtschaft für eine nachhaltige Zukunft

20.03.2024 - Eine wachsende und alternde Weltbevölkerung sowie die zunehmende Belastung der Ökosysteme der Natur gehören zu den größten Herausforderungen, denen sich die Menschheit gegenübersieht.

Als eines der weltweit führenden Unternehmen in den Bereichen Gesundheit und Ernährung spielt Bayer eine Schlüsselrolle bei der Entwicklung von Lösungen für diese Herausforderungen. Getreu seiner Mission „Health for all, Hunger for none“ liefert Bayer bahnbrechende Innovationen im Gesundheitswesen und in der Landwirtschaft, wobei profitables Wachstum und Nachhaltigkeit als leitende Prinzipien dienen und somit einen positiven Beitrag zur Gesellschaft und Umwelt leisten.

Als Teil der CHEManager-Serie über Digitalisierungsstrategien renommierter Chemie- und Pharmaunternehmen sprach Bijoy Sagar, Executive Vice President und Chief Information and Digital Transformation Officer bei Bayer, mit Stefan Guertzgen über die Rolle, die die digitale Transformation zur Unterstützung der Mission von Bayer spielt.

CHEManager: Herr Sagar, welche Rolle spielt die Digitalisierung für das nachhaltige Wachstum und die Wettbewerbsfähigkeit Ihres Unternehmens?

Bijoy Sagar: Allgemein betrachten wir die Digitalisierung als ein Mittel, um unsere Mission „Health for all, Hunger for none“ voranzubringen und unsere Kunden mit den bestmöglichen Produkten und Services zu bedienen. Ein Schlüsselbereich ist beispielsweise die Medizin 3.0, eine aufkommende Philosophie im Gesundheitswesen, die einen Paradigmenwechsel von der traditionellen Konzentration auf die Krankheitsbehandlung zu einem proaktiveren Ansatz darstellt, bei dem Prävention, eine höhere Lebenserwartung und eine langfristige Gesundheit im Vordergrund stehen. Hier setzen wir Rechenleistung wirksam ein und nutzen Daten und Lösungen, um Ärzte besser zu unterstützen oder völlig neue Therapien zu entwickeln.

 

„Medizin 3.0 stellt einen Paradigmenwechsel von der traditionellen Konzentration
auf die Krankheitsbehandlung
zu einem proaktiveren Ansatz dar.“

 


Ein weiterer Schwerpunkt ist unser Agrarbereich. Moderne Konzepte der Präzisionslandwirtschaft ermöglichen es, höhere Erträge zu erwirtschaften. Wir helfen den Landwirten dabei, die besten Entscheidungen in Bezug auf Effizienz, Produktivität, Qualität und Nachhaltigkeit der landwirtschaftlichen Produktion zu treffen. Nicht zuletzt nutzen wir Daten und Lösungen auch im Bereich Consumer Health, um Verbraucher mit den richtigen Produkten zur richtigen Zeit zu versorgen und ihnen Selfcare-Lösungen anzubieten, die auf ihre individuellen Bedürfnisse zugeschnitten sind.

Können Sie etwas näher auf spezifische Aktivitäten in diesen Schlüsselbereichen eingehen?

 

 

„Eines unserer Hauptziele ist es, Kulturen von Nutzpflanzen widerstandsfähiger gegen die Bedrohungen des Klimawandels zu machen.“



B. Sagar: Bei Crop Science beschäftigen wir uns unter anderem mit Genetik und Mikroklimadaten, beides ist sehr wichtig für die Entwicklung besserer Produkte. Wir verfügen über die größte Pflanzengenom-Datenbank, die das Produktdesign unterstützt und Landwirten hilft, beste Ergebnisse zu erzielen. Eines unserer Hauptziele ist es, Kulturen von Nutzpflanzen widerstandsfähiger gegen die Bedrohungen des Klimawandels, wie zum Beispiel schwere Stürme, zu machen.

Innovationen wie unsere kurzstämmigen Maishybride als Teil eines Smart-Corn-Systems werden dabei zu Schlüsselfaktoren, da sie 30-40 % kleiner als herkömmlicher Mais sind, was die Kultur stabiler macht, so dass diese bei starkem Wind nicht so schnell bricht oder umfällt.

Ähnlich helfen unsere Datenmodelle in der Pharmazeutik, Medikamentenwechselwirkungen besser zu verstehen und klinische Prozesse zu beschleunigen. Die Erfassung, Verarbeitung und Analyse von Daten als Grundlage und die Nutzung dieser Daten für die Entscheidungsfindung und Wertschöpfung sind entscheidend für den Erfolg in all unseren drei Divisionen und anderen Unternehmensbereichen.

Künstliche Intelligenz ist derzeit in aller Munde. Welche Rolle spielen KI und andere Technologien für Ihre Innovation und Transformation?

B. Sagar: KI hat für uns eine große Bedeutung, wir setzen sie aber nur dann großflächig ein, wenn wir einen klaren und überzeugenden Business Case für ihre Anwendung haben. Ein Beispiel ist die Calantic-Digital-Solutions-Plattform, die wir letztes Jahr gelauncht haben. Diese Plattform bietet Zugang zu digitalen, KI-basierten Anwendungen für die medizinische Bildgebung und befähigt Radiologen und ihre Teams, die Produktivität erheblich zu steigern. Bayer verfügt nun über ein vollständiges Radiologie Portfolio, um medizinische Fachkräfte in allen Phasen des gesamten Patientenweges zu unterstützten – von der Diagnose bis zur Behandlung.

Ein weiteres Beispiel ist unsere Climate-FieldView-Plattform, die Landwirten einen ganzheitlichen Blick auf ihre Arbeitsabläufe ermöglicht. Milliarden von Datenpunkten von Fernsensoren, Satelliten oder Drohnen, die eine Vielzahl von Parametern überwachen, werden über KI verbunden und verarbeitet, um Landwirten proaktiv Entscheidungshilfen zu bieten, damit sie größere Ernteerträge erzielen und weniger Ressourcen verbrauchen, zum Beispiel weniger Flächen, weniger Energie und weniger Wasser.

Darüber hinaus bringt unsere Consumer Health Division neue digitale Präzisionsgesundheitsprodukte auf den Markt. Wir haben die Geschäftseinheit Precision Health ins Leben gerufen, die mit den innovativsten Start-ups an folgenden Zielen arbeitet: Eintritt in den aufstrebenden Markt der digitalen Therapeutika, Beschleunigung von Multi-Omics-Heim-Biomarkertests, Unterstützung der Menschen auf ihrem Weg zu einem gesunden Altern und der Entwicklung eines Engagement-Tools, das eine 360-Grad-Ansicht auf die Herausforderungen von Gesundheitszielen bietet.

Mit generativer KI experimentieren wir derzeit in einem Sandbox-System und entwickeln sie nach und nach weiter. Wir haben festgestellt, dass Small Language Models – „kleine Sprachmodelle“ - kurzfristig mehr Wert liefern. Wir waren das erste Unternehmen in Europa, das 2023 begonnen hat Microsoft Copilot zu testen und damit zu experimentieren. Hier sehen wir Vorteile für Bayer, die diese Anwendungen mit sich bringen.

Wir verfügen über eine gemeinsame Infrastruktur für generative KI, die bereits vielversprechende Ergebnisse liefert, auch wenn wir noch einen weiten Weg vor uns haben, bevor wir hier das volle Potenzial erreichen. Was das Quantencomputing betrifft, genauer gesagt, Hochleistungs-TPU (Tensor Processing Unit) -Computing, arbeiten wir mit Unternehmen im Silicon Valley zusammen, um mehr über deren Einsatz von Algorithmen zu erfahren, und wir sind ziemlich optimistisch, im nächsten Jahr einige Anwendungsfälle in größerem Maßstab umsetzen zu können. Wir beschäftigen uns derzeit nicht näher mit Blockchain, da wir denken, dass diese Technologie vielleicht etwas überbewertet ist.

Wo stehen Sie bezüglich der Umsetzung Ihrer digitalen Transformationsstrategie?

B. Sagar: Als Voraussetzung für die Realisierung aller zuvor genannten Projekte haben wir in der ersten Phase eine grundlegende Infrastruktur eingerichtet. Im Februar 2023 haben wir die weltweite Bayer-Organisation in die Cloud verlagert – ein recht komplexes Migrationsprojekt und das bisher größte in Europa. In der zweiten Phase haben wir begonnen, das Backend unseres Unternehmens zu digitalisieren.

Außerdem hat Bayer eine Partnerschaft mit Microsoft geschlossen, um ein neues, cloudbasiertes Set digitaler Tools und Datenwissenschaftslösungen für die Landwirtschaft und angrenzende Industrien zu entwickeln, das neue Infrastrukturen und grundlegende Fähigkeiten für die Beschleunigung von Innovationen, die Steigerung der Effizienz und die Unterstützung der Nachhaltigkeit entlang der Wertschöpfungsketten mit sich bringt. Im Rahmen der Vereinbarung wird Bayer mit Microsoft zusammenarbeiten, um neue Lösungen zu entwickeln, die sich mit Branchenszenarien befassen, wie zum Beispiel mit landwirtschaftlichen Betrieben, nachhaltiger Beschaffung, Verbesserungen in der Produktion und in der Lieferkette sowie der ESG-Überwachung und -Messung.

Da sich die Welt ständig verändert, müssen wir unsere Infrastruktur agil halten, um uns schnell an neue Technologien und Marktanforderungen anpassen zu können.

Was sind die wichtigsten Erfolgsfaktoren für Ihre Transformation?

B. Sagar: Unsere Strategie und Operationen werden immer vom Prinzip „die Mission kommt zuerst“ geleitet. Wir setzen Lösungen und Technologien zur Unterstützung unserer Mission ein, dabei ist die Zusammenarbeit über unsere Geschäftsbereiche und organisatorischen Einheiten hinweg entscheidend für den Erfolg. Darüber hinaus wird unser Geschäft von folgenden Leitprinzipien bestimmt:

1. Konzentration auf die vielversprechendsten Geschäftsmöglichkeiten mit dem höchsten Wert für Kunden. Dies beinhaltet auch die Fähigkeit, anderen gegenüber „nein“ zu sagen.

2. Sicherstellen, dass wir die richtigen Skills für vorrangige Projekte verfügbar haben, das heißt wir setzen auf interne Ausbildung, um die richtige DNA im Unternehmen für den zukünftigen Erfolg zu etablieren. Aber wir orientieren uns auch extern, wenn besondere Fähigkeiten erforderlich sind, zum Beispiel Datenwissenschaftler, um spezifische Lücken zu füllen.

3. Innerhalb der Ökosysteme gewinnen – dazu gehen wir Partnerschaften mit Universitäten, Start-ups und anderen Unternehmen ein, um ein „Ökosystem verbündeter Parteien“ aufzubauen.

Wo sehen Sie Ihr Unternehmen in drei bis fünf Jahren?

B. Sagar: Um den Weg für schnelle, nachhaltige Verbesserungen unserer operativen und finanziellen Leistung zu ebnen, hat der neue CEO von Bayer das Dynamic-Shared-Ownership-Modell, kurz: DSO, eingeführt. Dieses Modell kann nicht nur als eine strategische Neuausrichtung angesehen werden, die darauf abzielt, die Agilität und Reaktionsfähigkeit von Bayer in Bezug auf Marktanforderungen und Kundenbedürfnisse zu verbessern, es kennzeichnet auch einen Wandel in der Organisationsstruktur und der Unternehmenskultur. Aus externer Perspektive werden wir uns weiterhin auf die sich noch entwickelnden regulatorischen Rahmenbedingungen vorbereiten, den Datenschutz sicherstellen und uns darauf konzentrieren, die beste Zukunft für die Menschen und unsere Kunden zu schaffen.

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ZUR PERSON
Bijoy Sagar ist Executive Vice President und Chief Information and Digital Transformation Officer bei Bayer. Sagar hat Masterabschlüsse von der Universität Mumbai und der Northeastern University, Boston, USA, und außerdem einen Doktortitel in Recht und Politik im digitalen Gesundheitswesen. Bevor er zu Bayer kam, war Sagar u.a. als Chief Digital Technology Officer und CIO beim Medizintechnikunternehmen Stryker tätig. Sagar hat zudem für Pharma- und Biotechunternehmen in den USA und Europa gearbeitet, einschließlich Millennium Pharmaceuticals (jetzt Takeda), Amgen, Eli Lilly und Merck, und verfügt so über mehr als 20 Jahre Erfahrung in den Bereichen Gesundheitswesen und Chemie.

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