Märkte & Unternehmen

Nachhaltigkeit als Business Case

Für die Kunststofferzeuger ist die Transformation zur klimaneutralen Kreislaufwirtschaft entscheidend

23.07.2022 - Die kunststofferzeugende Industrie muss in einer zunehmend von Protektionismus und Abschottungstendenzen beeinflussten Welt wettbewerbsfähig bleiben und dies mit Spitzeninnovationen sichern. Zugleich muss sie die grüne Transformation entschieden vorantreiben.

Seit Mai dieses Jahres bin ich neuer Vorsitzender von Plastics Europe Deutschland, dem Verband der Kunststofferzeuger. Ich freue mich, dass ich in dieser für mich noch frischen Funktion direkt die Gelegenheit bekomme, dem von mir sehr geschätzten CHEManager zum 30-jährigen Jubiläum zu gratulieren.

In den vergangenen drei Dekaden ist in unserer Branche viel passiert, was vom CHEManager immer fachkundig und informativ begleitet wurde: Gerade in der Welt der Kunststoff­erzeuger gab es zahlreiche Umbrüche, Übernahmen, Aufspaltungen, Fusionen und einiges mehr. Geschäftsmodelle wurden hinterfragt, neue Entwicklungspfade beschritten – das alles immer unter dem wachsamen Auge dieser Redaktion. Und die Zeiten bleiben aufwühlend und spannend, so liefern sie Stoff für weitere Stories, News und Hintergrundeinblicke hier in diesem Heft. Unsere Branche befindet sich mitten in einer entscheidenden Transformation in Richtung des defossilierten Wirtschaftens. Damit aber der Weg hin zu einer klimaneutralen Kreislaufwirtschaft gelingt, müssen unsere Botschaften auch den Weg zu den Entscheidern unserer Industrie finden – und gerade diese erreicht der CHEManager schon seit vielen Jahren auf hervorragende Weise!

Unwägbarkeiten und Zäsuren

Es ist hinlänglich bekannt, dass unsere Branche mit vielen extrem belastenden Unwägbarkeiten zu tun hat. Das galt schon in Zeiten der Pandemie, die im Übrigen noch nicht durchgestanden ist. In Zeiten des russischen Angriffskrieges mit seinen zahlreichen Zäsuren für unsere Industrie wie für die gesamte Wirtschaft gilt das umso mehr: Von der Rohstoff- und Energieversorgung, über höhere Produktionskosten bis hin zu tiefen Einschnitten für Lieferketten und -wege. Dies fällt ausgerechnet in eine Zeit, in der unsere Branche ohnehin bereits gefordert ist, sich in verschiedenen Bereichen zu behaupten und enorme Summen für strategische Investitionen zu tätigen. Sie muss in einer zunehmend von Protektionismus und Abschottungstendenzen beeinflussten Welt wettbewerbsfähig bleiben und dies mit Spitzeninnovationen sichern. Zugleich muss sie die grüne Transformation entschieden vorantreiben und dabei auch ihren Beitrag zum Erreichen der Klimaziele des Pariser Abkommens leisten.

Wir Kunststofferzeuger sehen diese zwei Ziele nicht getrennt voneinander, wir denken sie vielmehr gemeinsam. Genau hierin wird ein Schlüssel für den Erfolg der kommenden Jahre und Jahrzehnte liegen. Unsere wichtigste Ressource hierzulande war schon immer unsere Innovationsfähigkeit. Diese brauchen wir auch, um uns aus der Energiefalle zu lösen, wettbewerbsfähige Produkte zu entwickeln und noch effizienter zu werden. Gerade der Export zirkulär-klima­neutraler Technologien und Anwendungen könnte unsere globale Wettbewerbsposition nachhaltig stärken. Zudem ist es richtig und wichtig, Plastik in der Umwelt nicht zu akzeptieren sowie auf nachwachsende Rohstoffe und erneuerbare Energien zu setzen. Sie sind klima­schonend, nachhaltig und Garant für Versorgungssicherheit und Unabhängigkeit. So sind die Sicherung der Wettbewerbsfähigkeit und die grüne Branchentransformation zwei Seiten derselben Medaille. Dabei gilt es drei Pfeiler zu beachten, auf denen die klimaneutrale Kreislaufwirtschaft aufgebaut sein wird. Zwei dieser Pfeiler haben wir selbst in der Hand, insofern wir den notwendigen Rückenwind seitens der Politik erhalten:

Erstens gilt es, so schnell wie möglich alle Anwendungen aus Kunststoff zu recyceln, im Kreis zu führen und mehr Rezyklate für neue Produkte auch tatsächlich einzusetzen. Dafür brauchen wir zum einen clever designte Produkte, die besonders recyclingfähig sind. Zum anderen brauchen wir hochmoderne Sortier- und Recyclingtechnologien und -anlagen. Erst im vergangenen Jahr wurde etwa eine Pilotanlage für mechanisches Recycling in Deutschland eröffnet – mit einem Mitgliedsunternehmen von Plastics Europe als treibender Kraft. Die Anlage kann Rezyklate mit hohem Reinheitsgrad und Beständigkeit, geringem Geruch und nur leichten Farbabweichungen erzeugen, und die erreichte Rezyklatqualität genügt sogar anspruchsvollen Anwendungen wie Konsumgütern, bei denen heutige Recyclingprozesse oft noch an Grenzen stoßen.

Keine Frage: Die Technologie des mechanischen Recyclings ist wichtig und weit fortgeschritten. Aber wir brauchen mehr. Für Kunststoffanwendungen, die nicht mechanisch zu recyceln sind, muss unser Lösungsportfolio über das werkstoffliche Recycling hinaus gehen. Hier wird das chemische Recycling wichtig, in das unsere Mitgliedsunternehmen in den nächsten Jahren Milliardensummen investieren. Geplant ist eine Steigerung von 2,6 Mrd. EUR im Jahr 2025 auf 7,2 Mrd. EUR im Jahr 2030. So sollen in 2025 auf diesem Weg bereits mehr als 1,2 Mio. t an recycelten Kunststoffen gewonnen werden, im Jahr 2030 sogar 3,4 Mio. t. Das sind wichtige Schritte, um die Recyclingziele der Europäischen Union zügig zu erreichen. Entlang der Wertschöpfungskette, insbesondere in der Kollaboration mit den Kunststoffmaschinenbauern und -verarbeitern, wird an weiteren spannenden Lösungen wie etwa dem digitalen Produktpass für effizientere Recyclingwege gearbeitet.

Zweitens gilt es, bei der Herstellung von Kunststoffen vom Einsatz fossiler Rohstoffe wegzukommen. Das Stichwort lautet: Defossilisierung. Das Konzept des „Renew­able Carbon“ gibt diesem Ziel einen konkreten Rahmen und ermöglicht eine echte Kohlenstoffkreislaufwirtschaft für Kunststoffe. Wie das gelingt? Renewable Carbon, also erneuerbarer Kohlenstoff, umfasst alle Kohlenstoffquellen, die bei der Produktion die Verwendung von zusätzlichem fossilem Kohlenstoff aus der Geosphäre ersetzen. Er kann etwa – bevorzugt – aus der Technosphäre stammen; damit sind alle Kunststoffanwendungen gemeint, die bereits existieren. Selbst wenn diese aus fossilen Quellen stammen, sind sie nun mal schlichtweg da und gehören bestmöglich recycelt und somit erneuert. Erneuerbarer Kohlenstoff kann aber auch aus der Atmosphäre stammen, indem etwa CO2 eingefangen und dieses zur Herstellung neuer Kunststoffe verwendet wird. Zuletzt kann erneuerbarer Kohlenstoff natürlich auch aus der Biosphäre stammen, d. h. aus Biomasse, bzw. aus nachwachsenden Rohstoffen. Bei all den dahinterstehenden Verfahren gehören unsere Mitgliedsunternehmen zu den Vorreitern was Forschung, Entwicklung und Einsatz betreffen.

Drittens gilt es, die Produktions- und Recyclinganlagen der Zukunft nicht mehr mit fossilen Energieträgern, sondern elektrisch sowie mit erneuerbaren Energien zu betreiben. Während unsere Branche die Umstellung auf elektrisch betriebene Anlagen weiter vorantreiben kann, ist sie bei den Erneuerbaren auf einen massiven und entschiedenen Ausbau angewiesen.

 

„Der Export zirkulär-klimaneutraler Technologien und Anwendungen könnte unsere globale Wettbewerbsposition nachhaltig stärken.“

 

Rückenwind seitens Politik und Gesellschaft

Klar ist: Um all diese Technologien und Projekte voranzutreiben, benötigt unsere Branche den Rückenwind seitens Politik und Gesellschaft – und zwar weit über den Ausbau grüner Energie hinaus. Wenn Unternehmen bereit sind, hohe Investitionen zu tätigen um neue, besonders effiziente und nachhaltige Anlagen zu bauen, dann brauchen wir zügig auch die Genehmigungen dafür – deutlich schneller als das aktuell der Fall ist! Und wenn Unternehmen bereit sind, hohe Investitionen zu tätigen, um Anlagen für das chemische Recycling zu bauen und Renewable-Carbon-Technologien im großen Maßstab zu realisieren, dann brauchen sie einen regulatorischen Rahmen, der ihnen Planungssicherheit gibt. So ist es etwa essenziell, dass bei der Berechnung von rezyklierten Kunststoffmengen im Kontext der Recyclingziele der EU auch Rezyklate aus chemischen Recyclingverfahren angerechnet werden. Und wenn es um Ausnahmen von zusätzlichen Abgaben auf Kunststoffe geht – denken wir an die Plastikabgabe – dann sollten alle kreislauffähigen und nachhaltigen Produkte von diesen ausgenommen sein. Hierzu gehören Rezyklate aus mechanischem und chemischem Recycling ebenso wie Kunststoffe, die aus nachwachsenden Rohstoffen, insbesondere aus organischem Abfall, oder mithilfe von CO2 erzeugt werden.

Die genannten und viele weitere aktuelle Trends, Herausforderungen und Innovationen der Kunststoffindustrie werden im Oktober dieses Jahres auf der Weltleitmesse K zu sehen sein. Die gesamte K-Woche wird Plastics Europe Deutschland gemeinsam mit der Messe Düsseldorf auf der Sonderschau „Plastics Shape the Future“ mit einem ambitionierten Programm die drei großen K-Leitthemen Klimaschutz, Kreislaufwirtschaft und Digitalisierung behandeln. Unser Ziel sind offene Diskussionen mit allen, die sich für eine nachhaltige Kunststoffindustrie einsetzen: Politische Entscheidungsträger aus Berlin und Brüssel, Vertreter von NGOs, Wissenschaftler, Entscheider unserer Branche und renommierte Journalisten. Wir wollen zeigen, was unsere Branche drauf hat und dass Nachhaltigkeit unser Business Case geworden ist. Ich freue mich auf die K und auf viele tolle Gespräche – auch mit Ihnen, den Lesern des ­CHEManagers! Zum Abschluss wünsche ich der Redaktion im Namen unseres gesamten Verbandes alles Gute zu 30 Jahren erfolgreicher, fundierter und unersetzlicher Arbeit für Branche, Werkstoff und Leserschaft! Wie sagt man in einer globalisierten Welt: Keep up the great work!

 

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