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Die Schweizer Biotechbranche bleibt auf Erfolgskurs

15.06.2022 - Michael Altorfer, CEO der Swiss Biotech Association, gibt einen Überblick über die Schweizer Biotechbranche

Anfang Mai hat die Swiss Biotech Association in Zusammenarbeit mit EY und weiteren Partnerorganisationen die neueste Ausgabe des Swiss Biotech Raeports veröffentlicht. Demnach erwirtschaftete die Schweizer Biotechbranche 2021 einen Umsatz von 6,7 Mrd. CHF, verglichen mit 4,9 Mrd. CHF im Jahr 2020. 3,33 Mrd CHF wurden 2021 in Schweizer Biotechunternehmen investiert, wozu internationale Investoren einen großen Teil beitrugen. Die Investitionen in Forschung und Entwicklung (F&E) stiegen auf ein Rekordhoch von 2,56 Mrd. CHF. Auch waren Schweizer Unternehmen an zahlreichen Fusionen und Übernahmen sowie an Kooperations- und Lizenzvereinbarungen beteiligt. CHEManager befragte Michael Altorfer, CEO der Swiss Biotech Association, zu den positiven Trends und den Aussichten für die Branche.

CHEManager: Die Schweizer Biotechbranche verzeichnete 2021 einen Umsatzanstieg auf 6,7 Mrd. CHF. Worauf führen Sie diese positive Entwicklung zurück?

Michael Altorfer: Der Umsatzanstieg basierte sowohl auf gestiegenen Produkteverkäufen als auch auf hohen Einnahmen aus Lizenz- und Kooperationsvereinbarungen. Gleichzeitig bauten die Schweizer Biotechfirmen 2021 ihre Produktepipeline dank rekordhoher Investitionen in Forschung und Entwicklung weiter aus und die Swissmedic bewilligte 45 Marktzulassungsanträge.

Welchen Effekt hatte die Covid­-19-Pandemie auf diese Entwicklung?

M. Altorfer: Die Pandemie hat deutlich aufgezeigt, wie viel Schaden eine unkontrollierte Ausbreitung eines Pathogens verursachen kann. Der Life-Sciences-Sektor rückte damit als Innovator in den Mittelpunkt des Interesses. Die Schweizer Biotechbranche spielte dabei eine wichtige Rolle und lieferte Diagnostika, Impfstoffe und Medikamente sowie wesentliche Erkenntnisse in der Sequenzierung der verschiedenen Corona-Virentypen.

Ihre während Jahrzehnten aufgebauten Plattformtechnologien, Forschungs-, Produktions- und Distributionskapazitäten gekoppelt mit guter nationaler und internationaler Vernetzung bei der wissenschaftlichen und geschäftlichen Zusammenarbeit und Koordination halfen mit, um sehr schnell und wirkungsvoll auf diese globale Bedrohung zu reagieren. Die Zusammenarbeit zwischen Lonza und dem US-Biotech-Unternehmen Moderna in der Herstellung eines Covid-mRNA-Impfstoffs ist ein prominentes Beispiel. 2021 gelang es zudem zwei Schweizer Biotechfirmen – Humabs BioMed/Vir Biotechnology und Molecular Partners – wirksame Covid-Therapeutika zu entwickeln.

Auch die F&E-Investitionen der Branche sind 2021 auf ein Rekordhoch gestiegen. Auf welchen Themen liegt in der Forschung und Entwicklung der Fokus?

M. Altorfer: Tatsächlich wurden insgesamt rekordhohe 2,56 Mrd. CHF in Lösungen für bislang ungedeckte medizinische Bedürfnisse investiert. Im Zentrum standen große Indikationsgebiete wie die Immunonkologie oder Neurologie. Gleichzeitig stiegen auch die Investitionen in neuere Forschungsgebiete und Forschungsplattformen, wie zum Beispiel die Erforschung des Microbioms oder zellbasierte Therapien und auch datengesteuerte Geschäftsmodelle zur Entwicklung digitaler Therapeutika oder personalisierter Medizin. Der erfolgreiche Börsengang von Sophia Genetics und die EU-Zertifizierung für die Software Floodlight MS für Multiple Sklerose-Patienten von Roche untermauerten die Attraktivität solcher datengesteuerten Ansätze.

Seit mehr als einem Jahrzehnt steht die Schweiz an der Spitze des jährlich von der World Intellectual Property Organization veröffentlichten Global Innovation Index. Was sehen Sie als die Eckpfeiler dieses Erfolgs an?

M. Altorfer: Gemäß unserem Swiss Biotech Report haben vor allem drei Faktoren zu diesem Ranking beigetragen: „Knowledge & Technology Output“, „Infrastructure“ und „Creative Outputs“. Diese Erfolgsfaktoren spielen auch in der starken Entwicklung der Schweizer Biotech­industrie. Die führende Rolle der Schweiz bei Patentanmeldungen, ein starker Fokus auf die Ausbildung und translationale Forschung sowie ein gutes Investitionsklima und eine starke Forschungsinfrastruktur sind entscheidende Standortvorteile. Die gute internationale Vernetzung und Kooperationsfähigkeit der Schweiz ermöglicht den Schweizer Biotechunternehmen, diese Stärken in vielen internationalen Zusammenarbeiten einzubringen.

 

„Schweizer Biotechfirmen und die Pharmaindustrie
entwickeln und produzieren
für die ganze Welt.“



Angesichts der geringen Größe ihres heimischen Markts haben sich die Schweizer Unternehmen schon immer international positioniert. Sehen Sie dies als einen Grund an, warum die Branche heute nicht nur attraktiv für internationale Investoren und Kooperationspartner, sondern auch für Talente aus anderen Ländern ist?

M. Altorfer: Absolut. Schweizer Biotechfirmen und die Pharmaindustrie entwickeln und produzieren für die ganze Welt, womit sie nicht nur über 40 % zum Exportvolumen des Landes beitragen, sondern auch einen wichtigen Beitrag zur weltweiten biomedizinischen Innovation leisten und auch für viele internationale Talente bleibt es ein attraktiver Standort.

In der Schweiz erhalten risikobasierte Start-ups sowie kleine und mittlere F&E-Firmen keine direkte staatliche Unterstützung. Erachten Sie das im internationalen Vergleich als Wettbewerbsnachteil?

M. Altorfer: Wenn der Staat in die Wirtschaft eingreift, sind Wettbewerbsverzerrungen vorprogrammiert. Wettbewerb jedoch steigert die Fähigkeit, noch agiler und stärker zu werden. Die rekordhohen Kapitalzuflüsse der letzten beiden Jahre bestätigen in einer überzeugenden Art und Weise, dass die Investoren weiterhin von der Attraktivität der Investi­tionsmöglichkeiten in der Schweizer Biotechindustrie überzeugt sind. Die florierende Start-up-Szene dürfte auch durch das neue Kapitalmarktsegment Sparks von der SIX Swiss Exchange und der Gründung neuer biotechnologiespezifischer Investmentfonds wie zum Beispiel Pureos Bioventures und Bernina Bioinvest weiteren Auftrieb erhalten.

Wie sieht Ihre Einschätzung für die Entwicklung der Schweizer Biotechbranche im Jahr 2022 aus? Was werden die größten Herausforderungen sein?

M. Altorfer: Die positive Entwicklung der Produktpipeline und Investitionen sowie die ungebrochene Innovationskraft stimmen mich zuversichtlich, dass die Branche weiterhin stark bleibt. Mit rund sieben Milliarden Liquiditätsreserven sind die Schweizer Biotechfirmen insgesamt auch gut für die Zukunft gerüstet. Die internationalen Bedingungen werden allerdings immer herausfordernder, da viele Nationen zu nationalen und schützenden Maßnahmen greifen.

 

„Mit rund sieben Milliarden Liquiditätsreserven
sind die Schweizer Biotechfirmen
insgesamt auch gut für die Zukunft gerüstet.“

 

So ist die Schweiz zum Beispiel zurzeit kein vollständig assoziiertes Mitglied bei Horizon Europe. Auch die von Indien und Südafrika angestoßene Diskussion zur Schwächung des Patentschutzes geht in die falsche Richtung, denn für Innovatoren in der ganzen Welt ist die Fähigkeit geistiges Eigentum zuverlässig zu schützen, eine zwingende Voraussetzung für Investitionen in unserer Branche. Wenn es immer schwieriger ist, Ergebnisse gemeinsam zu nutzen und zusätzliche Hürden in der wissenschaftlichen Zusammenarbeit entstehen, wird sich das Tempo der biomedizinischen Innovation zwangsläufig verlangsamen.

ZUR PERSON
Michael Altorfer ist CEO der Swiss Biotech Association (SBA). Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Life-Sciences-Industrie. Als Mitglied der Geschäftsleitung unterstützte er den Aufbau von Polyphor in der Schweiz. Altorfer startete seine Karriere als Wissenschaftler in der Pharmaforschung u. a. bei Roche. Von 1996 bis 2001 war er bei der Investmentbank UBS Warburg tätig.

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