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Wege in die Klimaneutralität

Agora Energiewende: Was die Industrie jetzt von der Politik braucht

16.08.2021 - Die Energiewende ist erfolgreich, wenn Deutschland auch bei wachsenden Anteilen erneuerbarer Energien ein starker Industriestandort bleibt. Hierfür braucht es die richtigen politischen Rahmenbedingungen.

Politik, Unternehmen und Gesellschaft diskutieren seit Jahren über Ziele und mögliche Wege hin zur Klimaneutralität – jedoch mit schleppendem Erfolg. Mit dem Beschluss des Bundesverfassungsgerichtes im April 2021 gewann die Diskussion politisch deutlich an Fahrt: Quasi über Nacht novellierte die Bundesregierung das Klimaschutzgesetz und beschloss, dass Deutschland bereits 2045 klimaneutral sein soll. Zudem sollen die Treibhausgasemissionen in Deutschland bis 2030 um 65% statt wie bisher um 55% im Vergleich zu 1990 gesenkt werden.

Die Chemieindustrie wird einen wesentlichen Beitrag zu dieser Zielerreichung leisten. Sie liefert in sämtlichen Wertschöpfungsketten Bausteine für Produkte, die zur Minderung von Treibhausgasemissionen beitragen können. Kaum eine andere Branche hat daher bessere Voraussetzungen, den Schritt zur Klimaneutralität in die Breite der Wirtschaft zu tragen und so zu helfen, den CO₂-Fußabdruck von Endprodukten zu reduzieren.

Die CO₂-Reduktion in der Chemie muss auf zwei Ebenen stattfinden: Durch klimaneutrale Produktionsanlagen und durch chemische Produkte, die selbst klimaneutral sind. Die Herausforderung dabei ist, das Ziel Klimaneutralität zu realisieren, ohne dass Unternehmen internationale Wettbewerbsfähigkeit einbüßen oder der Klimaschutz selbst auf der Strecke bleibt. Um herauszufinden, wie die Politik die Transformation der Industrie unterstützen kann, haben Agora Energiewende, die Stiftung 2° und Roland Berger mit 17 führenden Industrieunternehmen einen mehrmonatigen Dialog geführt. Darunter auch die Chemieunternehmen BASF, Bayer, BP, Covestro, Lanxess, Wacker und Worlée-Chemie.

Die Projektbeteiligten waren sich einig, dass die Transformation in ein klimaneutrales Zeitalter kein Selbstläufer ist und die Politik hierfür dringend den Rahmen schaffen muss – zumal in den nächsten fünf bis zehn Jahren viele Altanlagen ersetzt oder umfassend modernisiert werden müssen. Die nächste Investitionsentscheidung muss bereits mit Klimaneutralität 2045 im Einklang stehen, ansonsten drohen Investitionsruinen. Zur Bewältigung dieser Herausforderung braucht es vor allem eins: Planungs- und Investitionssicherheit für Unternehmen durch aktive Klimapolitik. Denn kein Unternehmen investiert in klimaneutrale Technologien, solange dadurch wettbewerbliche Nachteile drohen. Damit der technischen Wandel in Richtung Klimaneutralität Fahrt aufnimmt, braucht es Klimaschutzverträge, sog. Carbon Contracts for Difference (CCfD), die die Differenzkosten zwischen alter und neuer Technologie ausgleichen. Gleichzeitig müssen Leitmärkte für grüne Produkte entwickelt werden. Dazu gehört auch, dass die grüne Eigenschaft kenntlich gemacht wird.

Am Ende des Dialogprozesses „Klimaneutralität: Was die Industrie jetzt von der Politik braucht“ standen zwölf Handlungsempfehlungen (vgl. Grafik), die aus Sicht der beteiligten Unternehmen die Transformation ermöglichen können. Für Chemieunternehmen sind dabei folgende Maßnahmen besonders wichtig:

Rascher Ausbau der erneuerbaren Energien und der entsprechenden Infrastruktur: Die Elektrifizierung von Anlagen, etwa durch den Einsatz von Wärmepumpen wo heute Gaskessel stehen, führt nur dann zur CO₂-Reduktion, wenn der zusätzliche Strombedarf der Industrie durch grünen Strom gedeckt werden kann. Daher muss die Regierung den Ausbau von Wind- und Solaranlagen bis 2030 konsequent verdoppeln sowie Planungs- und Genehmigungsverfahren entsprechend beschleunigen.

Wettbewerbsfähige Strompreise: Die Stromkosten der energieintensiven Industrie sind ein großer Posten der Betriebskosten und entscheiden maßgeblich über die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen und deren Produkte. Eine grundlegende Reform des Systems von Steuern, Abgaben und Umlagen auf Strom auf Basis der CO₂-Intensität der Energieträger ist daher dringend notwendig. Zentral ist die Abschaffung der EEG-Umlage. Ohne eine umfassende Reform bleibt die Elektrifizierung der Industrie Wunschdenken.

Klimaschutzverträge: Noch sind klimaneutrale Technologien teurer als die konventionellen Technologien. Um trotzdem die erforderliche Technologietransformation anzustoßen, sollten die Differenzkosten durch Carbon Contracts for Difference ausgeglichen werden. CCfDs sollten insbesondere bei Produktionsverfahren zum Einsatz kommen, deren CO₂-Einsparpotenzial und Vermeidungskosten hoch sind. Im Chemiesektor sollten CCfDs vorneweg die Produktion von Ammoniak auf Basis klimaneutralen Wasserstoffs fördern. Perspektivisch können diese auch weitere Schlüsseltechnologien wie den Elektrocracker oder das chemische Recycling fördern.

Erneuerbarer Wasserstoff und Wasserstoffwirtschaft: Erneuerbarer Wasserstoff reduziert in der Chemie wesentlich die Treibhausgasemissionen, etwa zur Herstellung von Ammoniak. Für die erforderlichen Mengen – auch in anderen Branchen ist hoher Bedarf absehbar – braucht es den raschen Aufbau von Produktionskapazitäten (Elektrolyseure) und Infrastruktur in Deutschland und Europa sowie den Import von Wasserstoff bspw. aus Norwegen oder Nordafrika. Diese Entwicklung erfordert einen Mix aus angebots- und nachfrageseitigen Instrumenten. Eine Schlüsselrolle spielen hier CCfDs, die die Abnahme von erneuerbarem Wasserstoff sichern. Um den raschen Markthochlauf auch schon vor 2030 zu ermöglichen, sind übergangsweise Alternativen der CO₂-armen Wasserstofferzeugung denkbar.

Kreislaufwirtschaft: Sie bietet ein enormes Potential zur Energie- und Ressourcenschonung. Neben fiskalischen Anreizen und regulatorischen Vorgaben können Initiativen entlang der Wertschöpfungsketten helfen, Kreisläufe zu schließen und Sekundärrohstoffe stärker zu nutzen. Wichtige Voraussetzung dafür ist die Stärkung von chemischem Recycling. Erst dadurch werden Fraktionen für das Recycling zugängig die heute mechanisch nicht erschlossen werden können.

Carbon Capture Utilization/Storage (CCU/S): Für manche fossilen Technologien gibt es keine CO₂-freie Alternativen, so dass – Stand heute – unvermeidbare CO₂-Emissionen bleiben. Diese Emissionen können abgeschieden und anschließend als Kohlenstoffquelle für langlebige Produkte (CCU) genutzt werden oder geologisch eingelagert (CCS) werden. CCU und CCS ermöglichen bei Verwendung von Biomasse sogar Emissionen aus der Landwirtschaft zu kompensieren – also Negativemissionen. Gerade die CCS-Technologie bedarf einer öffentlichen Debatte, um Akzeptanz in der Bevölkerung zu schaffen.

Kleinere und mittlere Unternehmen (KMU) brauchen Zugang zu Ausgleichsinstrumenten für höhere Kosten durch die Energiewende. Dazu gehört die Abschaffung der EEG-Umlage ebenso wie die kostenlose Zuteilung von EU-ETS-Zertifikaten für Carbon Leakage gefährdete Unternehmen aller Größenklassen. Für die Investitionen in Schlüsseltechnologien brauchen die KMU einen unkomplizierten Zugang zu Finanzierungsinstrumenten.

Die Transformation zur klimaneutralen Industrie erfordert darüber hinaus das Aufstocken von Forschungsförderprogrammen, die wirksame Weiterentwicklung der CO₂-Bepreisung und des Carbon-Leakage-Schutzes, den Aufbau grüner Leitmärkte sowie eine aktive und mutige Klimapolitik. Der Zeithorizont für Planung, Genehmigung und Bau von Anlagen gibt vor, dass zur Zielerreichung der Klimaneutralität 2045 bereits der nächste Investitionszyklus entscheidend ist. Für die nächste Bundesregierung heißt das, Ärmel hochkrempeln und auf langwierige Grabenkämpfe in Koalitionsverhandlungen zu verzichten.

Autoren: Utz Tillmann und Frank Peter, Agora Energiewende

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ZUR PERSON
Utz Tillmann unterstützt Agora Energiewende seit September 2020 als langjähriger Kenner der chemischen und energieintensiven Industrie. Bis 2019 führte er als Hauptgeschäftsführer elf Jahre lang den Verband der Chemischen Industrie. Dort rief er unter anderem die Nachhaltigkeitsinitiative Chemie3 ins Leben und initiierte die Studie „Treibhausgasneutralität der Chemiebranche bis 2050“. Seit seinem Ruhestand im Jahr 2019 ist der promovierte Biologe Mitglied im Wirtschaftsbeirat der Grünen.
 

ZUR PERSON
Frank Peter ist stellvertretender Direktor von Agora Energiewende. In dieser Funktion koordiniert er auch die Arbeiten des Industrieprogramms der Organisation. Vor seiner Tätigkeit für Agora arbeitete er zwölf Jahre bei Prognos in Berlin. Er hat zahlreiche Projekte zu Klimaschutzfragen in der Industrie, im Stromsektor und zu Erneuerbaren Energien sowohl für politische als auch privatwirtschaftliche Stakeholder geleitet. Peter studierte technischen Umweltschutz an der TU Berlin.
 

ÜBER AGORA ENERGIEWENDE
Agora Energiewende erarbeitet wissenschaftlich fundierte und politisch umsetzbare Wege, damit die Energiewende gelingt – in Deutschland, Europa und im Rest der Welt. Die Organisation agiert unabhängig von wirtschaftlichen und parteipolitischen Interessen und ist ausschließlich dem Klimaschutz verpflichtet.

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