Märkte & Unternehmen

Wirtschaften im Einklang mit der Natur

Landwirtschaft, Fischerei, Bergbau, Industrie und der Klimawandel sind Auslöser für den Verlust von Biodiversität

13.12.2023 - Biodiversitätsverlust wird zunehmend zum Risikotreiber für Unternehmen.

Die biologische Vielfalt hat stark abgenommen. Neben der intensiven Nutzung und Zerstörung natürlicher Ökosysteme durch Landwirtschaft, Fischerei, Bergbau und Industrie ist zunehmend der menschengemachte Klimawandel Auslöser für den Verlust von Biodiversität. Viele Unternehmen der Chemie- und Pharmaindustrie sind auf unterschiedliche Weise davon betroffen. Umgekehrt wirkt sich unternehmerisches Handeln auf die Artenvielfalt aus.

Anders als in der Öffentlichkeit oft wahrgenommen geht es beim Rückgang der Biodiversität nicht nur um Insekten. Rund 1 Mio. Tier- und Pflanzenarten sind vom Aussterben bedroht.

Dieses Ausmaß des Verlusts von Artenvielfalt und Ökosystemen sowie die drohenden Folgen sind noch nicht in Gesellschaft und Wirtschaft angekommen. Dabei sind die Risiken, die dadurch auf Unternehmen zukommen, vielfältig und schon heute sehr konkret.
So führt z. B. der Verlust eines Ökosystems wie einer Küstenlandschaft dazu, dass der natürliche Puffer gegen Überflutungen entfällt und mögliche Schäden durch Versicherungen nicht mehr abgedeckt sind. Die Verknappung von natürlichen Rohstoffen kann für Chemie- und Pharmaunternehmen mit erheblichen Risiken für Investitionen verbunden sein. Zudem wirkt sich die schnelle Abnahme der biologischen Vielfalt auf die wirtschaftliche Nutzbarkeit von Flächen genauso aus wie auf den Umgang mit Wasser oder nutzbare genetische Ressourcen. Kredit- und Reputationsrisiken sind weitere Folgen. Und nicht zuletzt steigen die regulatorischen Anforderungen zum Schutz der Biodiversität für die Branche. Alles Gründe, sich mit dem Thema zu beschäftigen.

Die Natur als Dienstleister der Wirtschaft

Biologische Vielfalt ist mit einem erheblichen Nutzen für die Wirtschaft verbunden. Einige der Ökosystemdienstleistungen der Natur (Ecosystem Services, kurz ESS) können Wissenschaftler quantifizieren (vgl. Grafik "Biodiversität als Wirtschaftsfaktor" aus CHEManager 12/2023). So erbringen Insekten, die weltweit drei Viertel aller Nutzpflanzen bestäuben, eine Leistung im Wert von 1 Bio. USD pro Jahr. Insgesamt hängen 55 % der weltweiten Wirtschaftsleistung von funktionierenden Ökosystemen und den damit verbundenen ESS ab (ca. 42 Bio. USD). Entsprechend zählt die Gefahr des Verlusts von Biodiversität nach Einschätzung der Experten des Weltwirtschaftsforums mittlerweile zu den weltweit vier größten Risiken in den nächsten zehn Jahren, gemeinsam mit fehlendem Klimaschutz, mangelnder Klimaanpassung und Unwetterkatastrophen.

Auf 800 Mrd. USD jährlich werden die zusätzlichen Investitionen geschätzt, die notwendig wären, um einen weiteren Verlust der Biodiversität zu stoppen. Experten zufolge könnte schon eine Renaturierung von lediglich 15 % der zu Nutzland umgeformten Flächen ausreichen, um 60 % der heute bedrohten Tier- und Pflanzenarten vor dem Aussterben zu bewahren. Ein wirksamer Schritt in diesem Kontext wäre eine fleischarme Ernährung: Denn weltweit werden 80 % der Kulturflächen genutzt, um Tierfutter vor allem für die Viehzucht herzustellen.

EU-Regulierungen berücksichtigen die Artenvielfalt

Folgerichtig findet Biodiversität auch in viele  Regulierungsvorhaben Eingang. In der Recovery and Resilience Facility der Europäischen Union ist das grundlegende Prinzip der Schadensvermeidung („Do no significant harm“, kurz DNSH) ausdrücklich auf den Schutz von Biodiversität und Ökosystemen anzuwenden. Berücksichtigt wird Biodiversität auch im Klassifizierungssystem Sustainable Finance Taxonomy der EU, in den Rechnungslegungsvorschriften der Corporate Sustainability Reporting Direktive (CSRD) und den nachhaltigen Berichtsstandards der European Financial Reporting Advisory Group (EFRAG).

Unternehmensleitfaden für Biodiversität

Und dennoch spielt Biodiversität in den Nachhaltigkeitsstrategien von Unternehmen bisher kaum eine Rolle, was auch der Komplexität des Themas geschuldet ist. Es ist nicht einfach, Einflüsse von Unternehmen auf die Biodiversität zu quantifizieren. Zur Entwicklung einer Biodiversitätsstrategie sollten sich Unternehmen daher in einem ersten Schritt zunächst auf zwei wesentliche Fragen konzentrieren, empfiehlt Thomas Wagner, Nachhaltigkeitsexperte bei Accenture (vgl. Interview mit Thomas Wagner, Accenture: "Wirtschaft braucht biologische Vielfalt" aus CHEManager 12/2023): Welchen Einfluss hat die Biodiversität auf das eigene Geschäftsmodell? Und wie wirkt sich das Geschäftsmodell umgekehrt auf Biodiversität aus?

 

55 % der weltweiten
Wirtschaftsleistung
hängen von
funktionierenden Ökosystemen ab.

 



Mit einem Unternehmensleitfaden zur Biodiversität unterstützt Chemie³ Unternehmen der chemisch-pharmazeutischen Indus­trie dabei, die Auswirkungen ihres Handelns auf die Biodiversität zu ermitteln und Lösungen zu entwickeln. Die „Toolbox Biodiversität“ der Nachhaltigkeitsinitiative richtet sich an Unternehmen, die bereits begonnen haben, sich mit dem Themenfeld Biodiversität zu beschäftigen, und insbesondere an solche, die noch keine oder nur wenige Erfahrungen mit dem Thema haben.

Die Toolbox beleuchtet in ihrer Version 1.0 die Unternehmensstandorte (Scope 1) und die Lieferkette (Scope 2). Dabei werden zunächst Einflüsse betrachtet, die aus veränderter Land- und Meeresnutzung resultieren. Konkret handelt es sich dabei um Flächenverbrauch, Flächenversiegelung und Flächenfragmentierung. Sie wird kontinuierlich weiterentwickelt, um zukünftig weitere Faktoren, z. B. Einflüsse durch Abwasser oder Abfälle, abzubilden.

Während viele Chemieunternehmen bereits klare Klimaziele formuliert und einen Maßnahmenplan erstellt haben, ist das für die Biodiversität nicht der Fall. Doch Klimawandel und Artensterben sind nicht unabhängig voneinander zu betrachten, denn beide Krisen bedingen und verstärken sich gegenseitig.

Autorin: Andrea Gruß, CHEManager

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