Forschung & Innovation

Wissenschaft im Netz

Traditionell publizieren Wissenschaftler in Fachzeitschriften - das World Wide Web bietet neue Chancen

30.10.2012 -

Tag für Tag nehmen heute helle Köpfe globale Herausforderungen mithilfe innovativster Techniken in Angriff. Sie verändern die Welt, mit jeder ihrer Erkenntnisse. Eine Sache jedoch hat sich - seit dem Zeitalter Galileo Galileis - kaum verändert: Wie Forscher ihre Entdeckungen publik machen.

Das erste wissenschaftliche Fachmagazin überhaupt erschien im Jahr 1665. In den Philosophical Transactions of the Royal Society of London fanden sich kurze Anekdoten aus der Forschung, etwa über den Fund eines kristallinen Bleierzes in der Pfalz. Rund 320 Jahre später berichtete der israelische Physiker Dan Shechtman in einem Artikel in einem anderen Journal über Quasikristalle. Diese Entdeckung bescherte ihm im Jahr 2011 den Nobelpreis. Auch in unserer digitalen Epoche bleibt das Publizieren in gedruckten Fachjournalen die renommierteste Form der Wissensverbreitung.

Traditionelle Publikation
Jahrhunderte lang schien der Aufstieg der Fachzeitschriften unaufhaltsam. Aus einer 2003 veröffentlichten Elsevier-Studie, geht hervor, dass sich die Anzahl der neu erscheinenden Journals seit dem Jahr 1665 jeweils alle 20 Jahre verdoppelt hat.
Zweifelsohne haben diese Fachpublikationen unzählige Innovationen und Erkenntnisse verkündet und somit zum Fortschritt der Wissenschaft beigetragen. Jedoch fragmentierten die Fachbereiche zunehmend. Jede Disziplin und deren Unterdisziplin bekam ihr eigenes Medium. Eine Gefahr dieser Zergliederung ist der „wissenschaftliche Tunnelblick". John Wilbanks, Vizepräsident der Science Commons Initiative, schilderte das Problem in einem Vortrag im Jahr 2011 an der University of Southern California (UCLA). Wilbanks sagt, dass Antworten auf Fragen (etwa zur Heilung schwerer Krankheiten) womöglich bereits vorhanden seien, doch sei es bislang schwierig, die Verbindungen zwischen den einzelnen Erkenntnissen problemlos herzustellen.
(Noch) hat das Internet nicht diese Brücken bauen können und damit die ersehnte Innovation der wissenschaftlichen Kommunikation hervorgebracht. Als Sir Tim Berners-Lee 1989 das World Wide Web zum Leben erweckte, dachte er an all jene Dokumentationssysteme, die zu einem Teil dieses größeren Systems werden könnten. Doch auch nach 20 Jahren stecken Forscher noch immer in ihren Informationssilos fest. Sie können Ihre Artikel als PDF in digitale Archive hochladen und mit anderen teilen, aber das volle Potential des Internets scheint weitgehend ungenutzt. Theoretisch böte das Netz genügend Raum, um alle Ergebnisse zu veröffentlichen. Diese könnten mit Stichwörtern beschrieben, und so für jeden auffindbar werden.

Daten veröffentlichen, Wissen schaffen
Hierzu könnten auch die riesige Datenberge zählen, die in Schubladen verstauben und wahrscheinlich niemals von jemand anderen gesehen werden, als von demjenigen, der sie verhunzt hat: Pannen beim Aufbau des Experiments, eine falsch eingestellte Temperatur, oder ein Tropfen Säure (Kaffee?) in der Probe - im Labor kann so vieles schief gehen, aber davon bekommt man meist nichts mit. Einige Wissenschaftler mögen diese Ergebnisse ein peinliches Zeugnis ihrer Unfähigkeit verstehen. Tatsächlich sind genau diese Informationen womöglich das wertvollste, was Forscher besitzen: die Gelegenheit andere vor den gleichen Fehlern zu bewahren, den Weg zum Erfolg zu ebnen und wissenschaftlichen Fortschritt zu beschleunigen.
Eine Handvoll Fachzeitschriften veröffentlicht diese „negativen" Forschungsergebnisse. Hier wiederholt sich jedoch das Dilemma traditioneller wissenschaftlicher Publikationen. Forscher reichen ihre Arbeiten ein, Gutachter und Redakteure kontrollieren und entscheiden, was gedruckt wird. Das, was als System zur Einhaltung von Qualitätsstandards gedacht war, steht der Verbreitung qualitativ hochwertiger Wissenschaft nun im Weg. Wenn Forscher den Mittelsmann überspringen und ihre Erkenntnisse online zur Verfügung stellen würden, könnten schneller Lösungen für die dringenden Herausforderungen unserer Zeit gefunden werden.
Doch nicht nur sogenannte negative Daten gehen verloren. Eine Myriade Bits und Bytes an Daten wird in Forschungslaboren erhoben und umgehend gelöscht. Das ist auch beim Atlas-Experiment von CERN der Fall. Hier kollidieren Protonen rund eine Milliarde Mal pro Sekunde miteinander. Wenn man alle diese Datenträger übereinander stapelte, ergäbe das einen Turm, der zweimal vom Mond und zurück reicht. Um das zu verhindern, werden die Daten gefiltert, was interessant erscheint wird gespeichert, der Rest verworfen. Wer aber weiß, ob dieser vermeintlich unnützen Daten nicht in der Zukunft sinnvoll eingesetzt werden könnten? Auch die Europäische Kommission fordert in ihrem im Februar 2012 erschienenen Bericht Recommendation on Access to and Preservation of Scientific Information Wissenschaftler dazu auf, ihre Rohdaten in offenen Datenbanken zu speichern, um sie für spätere Generationen zu erhalten. Diese Archive sollten im Fall von staatlich finanzierter Forschung auch von öffentlicher Hand getragen werden.

Im Netz Reputation erlangen
Die ultimative Tücke wissenschaftlichen Publizierens steht jedoch ganz am Ende der Forschungsarbeit. Wie können Wissenschaftler ihre Publikationen einsetzen, um sich einen Namen zu machen? Heute wird hierfür oft der von Thompson Reuters herausgegebene Journal Impact Factor (JIF), verwendet. Der JIF soll das Prestige eines Journals ausdrücken und errechnet sich aus der Anzahl der Zitierungen eines Journals in einem Zeitraum von zwei aufeinander folgenden Jahren durch die Anzahl der in diesem Journal erschienen Artikel. Thompson Reuters selbst warnt davor, ihn als Indiz für die Qualität oder Verbreitung eines einzelnen Artikels zu verwenden. Die Zitationshäufigkeit einzelner Artikel schwanke stark, schreibt das Unternehmen auf seiner Website. Dennoch wird der JIF als Metrik zur Evaluierung individueller Leistung genutzt. So geht aus einer im Mai 2003 im Journal medizin - bibliothek - information erschienenen Studie hervor, dass ein Großteil der medizinischen Fakultäten in Deutschland von ihren Habilitationsanwärtern eine gewisse Anzahl an JIF-indizierten Fachbeiträgen fordert. Andere Maße zur Bestimmung wissenschaftlicher Reputation zielen stärker auf die Arbeit des Einzelnen ab, etwa der H-Index oder der G-Index. Doch auch sie beziehen sich meist nur auf in Journals erschienene Artikel. Die Wissenschaft braucht nun ein Maß für Reputation, das auch in Zukunft Bestand hat und die Arbeit eines Forschers in Betracht zieht, egal wo sie erscheint, ob online oder in gedruckter Form.

Referenzen und Quellenangaben sind beim Autor erhältlich. 

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