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Keine „Rösler-Delle“ für Deutschland

Interview mit Dr. Wolfgang Plischke, Vorsitzender des Verbands der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA)

12.05.2010 -

Der Verband der Forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) rechnet angesichts der geplanten Sparmaßnahmen im Gesundheitssystem mit negativen Folgen für die Pharmabranche, den medizinischen Fortschritt und den Investitionsstandort Deutschland (vgl. nebenstehenden Bericht). Der Koalitionsvertrag zwischen CDU/CSU und FDP habe die richtige Richtung zur Reform des Gesundheitswesens vorgegeben, doch nun verzettele man sich mit kurzfristigen dirigistischen Maßnahmen. Dr. Michael Reubold sprach darüber mit Dr. Wolfgang Plischke, dem Vorsitzenden des VFA.

CHEManager: Herr Dr. Plischke, was sind konkret Ihre Kritikpunkte an den Reformplänen der Bundesregierung, was sind Ihre Forderungen?

W. Plischke: Anstatt Vertrauen in die Kraft des Wettbewerbs zu setzen, baut der Minister auf kurzfristige, dirigistische Maßnahmen - wie einem Preisstopp für Medikamente und die Erhöhung des Zwangsrabatts. Die Belastungen der Industrie allein durch diese Maßnahmen belaufen sich voraussichtlich auf über 1,2 Mrd. € pro Jahr. Mit den Zwangsrabatten und dem rückwirkend geltenden Preismoratorium greift man in das laufende Geschäftsjahr der Unternehmen ein und untergräbt die Planungssicherheit. Wir fordern deshalb, dass es keine Vorverlagerung von Preismoratorium und Erhöhung des Zwangsrabattes auf den 1. August 2010 geben darf und dass die vorgeschlagenen dirigistischen Maßnahmen zeitlich eng befristet sind.

Die Pharmaindustrie ist eine der innovativsten Branchen. Als Gegenleistung für geringere finanzielle Belastungen der Pharmaunternehmen durch die Gesundheitsreform bieten Sie sozusagen die Innovationskraft der Branche. Kann man es so ausdrücken?

W. Plischke: Die forschenden Pharmaunternehmen sind ein Innovationstreiber der deutschen Wirtschaft. Damit das so bleibt, brauchen wir aber verlässliche Rahmenbedingungen und ein innovationsfreundliches Umfeld. Beides ist in Deutschland derzeit in Gefahr. Die aktuelle Gesundheitspolitik ist nicht darauf angelegt, diese dringend notwendigen Rahmenbedingungen zur Verfügung zu stellen. Wir unterstützen eine Reform des Arzneimittelmarkts. Diese muss aber dem wirtschaftlichen und therapeutischen Wert von innovativen Arzneimitteln gerecht werden.

Ihre Mitgliedsunternehmen investieren überproportional in Forschung und schaffen qualifizierte Arbeitsplätze, was für einen Innovations- und Technologiestandort wie Deutschland nicht unwichtig sein kann. Sehen Sie diesen Punkt in der Politik ausreichend gewürdigt?

W. Plischke: Die forschenden Pharmaunternehmen haben im Jahr 2009 trotz Wirtschafts- und Finanzkrise ihr Engagement zur Forschung und Entwicklung neuer Arzneimittel weiter ausgebaut und geben mittlerweile über 14 Mio. € pro Tag und 5.2 Mrd. € pro Jahr für Forschung aus. Dies sind ca. 10 % der gesamten Forschungsaufwendungen der deutschen Industrie. Damit tragen wir maßgeblich zum Wachstum des Innovationsstandorts Deutschland bei. Trotzdem belastet uns die Politik mit einem 16-prozentigen Zwangsrabatt und einem mehrjährigen Preismoratorium. Dieser Schritt ist völlig unangemessen und würdigt in keiner Weise den Innovationsbeitrag der forschenden Pharmaunternehmen. .

Welche Auswirkungen auf die Branche und den Standort Deutschland befürchten Sie, falls die geplanten Sparmaßnahmen unverändert umgesetzt werden?

W. Plischke: Die geplanten massiven Markteingriffe schaden dem Ruf des Investitionsstandortes Deutschland unter Entscheidern. Man braucht kein Prophet zu sein, um zu prognostizieren, dass angesichts solcher Maßnahmen Investitionen internationaler Pharmaunternehmen verstärkt an Deutschland vorbei fließen werden. Das finden Sie dann zwar in keiner Statistik. Neu-Investitionen im Pharmasektor, die anderen Standorten zufließen, bemerken Sie aber indirekt über stärkere Wachstumsraten vergleichbarer Standorte. Ich hoffe, dass ich Ihnen und Ihren Lesern in einem Jahr keine „Rösler-Delle" für Deutschland verkünden muss. Ausschließen kann ich dies aber bei dem derzeitigen Diskussionsstand nicht.

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