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Chemiekonjunktur – Lateinamerikas Chemie in schwierigem Fahrwasser

Die Chemie- und Pharmaproduktion der Region entwickelt sich verhalten

21.04.2020 - Die lateinamerikanischen Volkswirtschaften sind krisenanfällig. Der Industriesektor ist zu klein und zu wenig diversifiziert.

Viele Länder Lateinamerikas waren für lange Zeit Hoffnungsträger der Weltwirtschaft. Anfang des Jahrtausends prägte der Begriff BRIC die öffentliche Diskussion. Die vier Länder Brasilien, Russland, Indien und China standen für die ökonomische Machtverschiebung von den westlichen Industrienationen hin zu den aufstrebenden Schwellenländern. Bis zur globalen Finanzkrise hatte dies für Lateinamerika Gültigkeit. Die Volkswirtschaften der Region wuchsen dynamisch und die industrielle Produktion wurde kräftig ausgebaut. In der Folge wuchs die konsumstarke Mittelschicht. Nach der Finanzkrise wandelte sich das Bild. Das gesamtwirtschaftliche Wachstum schwächte sich deutlich ab. Im Jahr 2019 schmolz es fast auf null ab (Grafik 1). Die Krisen in den Schwergewichten der Region Brasilien und Argentinien drücken auf das Wachstum. 

 

„Die Chemieindustrie in Lateinamerika
produziert hauptsächlich Grundstoffe.“

 

Seit 2016 befindet sich Argentinien in einer Rezession. Im laufenden Jahr muss ebenfalls mit einem Rückgang des Bruttoinlandprodukts (BIPs) gerechnet werden. Die Inflation hat mit mittlerweile 54 % das höchste Niveau seit der Hyperinflation vor 30 Jahren erreicht. Devisen sind knapp und bestimmender Faktor der Konjunkturentwicklung sowie der Wirtschaftspolitik. Die Investitionen sinken weiter, da kaum Finanzierung zur Verfügung steht. Dringlichstes Thema ist die Umschuldung. Derzeit verhandelt Argentinien mit dem IWF und es besteht vorsichtiger Optimismus, dass eine Lösung gefunden wird. 

Brasiliens Wachstum hat zwar zuletzt den Weg aus der Rezession gefunden, die Dynamik ist aber weiterhin gering. Die industrielle Produktion kommt kaum vom Fleck und verzeichnete seit 2016 einen Zuwachs von rund 1 % pro Jahr. Zu wenig für ein Schwellenland. Zwar hatte bereits die letzte Regierung wirtschaftspolitisch den richtigen Weg eingeschlagen, allerdings schritt sie nicht entschlossen voran. Die neue Regierung verspricht einen Reformschub und hat mit der Rentenreform bereits einen Erfolg erzielt. Insgesamt sind die Rahmenbedingungen für Investitionen aber schwierig. Die überbordende Bürokratie, das komplexe Steuersystem und die schlechte Infrastruktur wirken belastend. 

Insgesamt bleiben die lateinamerikanischen Volkswirtschaften krisenanfällig. Der Industriesektor ist zu klein und zu wenig diversifiziert. Das langfristige Wachstum ist schwach. Seit dem Jahr 2010 konnte die Industrie in der Region kaum zulegen, wenngleich es Ausnahmen gab: Die mexikanische Industrieproduktion legte im Durchschnitt um knapp 2,5 % pro Jahr zu (Grafik 2). Hier dürfte sich das Freihandelsabkommen mit den USA und Kanada positiv ausgewirkt haben. Mexiko ist Produktionsstandort für viele Vorprodukte für die US-Industrie.

Schwache Entwicklung der Chemieproduktion

Verhalten entwickelte sich auch die Chemie- und Pharmaproduktion in den Ländern der Region. Besonders schwach entwickelte sich die Chemie in Argentinien und Brasilien – auch im langfristigen Trend (Grafik 3). Im ersten Quartal 2020 machte sich zusätzlich die Corona-Krise bemerkbar. Insgesamt ist die industrielle Nachfrage schwach. Darüber hinaus reichen die Produktionskapazitäten in der Region in keiner Sparte aus, um die Nachfrage zu decken. Lateinamerika ist Nettoimporteur von Chemikalien und Pharmazeutika. Das Handelsbilanzdefizit lag 2018 bei knapp 57 Mrd. EUR. Tendenz steigend (Grafik 4). Der Chemiesektor hat mit den für die Region typischen Problemen zu kämpfen. Die Unternehmen klagen vielerorts über eine schlechte In­frastruktur, Bürokratie und Korrup­tion. In Chile belasten die geringen Produktivitätssteigerungen zusätzlich. Die Chemieindustrie in Lateinamerika produziert hauptsächliche Grundstoffe. So lag der Anteil der Basischemie bei 44 %. Zu je knapp einem Viertel werden Pharmazeutika sowie Fein- und Spezialchemikalien produziert. Konsumchemikalien repräsentieren mit einem Anteil von 13 % die kleinste Sparte.

 

„Unabhängig von der aktuellen Krise ist Südamerika als
Investitionsziel 
von Interesse für die deutsche Chemie.“

 

Lateinamerika ist wichtiger Exportmarkt für die deutsche Chemie

In den letzten zwölf Jahren verdoppelten sich die deutschen Chemie- und Pharmaexporte nach Lateinamerika. Lagen im Jahr 2007 die Ausfuhren deutscher Chemie­unternehmen noch bei rund 2,5 Mrd. EUR, erreichten sie im Jahr 2019 knapp 5 Mrd. EUR. Im Zuge der wirtschaftlichen Turbulenzen in der Region hat sich die Wachstumsdynamik in den letzten Jahren allerdings deutlich abgeschwächt (Grafik 5). Im laufenden Jahr dürften die deutschen Exporte auf Grund der SARS-CoV-2 Pandemie hingegen deutlich schrumpfen. Unabhängig von der aktuellen Krise ist Südamerika als Investitionsziel von Interesse für die deutsche Chemie. Derzeit steht die Region für rund 4 % aller getätigten Direktinvestitionen der Branche. Zuletzt waren 122 Tochtergesellschaften deutscher Chemieunternehmen in Südamerika aktiv. Sie erwirtschafteten einen Umsatz von rund 10,5 Mrd. EUR und beschäftigten 36.000 Mitarbeiter.

Ausblick: Ungewisse Zukunft

Anfang 2020 hatte sich die konjunkturelle und strukturelle Entwicklung in Ländern wie Brasilien und Argentinien zunächst aufgehellt. In der aktuellen SARS-CoV-2 Pandemie steht die Region allerdings erst am Anfang. Gelingt es, die Ausbreitung des Virus frühzeitig zu bremsen, könnten die direkten wirtschaftlichen Folgen abgemildert werden. Die Voraussetzungen sind wegen der Weitläufigkeit und geringeren Mobilität der Menschen sowie des Klimas besser als in anderen Region der Welt. Es ist wichtig, dass dies gelingt, denn die fiskalpolitischen Möglichkeiten vieler Länder sind begrenzt. Schulden müssten in US-Dollar aufgenommen werden, Risikoaufschläge auf Grund der geringen Kreditwürdigkeit sind wahrscheinlich. Zudem sind die Währungen massiv unter Druck. Nahezu alle Länder haben ihre Grenzen geschlossen und das öffentliche Leben sowie die industrielle Produktion eingeschränkt. Brasilien, mit über 200 Mio. Menschen das größte Land der Region, fährt aktuell einen Schlingerkurs. Dies birgt ein großes Risiko. In Argentinien hat die Regierung zuletzt die weitreichenden Ausgangsbeschränkungen verlängert. Unabhängig von der Wirksamkeit der lokalen Maßnahmen schlägt die allgemeine schlechte weltwirtschaftliche Verfassung durch. Es ist nicht davon auszugehen, dass kurzfristig zur normalen Tagesordnung zurückgegangen werden kann. Dies belastet insbesondere die Kupferlieferanten Chile und Peru. Aber auch Brasilien und Argentinien sind auf Exporte nach China und in andere Regionen angewiesen. Vor diesem Hintergrund muss davon ausgegangen werden, dass die Region im laufenden Jahr schrumpfen wird. Industrie- und Chemieproduktion werden in die Rezession kommen. Wie tief die Rezession ausfällt, hängt davon ab, wie schnell die globale Wirtschaft wieder auf die Beine kommt. Mit jeder Woche, die die Beschränkungen anhalten, werden die negativen Effekte stärker.

ZUR PERSON
Henrik Meincke ist Chefvolkswirt beim Verband der Chemischen Industrie. Er ist seit dem Jahr 2000 für den Branchenverband tätig. Meincke begann seine berufliche Laufbahn am Freiburger Materialforschungszentrum. Der promovierte Chemiker und Diplom-Volkswirt studierte an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg

 

 

CHEManager 4/2020

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