PCC setzt auf Kontinuität und unternehmerische Freiheit

Waldemar Preussner hat aus einem ehemaligen Rohstoffhandelshaus einen internationalen Chemiekonzern gebaut

  • Die 2016 von PCC in Betrieb genommene Produktionsanlage für hochreine Monochloressigsäure (MCAA) dient der Erweiterung des Produktportfolios und der Erschließung neuer Industriekunden.Die 2016 von PCC in Betrieb genommene Produktionsanlage für hochreine Monochloressigsäure (MCAA) dient der Erweiterung des Produktportfolios und der Erschließung neuer Industriekunden.
  • Die 2016 von PCC in Betrieb genommene Produktionsanlage für hochreine Monochloressigsäure (MCAA) dient der Erweiterung des Produktportfolios und der Erschließung neuer Industriekunden.
  • Waldemar Preussner, Gründer und Verwaltungsratsvorsitzender, PCC: „Vielleicht bin ich so ein bisschen ein Manager der alten Generation.“
  • Tanklager der Sulphonierungsanlage 2 von PCC Exol in Brzeg Dolny (Polen). © PCC
  • PCC  Konzernhauptsitz in Duisburg. © PCC

Die PCC-Gruppe hat sich seit der Gründung 1993 zu einem internationalen Chemiekonzern mit rund 3.500 Mitarbeitern an 41 Standorten in 18 Ländern entwickelt. Ursprünglich als Handelshaus für petro-, carbo- und erdgasbasierte Rohstoffe in Duisburg gegründet ist das Chemiegeschäft heute der Hauptumsatzträger. Das Chemieportfolio umfasst fünf Segmente, die ihre Chemikalien hauptsächlich in Osteuropa produzieren und weltweit vertreiben. 2018 wurde mit PCC Specialties eine neue deutsche Tochtergesellschaft gegründet. Michael Reubold sprach mit Waldemar Preussner, dem Gründer und Verwaltungsratsvorsitzenden der PCC, über die Entwicklung des Unternehmens und die weiteren Pläne und Ziele.

CHEManager: Herr Preussner, die erste Frage an einen Unternehmensgründer ist üblicherweise die nach der Motivation zur Gründung.

Waldemar Preussner: Anfang der 1990er Jahre war ich im Rohstoffeinkauf tätig. Damals war das Internet so nicht vorhanden, also gab es im Rohstoffhandel noch nicht die Preistransparenz, die wir heute kennen. Ich sah, dass es Diskrepanzen zwischen den Rohstoffkosten in Osteuropa und den Rohstoffpreisen in Westeuropa gab. Das war sozusagen die Nische, in der wir damals die Petro Carbo Chem Rohstoffhandelsgesellschaft gegründet haben. Mit der Zeit haben sich durch die Privatisierungen in Osteuropa, speziell in Polen, Möglichkeiten ergeben, um Unternehmen, die wir schon aus dem Handelsgeschäft kannten, zu übernehmen.

War von Anfang an klar, dass Sie aus PCC ein Chemieunternehmen machen wollten?

W. Preussner: Nein, man lernt ja immer dazu, schaut, welche Aktivitäten rentabler sind und einen höheren Mehrwert bringen, und so versucht man, sich ständig umzuorientieren. Früher dachte ich, der Handel würde die besten Chancen bieten, dann dachte ich, sie lägen eher in der Chemie. Mittlerweile sind wir mehr als Investor aktiv, wir bauen auf und entwickeln weiter um anschließend gewinnbringend zu verkaufen. Die heutige PCC ist eine Mischung aus alledem. Sie spiegelt eine Entwicklung wider, in der man sich immer wieder an eine neue Situation anpasst.

Als Muttergesellschaft hält die PCC heute mittel- und unmittelbar Beteiligungen an insgesamt über 80 Unternehmen im In- und Ausland.

Basiert Ihr heutiges Chemieportfolio, das mit seinen fünf Segmenten rund 85 % Ihres Konzernumsatzes von rd. 780 Mio. EUR erwirtschaftet, auf einer Strategie?

W. Preussner: Unsere Strategie war von Anfang an, Wachstumschancen in weniger wettbewerbsintensiven Märkten zu suchen und dort Synergien mit den schon bestehenden Aktivitäten zu nutzen. Das war und ist ein schrittweiser Prozess und die fünf Chemiesegmente sind daher eher die Beschreibung des aktuellen Zustands. Wir sind als langfristig orientierter Investor schwerpunktmäßig im Chemiebereich aktiv. Und bei diesen Chemieaktivitäten finden sich solche, die wir weiter ausbauen werden. Dazu gehören zum Beispiel die Polyole und die Tenside. Dort wollen wir auch stärker in Spezialitäten investieren. Aber es gibt auch Bereiche, die wir weiter fortsetzen werden, obwohl sie derzeit noch weniger interessant sind.

Ihre Investitionstätigkeit in den letzten fünf Jahren ist mit über 700 Mio. EUR beachtlich, alleine 2018 haben Sie knapp 170 Mio. EUR investiert. Welche Investitionen der letzten Jahre würden Sie als Meilensteine betrachten?

W. Preussner: Im Grunde ist es die Summe aller Investitionen. Wir haben viele Expansionen in einzelnen Bereichen finanziert, das sind aber normale Erweiterungsinvestitionen. Vielleicht könnte man unsere neue Siliziummetall-Anlage in Island mit einer Kapazität von 32.000 t/a als Meilenstein betrachten und auch die 20.000-t/a-Anlage zur Produktion von hochreinem Dimethylether in Aerosol-Qualität in Russland. Beide haben wir 2018 in Betrieb genommen.

Die Produktionsanlage für Siliziummetall in Island ist weltweit eine der modernsten und umweltfreundlichsten. Siliziummetall wird unter anderem in der chemischen Industrie bei der Siloxan- beziehungsweise Silikonherstellung verwendet.

Dimethylether in dieser Qualität kann als Treibmittel in der Kosmetikindustrie, aber auch zur Herstellung von Polyurethan-Bauschaum verwendet werden und passt insofern zu unseren Polyole-Aktivitäten, weil wir nun aus einer Hand den Schaum und das Treibmittel anbieten können.

Auch in Ihr Segment Chlor haben Sie in den vergangenen Jahren erheblich investiert.

W. Preussner: Richtig. Mit der Inbetriebnahme einer neuen Chlor-Alkali-Elektrolyse im April 2015 haben wir die Umstellung unserer Chlorproduktion am polnischen Standort Brzeg Dolny auf die umweltschonende und energiesparende Membrantechnologie abgeschlossen und gleichzeitig die Kapazität unserer Chlorproduktion weiter erhöht. Dort beliefern wir auch On-site-Verbraucher mit Chlor, wie zum Beispiel den Pflanzenschutzmittelhersteller Adama.

Und mit dem Bau unserer Produktionsanlage für hochreine Monochloressigsäure am gleichen Standort konnten wir sowohl unsere eigene Chlor-Wertschöpfungskette verlängern als auch neue Märkte und Industriekunden erschließen. Hochreine Monochloressigsäure ist ein Wachstumsmarkt, sie wird als Zwischenprodukt zur Herstellung von Körperpflegeprodukten sowie in der Agrar-, Lebensmittel- und Pharmaindustrie eingesetzt.

Wir haben momentan eine Jahreskapazität von 50.000 Tonnen, die schon weitgehend ausgeschöpft ist, und sind bereits dabei, die nächsten Erweiterungen vorzubereiten. Die Anlage sollte in den nächsten drei bis fünf Jahren auf die doppelte Kapazität wachsen, damit wir unseren Eigenbedarf und auch den unserer Kunden decken können.

Letztes Jahr haben Sie die PCC Specialties gegründet. Was war die Intention, zusätzlich zum weiterbestehenden Segment Spezialchemie eine eigenständige Gesellschaft zu gründen?

W. Preussner: Wir standen vor einem Problem: Unsere Produktionsanlagen im Segment Spezialchemie befinden sich in Polen, in Osteuropa ist es jedoch schwierig, ausreichend viele potenzielle Mitarbeiter mit Fachwissen und anwendungstechnischem Know-how zu finden, die Sie brauchen, um Spezialitäten zu entwickeln. In Deutschland, gerade hier im Ruhrgebiet, gibt es viele solcher Experten, die zwar vielleicht noch bei Wettbewerbern tätig sind, aber dort vorzeitig ausscheiden und sich noch zu jung für die Rente fühlen. Diese erfahrenen Leute wollen jedoch eher da arbeiten, wo sie wohnen. Deshalb haben wir die PCC Specialties hier in Deutschland gegründet und mit Labors in Kamp-Lintfort angesiedelt.

„Bei anderen Unternehmen
wird so viel Wissen abgebaut,
das ist verrückt! Wir suchen solche Leute!“

Das ist der Hauptgrund. In der Spezialchemie brauchen Sie Mitarbeiter mit fachlichem und anwendungstechnischem Wissen. Bei anderen Unternehmen wird so viel Wissen abgebaut oder nicht genutzt. Das ist verrückt! Wir suchen solche Leute.

Aber die Chemieindustrie in Polen hat doch eine Tradition. Warum fehlt dann der Nachwuchs?

W. Preussner: Durch die Wendezeit ging sehr viel Nachwuchs für Chemieberufe verloren. Die technischen Studiengänge, die früher beliebt waren, sind fast leer. Jeder möchte heute Manager werden und eine Visitenkarte und einen Firmenwagen haben. Dadurch fehlt eine Generation an Betriebschemikern, und das versuchen wir jetzt wieder aufzubauen, indem wir mit Universitäten zusammen arbeiten. Wir kooperieren mit der Universität in Wroclaw, dem früheren Breslau, vergeben auch Stipendien und machen zweimal im Jahr eine Roadshow, um Studenten und Schüler für einen Beruf in einem Chemiebetrieb zu begeistern. In der letzten Zeit haben wir für unsere Standorte in Polen zwar sehr gute promovierte Chemiker bekommen. Aber die haben nicht die Anwendungserfahrung. Deshalb liegt der Schwerpunkt dafür in Deutschland. Und hier suchen wir Leute mit Erfahrung, die ihr Wissen in das Start-up einbringen könnten und dann am Ergebnis entsprechend beteiligt werden.

Also soll die PCC Specialties die Wertschöpfungstiefe bei bereits vorhandenen Produkten vergrößern – als eine Art interner Dienstleister für die anderen PCC-Gesellschaften?

W. Preussner: Sozusagen als Verlängerung einiger unserer Chemiesegmente. Die Produkte sind teilweise die gleichen, die jetzt im Segment Spezialchemie verkauft werden. Aber unsere polnischen Mitarbeiter konnten in der Vergangenheit dieses benötigte Fachwissen nicht aufbauen, weil es das dort einfach nicht gab. Es bietet sich also an, dass wir diese Spezialchemikalien hier weiterentwickeln, in Polen produzieren und dann weltweit verkaufen.

Dass die PCC Specialties mit derzeit 14 Mitarbeitern bereits eigene Produkte entwickelt hat, zeigt, dass in dem jungen Unternehmen, in dem gerade die Organisation aufgebaut worden ist, schon sehr viel Know-how zusammengekommen ist. Die Leute haben Ideen, wollen diese auf den Markt bringen, wissen, was am Markt verlangt wird, und können dem recht schnell entsprechen.

Sie haben die PCC Specialties ein Start-up genannt. Spiegelt das auch ein bisschen das Leitmotiv der PCC wider: So viel zentrale Führung wie nötig, aber so viel unternehmerische Freiheit für die einzelnen Geschäftstätigkeiten wie möglich?

W. Preussner: Bei der PCC ist jeder an dem Erfolg seiner Einheit beteiligt. Dieses Erfolgsbeteiligungssystem gilt auch bei der PCC Specialties. Die Mitarbeiter können sich über einen gewissen Zeitraum entfalten und dann wissen wir, wo es lang geht und ob wir in den nächsten drei bis fünf Jahren profitabel sein werden oder nicht.

Ich habe früher auch in anderen Unternehmen Erfahrungen gesammelt. Es war nicht immer motivierend, wenn man selbst eine super Arbeit gemacht, aber keine Prämie bekommen hat, weil das Unternehmen insgesamt seine Ziele nicht erreicht hat. Deshalb bekommt bei uns jeder einen konkreten Anteil am Ergebnis, und dieser prozentuale Anteil ist nach oben nicht begrenzt.

Ihr Führungsteam arbeitet seit fast 25 Jahren unverändert zusammen. Wie wichtig ist für Sie diese Kontinuität und wie bringen Sie auf der anderen Seite auch neue Ideen in das Unternehmen?

W. Preussner: Kontinuität ist für uns extrem wichtig. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das in anderen Unternehmen praktizierte amerikanische Modell, das heißt der ständige Austausch von Führungspersonen, ein gutes Modell ist.

Neue Ideen haben wir trotzdem. Man ist ja auf dem Markt aktiv, sieht, welche Produkte wo gesucht werden, wo wir noch nicht präsent sind. Und das liegt dann auf der Hand, dass man in diese Märkte expandiert.

Aber wenn man Trends und neue Technologien wie die Digitalisierung beobachtet, wo jetzt viele Unternehmen auf den Zug aufspringen, um den Anschluss nicht zu verpassen, könnte man dann sagen, dass PCC eher traditionell denkt?

 

„Vielleicht bin ich so ein bisschen
ein Manager der alten Generation.“

W. Preussner: Das glaube ich schon. Vielleicht bin ich so ein bisschen ein Manager der alten Generation. Wir müssen nicht bei den Vorreitern sein. In der Digitalisierung sehe ich für uns jetzt nicht so große Vorteile. Wie definiert man Digitalisierung für ein Chemieunternehmen überhaupt? Was die Geschäftsprozesse angeht, sind wir natürlich bereits digital, sind im Internet präsent, pflegen den Kontakt mit den Kunden über die modernen Kommunikationskanäle, und so weiter. Aber bei den Produktionsprozessen, da glaube ich, hängen wir in der Entwicklung noch ein bisschen zurück. Im Chemiebereich ist im Grunde schon alles automatisiert, und in unseren großen Produktionsstätten wie bei der PCC Rokita in Polen funktioniert bereits alles auf Basis von SAP-Systemen. Wir müssen aber auch berücksichtigen, dass wir das erst vor gut drei Jahren geschafft haben, denn wir brauchten natürlich eine gewisse Zeit für die Vernetzung der alten und neuen Anlagen und die Implementierung.

Wir können noch nicht von Industrie 4.0 reden, aber dass Anlagen untereinander kommunizieren, Parameter auswerten, Rezepturen anpassen und sofort Meldungen rausschicken, das ist die Zukunft.

PCC ist ja, wie Sie eingangs erwähnten, auch ein Investor mit einem Beteiligungsportfolio. Welche Rolle spielen denn M&A-Aktivitäten für den Konzern?

W. Preussner: Die Preise für den Kauf von Firmen sind extrem gestiegen und Sie kaufen viele Risiken mit ein, deshalb investieren wir momentan eher in neue Anlagen als in Firmenübernahmen.

Wie die bereits genannten. Gibt es auch aktuelle und geplante Investitionen?

W. Preussner: Ja, zurzeit bereiten wir eine Investition in Anlagen für Ethylenoxid und dessen Folgeprodukte in Lülsdorf südlich von Köln vor. An diesem Standort sind passende Flächen verfügbar, auf denen in der Vergangenheit verschiedene Chemieanlagen betrieben wurden. Mit dieser Produktionsanlage sichern wir die langfristige Rohstoffversorgung für die Weiterverarbeitung zu unseren Kernprodukten – Ethoxylate und Polyole. Dort investieren auch noch andere Firmen, die an unsere Pipeline angeschlossen werden. Die Gesamtinvestitionssumme liegt bei etwa 400 Mio. EUR. Mit unserer Investition – die größte, an der wir momentan arbeiten – wird die langjährige Chemietradition in Lülsdorf fortgeführt.

Auch in das Thema Elektromobilität werden wir damit investieren, denn Ethylenoxid ist auch das Vorprodukt für eine Elektrolytlösung für Lithiumbatterien. Wir haben mit einem chinesischen Hersteller dieser Elektrolytflüssigkeit ein Joint-Venture vereinbart und werden dafür eine Produktionsanlage in Deutschland und eine in Polen errichten. Zudem tätigen wir in Malaysia auch eine Investition für Folgeprodukte im Chemiebereich.

Eine ähnliche Investition in eine Ethylenoxid- und Derivateproduktion ist in Nordamerika geplant, wobei unsere Projekte in Deutschland und Asien Vorrang haben. Als nächsten Schritt werden wir dann den Ausbau unserer Präsenz in den USA angehen.

Sie haben im letzten Jahr rund 780 Mio. EUR Umsatz gemacht. Wann soll die Milliarden-Grenze fallen?

W. Preussner: Das hängt von den Preisen ab. In zwei Jahren vielleicht, aber das ist keine Zielsetzung. Es ist nicht entscheidend, ob wir eine Milliarde Euro Umsatz überschreiten oder nicht. Es muss profitabel sein. Wir haben ja vor etwa zehn Jahren große Logistikaktivitäten an die Deutsche Bahn veräußert; diese heute mitgerechnet hätten wir die Milliarden-Euro-Schwelle schon überschritten.


Zur Person
Waldemar Preussner
(60) ist der Gründer der PCC-Gruppe. Er wagte Anfang der 1990er Jahre als erfahrener Rohstoffmanager den Schritt in die Selbstständigkeit, um die neuen Chancen auf den sich damals öffnenden und ihm vertrauten Märkten in Osteuropa zu nutzen. Im Oktober 1993 gründet er den Nukleus des heutigen PCC-Konzerns: die Petro Carbo Chem Rohstoffhandelsgesellschaft mbH (heute PCC Trade & Services) mit Sitz in Duisburg-Homberg, in der Nähe des heutigen Konzernhauptsitzes. 1998 wird die Holdinggesellschaft PCC AG abgespalten und 2007 in eine europäische Aktiengesellschaft umgewandelt. Preussner ist Alleinaktionär der PCC, Vorsitzender des Verwaltungsrats und nimmt darüber hinaus weitere Aufsichtsratsmandate in der PCC-Gruppe wahr.

 

Autor(en)

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PCC SE
Moerser Straße 149
47198 Duisburg
Germany

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