Forschung & Innovation

„Die Chemieindustrie muss Teil von Innovationsökosystemen werden“

Thorsten Posselt, geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer IMW, über die Bedeutung von Innovationsökosystemen für die chemische Industrie.

21.02.2024 - Innovationsökosysteme sind für alle Industriebereiche geeignet. Aber das Potenzial dieser Grundidee ist in der chemischen Industrie noch nicht gehoben. Die deutsche Chemieindustrie sollte sich jetzt mit dieser Thematik beschäftigen, um zukunfts- und innovationsfähig zu bleiben, so Thorsten Posselt, geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer IMW.

Für den langfristigen Erfolg von Kunden und Partnern aus Wirtschaft, Industrie, Forschung und Gesellschaft entwickeln die Ökonomen am Fraunhofer-Zentrum für Internationales Management und Wissensökonomie IMW in Leipzig wissenschaftlich fundierte Lösungen für die Herausforderungen der Globalisierung. Zudem befassen sie sich mit innovativen Strategien, Prozessen und Instrumenten für einen optimierten Wissens- und Technologietransfer, der die Time-to-Market verkürzt und Risiken im Innovationsprozess frühzeitig reduziert. Einen Schwerpunkt bildet auch die Erforschung von Innovationsökosystemen.

Für CHEManager sprach Jörg Wetterau mit Thorsten Posselt, geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer IMW und Professor für Innovationsmanagement und Innovationsökonomik an der Universität Leipzig, über die Bedeutung von Innovationsökosystemen für die chemische Industrie.


CHEManager: Herr Professor Posselt, was ist ein Innovationsökosystem und wie funktioniert es?

Thorsten Posselt: Ein Innovationsökosystem ist dadurch gekennzeichnet, dass verschiedene Arten von Organisationen interagieren –  Unternehmen und Forschungseinrichtungen und Hochschulen, aber auch noch weitere Akteure, die dort unterwegs sind und durch ihren Austausch Innovationen beflügeln. Innovationsökosysteme sind wichtig für Unternehmen oder Forschungseinrichtungen, und es ist wichtig, dass sie dort aktiv sind. Denn Innovation findet immer mehr an den Grenzen statt. Früher erfolgte Innovation vor allem innerhalb von Unternehmen –  isoliert von anderen Organisationen, dann an den Grenzen zwischen Unternehmen –  dann auch an den Grenzen zu Forschungseinrichtungen und Unternehmen. Und jetzt an den Grenzen eines ganzen Clusters von Organisationen, die im Idealfall sehr gut zusammenwirken.

Was sind die Erfolgskriterien für Innovationsökosysteme?

T. Posselt: Bei Innovationsökosystemen steht die Frage im Mittelpunkt: Wie kommen wir gemeinsam zu etwas Neuem, welcher gemeinsame Entwicklungsansatz steckt dahinter?
Innovationsökosysteme sind eine durchaus delikate Angelegenheit für alle Beteiligten, weil man es schaffen muss, durch einen guten gemeinsamen Umgang miteinander und einer guten Moderation gemeinsame Ziele zu definieren und einen echten Austausch und Synergieeffekte in der Forschung und Entwicklung zu erreichen. Das ist nicht trivial, sondern eine Herausforderung, da gemeinsame Ziele letztlich ein gemeinsames Weltbild erfordern. In einem solchen Innovationskonzert ist wichtig, das Bewusstsein der Einzelnen dafür zu schärfen, wie groß ihre Rolle tatsächlich sein kann.

 

„Innovationsökosysteme sind für alle Industriebereiche geeignet, aber das Potenzial ist in der Chemie noch nicht gehoben.“

 


Ein Innovationsökosystem braucht daher immer ein konkretes, verbindliches Ziel. Beim Thema Wasserstoffwirtschaft könnte das bedeuten, dass man in zehn Jahren verschiedene Teile umgesetzt haben wird. Wir wissen heute nicht, wie es großtechnisch geht. Wir wissen noch nicht, wie wir es organisieren, wir wissen auch noch nicht, wer welches Geschäftsmodell dort haben wird. Aber die Unternehmen und Forschungseinrichtungen, die jetzt bei diesem Projekt mit am Tisch sitzen, sind sich einig, dass sie das gemeinsam leisten wollen. Das ist entscheidend für jedes Innovationsökosystem.

Wie beurteilen Sie ein Innovationsökosystem im Hinblick auf die chemisch-pharmazeutische Industrie?

T. Posselt: Innovationsökosysteme sind für alle Industriebereiche geeignet, und das erstreckt sich auch auf die chemische Industrie. Aber das Potenzial dieser Grundidee ist in der Chemie noch nicht gehoben. Die Chemieindustrie wird früher oder später mit dem Grundgedanken des Innovationsökosystems massiv konfrontiert. Verschiedene Unternehmen über Industriegrenzen hinweg müssen dann zusammenarbeiten, müssen sich organisieren, müssen Wertschöpfungen neu denken. Das bezieht sich nicht nur auf das Wasserstoffökosystem, sondern vor allem auf die Kreislaufwirtschaft. In diesen Systemen spielt die Chemieindustrie aus meiner Sicht eine ganz zentrale Rolle.

Wie könnte sich dieser Aspekt bei der Kreislaufwirtschaft auswirken?

 

Chemieunternehmen müssen für
sich klar definieren, welche Rolle sie in
Zukunft in dem Ökosystem übernehmen
wollen und können.



T. Posselt: Bei der Kreislaufwirtschaft wird sich ein ganz spezielles Innovationsökosystem entwickeln. Die wesentlichen Fragen sind: Was muss denn eigentlich passieren, damit so eine Kreislaufwirtschaft Realität wird? Wer muss alles eingebunden sein? Welcher Bedarf entsteht an Rollen und Funktionen und wie werden diese verteilt? Wer hat die besten Voraussetzungen in der Unternehmenswelt, eine Rolle im Innovationsökosystem qualifiziert zu erfüllen? Das ist für alle Akteure eine gigantische Aufgabe. Da werden sie unterschiedliche Funktionen benötigen, von Recyclingunternehmen, Kunststoffproduzenten, Technologieanbietern, Digitalisierungsunternehmen, Logistikern et cetera. Eine komplexe Aufgabe wie eine Kreislaufwirtschaft muss als Innovationsökosystem aufgestellt werden, sonst funktioniert sie nicht. Und Chemieunternehmen müssen für sich schon jetzt klar definieren, welche Rolle sie in diesem Ökosystem in der Zukunft übernehmen und ausfüllen wollen und können.

Wer sind die Treiber in einem Innovationsökosystem?

T. Posselt: Vor allem künstliche Intelligenz und Quantentechnologie – diese Technologien haben massiven Einfluss auf Innovationen selber und sicherlich auch auf den Prozess, wie Innovationen entstehen. Auch wir setzen gezielt KI ein. Am Fraunhofer IMW forscht eine Gruppe, die sich mit der Wertschöpfung der Zukunft beschäftigt. Ein Beispiel für ein Forschungsprojekt in diesem Kontext ist das KI-gestützte Wertschöpfungsradar, da entsteht eine Methodik, wie man die Zukunftsvorausschau besser machen kann. Wertschöpfung findet heute in innovativen, teils globalen und komplexen Systemen und Netzwerken statt. Das frühzeitige Erkennen von zum Beispiel verdeckten Entwicklungen kann Unternehmen dabei unterstützen, Wertschöpfungsmodelle resilienter zu gestalten.

Wir entwickeln dafür eine KI-gestützte Vorausschau zur Erkennung wertschöpfungsrelevanter Signale. Unser Forschungsprojekt wird helfen, systematisch und wissenschaftlich fundiert nach Maßnahmen, Trends und Themen zu suchen, die Entwicklungen bei Technologien, Verfahren und Konzepten der Wertschöpfung beeinflussen. Somit ist auch dieses Projekt ein wichtiger Baustein im Innovationsökosystem.

Ist die deutsche Industrie noch innovativ genug und zukunftsfähig?

T. Posselt: Wir sind ein Land mit einem Prozent der Weltbevölkerung, aber rund zehn Prozent der Patente weltweit. Natürlich werden wir in einer Zeit, in der seit ein oder zwei Dekaden die asiatischen Länder und auch andere Kontinente massiv in Innovationen investieren, nicht mehr diesen Anteil an Patenten halten können. Aber gerade die Chemie ist eine unserer Leitindustrien. Auch weltweit spielt sie eine große Rolle.

 

Unsere Chemie ist in der Lage,
weiter weltweit Taktgeber zu sein.

 

Unsere Chemieindus­trie ist durchaus in der Lage, weiter weltweit Taktgeber zu sein, und ich halte es deswegen auch für sinnvoll, dass die Chemie­unternehmen weltweit investieren, um diese Spitzenposition zu halten. Auch und gerade in geopolitisch kritischen Ländern wie China. Wenn man sich jetzt nur auf Europa fixieren würde, wäre das auf die Dauer vermutlich nicht wirklich zukunftsfähig. Um an der Spitze zu bleiben, braucht unsere Chemie­industrie diese großen, innovativen, wachsenden Märkte.

Was entscheidet denn den globalen Wettlauf um die besten Innovationen?

T. Posselt: Mehrere Aspekte sind entscheidend: Gelingt es uns, Talente auszubilden und internationale Talente zu uns zu locken, und haben wir genügend Forschungskapazitäten? Das zweite ist sicherlich die mutige Bereitschaft, ins Risiko zu gehen, etwa jetzt trotzdem nach China zu gehen, auch wenn es geopolitisch kritisch gesehen wird. Dann gilt es auch für die Chemieindustrie zu erkennen, wo die Innovationen heute stattfinden. Welche Nahtstellen gibt es zu anderen Bereichen, wie kann die Chemie möglichst schnell lernen und profitieren, wenn wir eine nicht auf fossilen Energien basierende Chemieindustrie denken? Und wie können wir Digitalisierung in der Chemieindustrie nutzen?
Eine weitere Basis für die Wettbewerbsfähigkeit der Chemieindustrie liegt in mehr Gründungen – nicht nur an den Universitäten, auch in den Forschungseinrichtungen. Das wiederum ist ein Feld, welches die Chemieunternehmen bestellen können, indem sie systematisch nach passenden Gründungen oder Start-ups schauen. Gibt es möglicherweise sogar einen deutschen Elon Musk in der Chemieindustrie, der mit einer disruptiven Idee die Wertschöpfungskette der Chemie komplett verändern könnte? Das könnte jemand sein, der sich zur Aufgabe macht, ein neues Innovationsökosystem für die chemische Industrie aufzubauen. Darauf sollten die Unternehmen heute schon eine Antwort parat haben, um diese Zukunft mitzugestalten.

Welche Rolle übernimmt das Fraunhofer IMW innerhalb des Innovationsökosystems?

T. Posselt: Wir beschäftigen uns mit den Themen Wissenstransfer und Geschäftsmodelle, immer unter der großen Überschrift Innovation. Darunter verbergen sich zahlreiche Subthemen wie die Frage der Organisation, des Transfers, es gibt Fragen von Strategien, von Strukturen, von Prozessen oder auch Instrumenten. Wie transferiert man beispielsweise Wissen von Organisationen in andere Organisationen, also von Forschungseinrichtungen in Unternehmen. Es geht auch darum: Wie stellt man Forschungseinrichtungen auf, um Transfer besser gewährleisten zu können; wie stellt man Unternehmen auf mit Blick darauf, dass sie Innovationen absorbieren können. Diese Fokussierung mit den Schwerpunkten Innovation und Transfer, als Forschungs- und als Umsetzungsthema, ist ein Alleinstellungsmerkmal, und unser Profil ist damit innerhalb des Innovationsökosystems trennscharf definiert.

Wie könnte ein Chemieunternehmen von der Zusammenarbeit mit dem IMW profitieren?

T. Posselt: Die chemische Industrie kann erheblich von unserer Zusammenarbeit profitieren. Durch unsere Forschung und Expertise im Bereich Innovationsökosysteme, Technologieökonomik und -management unterstützen wir Unternehmen dabei, innovative Lösungen zu entwickeln und gleichzeitig wirtschaftlich nachhaltige Entscheidungen zu treffen. Insbesondere in aktuellen Projekten, wie der Modellierung von Szenarien für eine treibhausgasneutrale chemische Industrie, bieten wir praxisnahe Erkenntnisse, die den Industriepartnern einen Vorsprung in einem sich schnell verändernden Umfeld verschaffen.

Die Chemieindustrie steht vor vielfältigen Herausforderungen, insbesondere im Kontext der Energiewende und der Notwendigkeit zur Förderung der grünen Chemie. Wir sehen Herausforderungen in der Umstellung auf nachhaltige Ressourcen, die Integration erneuerbarer Energien und die Entwicklung geschlossener Kreisläufe. Das Fraunhofer IMW kann hier unterstützen, um nachhaltige Lösungen zu entwickeln und die regionale Chemieindustrie zu stärken. Wir können im Hintergrund beraten, können den Prozess moderieren und können helfen, geeignete Partner im Innovationsökosystem zu finden.

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ZUR PERSON
Thorsten Posselt ist geschäftsführender Institutsleiter des Fraunhofer IMW und Professor für Innovationsmanagement und Innovationsökonomik an der Universität Leipzig.
Er hat Wirtschaftswissenschaften an der Goethe-­Universität Frankfurt und an der Stanford University, USA, studiert. Nachdem er in Volkswirtschaftslehre promoviert hatte, wurde er im Fach Betriebswirtschaftslehre habilitiert. Nach Professuren in Leipzig und Wuppertal übernahm er 2008 die Leitung des Fraunhofer MOEZ in Leipzig und den Lehrstuhl für Innovation, Management und Ökonomie an der Universität Leipzig. Das Institut bündelt seit 2015 sein Expertenwissen und sein Leistungsangebot für Internationalisierung, Wissens- und Technologietransfer, Sozio-, Techno- und Wissensökonomie unter dem Namen Fraunhofer-Zentrum für Internationales Management und Wissens­ökonomie IMW.

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