Schranken abbauen – Positionen behaupten

Digitalisierung erfordert Zusammenarbeit über viele Grenzen

  • Digitalisierung erfordert Zusammenarbeit über viele Grenzen (c) St¡gur Karlssoni/StockphotoDigitalisierung erfordert Zusammenarbeit über viele Grenzen (c) St¡gur Karlssoni/Stockphoto
  • Digitalisierung erfordert Zusammenarbeit über viele Grenzen (c) St¡gur Karlssoni/Stockphoto
  • Kurt D. Bettenhausen, Siemens Corporate Technology, Princeton, USA: „Wenn die Vielfalt der Lösungen getragen wird von gegenseitigem Verständnis und Respekt, sind interkulturelle Teams besonders erfolgreich.“
  • Wilhelm Otten, Vorstandvorsitzender der NAMUR: „Die Entwicklung international abgestimmter offener Standards in der Automatisierungstechnik ist ein Schlüssel zum Erfolg.“
  • Klaus Mittelbach, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung: „Unsere gute Ausgangsposition bei KI im B2B-Sektor muss durch eine gemeinsame Strategie für Europa gestärkt werden.“

Wie sind der mancherorts wachsende Protektionismus und die Zunahme nationalistischer und populistischer Tendenzen vereinbar mit den gleichzeitig immer intensiver genutzten Möglichkeiten der weltumspannenden Kommunikation über Internet, soziale Medien oder Messenger-Dienste? Welchen Einfluss haben Abschottungstendenzen auf Industrie und Produktion? Verbände wie die NAMUR oder der ZVEI zeigen am Beispiel der offenen Standards für Automatisierungssysteme oder der Anwendung künstlicher Intelligenz im industriellen B2B-Bereich auf, wie wichtig Kooperationen und internationale Zusammenarbeit sind.

Wer macht sich heute noch Gedanken darüber, dass wir mit demselben Smartphone fast überall auf der Erde telefonieren können (außer vielleicht in manchen ländlichen Regionen Deutschlands), dass die Stecker für Fön und Rasierapparate fast weltweit in die Steckdose passen, dass wir mit unseren Kreditkarten in den meisten Ländern der  Erde problemlos bezahlen können? Hinter all diesen scheinbaren Selbstverständlichkeiten verbergen sich lange Verhandlungen in internationalen Gremien und Vereinbarungen auf Standards und Richtlinien. Dass sich dabei nicht immer die technisch beste Lösung durchsetzt, sondern die mit den stärksten und geschicktesten Promotoren, hat z.B. die Videotechnik gezeigt, bei der sich vor Jahren VHS gegen das überlegene System Video 2000 durchgesetzt hat.

Technologische Zielstrebigkeit: Erfolgreich mit gemischten Teams

Die mit Konzepten wie Industrie 4.0 oder IIoT verbundenen Techniken können ihren ganzen Nutzen nur bei globalem Funktionieren ausspielen - Standards und gemeinsame Vorgehensweisen sind gefragt. Nationalistische Tendenzen sind da kontraproduktiv. So warnt z.B. Siemens-Chef Joe Kaeser davor, dass Nationalismus und Rassismus in Deutschland salonfähig werden; das wäre für die Wirtschaft verheerend. Deutschland lebt vom Export und möglichst offenen Grenzen, Konzerne sind global aufgestellt, mit Mitarbeitern und Kunden jeder Hautfarbe und Religion.

Beim Leitkongress der Mess- und Automatisierungstechnik Automation 2018 „Seamless Convergence of Automation & IT“ in Baden-Baden betonten alle Teilnehmer einer Podiumsdiskussion, dass internationale, interkulturelle Teams deutlich produktiver sind als „homogen“ zusammengesetzte Arbeitsgruppen.

Kurt D. Bettenhausen, Siemens Corporation, Corporate Technology in Princeton, NJ, USA, äußerte sich dazu: „Interkulturelle Teams sind erfolgreicher als homogen zusammengesetzte Teams, wenn die Vielfalt der Lösungen getragen wird von gegenseitigem Verständnis und Respekt. Im Team unserer global aufgestellten Corporate Technology in Princeton, NJ erarbeiten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aus 34 Nationen Lösungen für globale Herausforderungen – offen, respektvoll, neugierig und begeistert.“

Wie Zusammenarbeit international gestaltet wird, zeigen Verbände wie NAMUR oder ZVEI immer wieder auf.

NAMUR und Open Architecture: Gute Beziehungen

Kürzlich haben The Open Group, das globale Konsortium mit Sitz in den USA, das das Erreichen von Geschäftszielen durch technische Standards unterstützt, und NAMUR, der Verband von Anwendern der Automatisierungstechnik in der Prozessindustrie, eine Vereinbarung zur Zusammenarbeit bei der Entwicklung von offenen Standards für Automatisierungssysteme unterschrieben.

Die Vereinbarung konzentriert sich auf den offenen Austausch von Dokumenten und versucht, ein gemeinsames Verständnis für die Herausforderungen der Endnutzer zu schaffen. Sie versucht auch, die Ansätze des Open Process Automation Forums (OPAF) von The Open Group, des Module Type Packages (MTP) und der NAMUR Open Architecture (NOA) zu harmonisieren.

Die Partnerschaft wurde bereits bekanntgegeben und durch mehrere gemeinsame Präsentationen auf internationalen Konferenzen unterstrichen. „Wir freuen uns sehr, mit NAMUR an der Entwicklung von offenen Standards für Automatisierungssysteme zu arbeiten", sagt Ed Harrington, Forum Direktor, The Open Group Open Process Automation Forum. "Es ist wichtig, dass wir zusammenarbeiten, wenn wir das gleiche Ziel erreichen und echte Fortschritte bei offenen Standards in der Prozessautomatisierungsindustrie erzielen wollen“. Wilhelm Otten, Vorstandvorsitzender der NAMUR, ergänzt: „Die Entwicklung international abgestimmter offener Standards in der Automatisierungstechnik ist ein Schlüssel zu unserem Erfolg. Wir freuen uns, mit The Open Group als globalem Konsortium zusammenzuarbeiten, um den Weg der zukünftigen Prozessleittechnik zu ebnen und zu gestalten."

Künstliche Intelligenz: Handlungsempfehlungen für Europa

Durch den digitalen Wandel werden in der Wirtschaft Plattformen und datenzentrierte Geschäftsmodelle immer wichtiger. Aus Sicht des ZVEI, Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie, ist es elementar, die technologischen Entwicklungen und sich verändernden regulatorischen Rahmenbedingungen nicht separat zu betrachten, sondern das Ökosystem der Daten- und Plattformökonomie im Gesamtbild zu sehen. Ein wesentlicher Treiber ist Künstliche Intelligenz (KI), denn sie spielt in datenzentrierten Geschäftsmodellen bei der Umwandlung von Big Data in Smart Data eine Schlüsselrolle. Damit wird die KI zu einer Schlüsseltechnologie des digitalen Wandels. „Der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Produktion entscheidet maßgeblich darüber, ob Deutschland seine gute Stellung bei Industrie 4.0 dauerhaft wird halten können“, sagt Klaus Mittelbach, Vorsitzender der ZVEI-Geschäftsführung. „KI ist eine Schlüsseltechnologie der Digitalisierung, die sowohl Optionen für neue datenzentrierte Geschäftsmodelle eröffnet als auch die Produktivität der Unternehmen erhöht, beispielsweise durch die vorausschauende Wartung von Maschinen und Anlagen sowie einer verbesserten Qualitätssicherung.“

Diese Stärken konsequenter für den heimischen Standort zu nutzen, ist eine vorrangige industriepolitische Aufgabe. Die von der Bundesregierung beschlossenen Eckpunkte des „Masterplans Künstliche Intelligenz“ gehen laut ZVEI in die richtige Richtung, müssen jetzt aber zügig ausgearbeitet und umgesetzt werden. Wichtig sei, dass alle Interessengruppen eingebunden werden – KI betrifft die Wirtschaft insgesamt, ebenso wie die Gesellschaft.

Weil die deutsche und europäische Industrie gerade bei KI im Wettbewerb mit China und den USA steht, fordert der ZVEI eine enge Abstimmung auf europäischer Ebene. „Wir brauchen in Europa eine gemeinsame Strategie. Viele rechtliche, regulatorische und förderpolitische Herausforderungen müssen von vornherein im Rahmen des digitalen Binnenmarkts gelöst werden“, äußert sich Mittelbach.

Ausgangsposition von Europa stärken: 10 Punkte für KI

Für den Einsatz von KI in der Industrie hat der ZVEI Handlungsempfehlungen in einem 10-Punkte-Plan vorgelegt, um die gute Ausgangsposition von Deutschland und Europa im B2B-Bereich schnell und wirksam zu stärken.

Dazu gehören unter anderen

  • der Aufbau einer abgestimmten KI-Strategie für Europa:

Angesichts der Größe und Bedeutung von KI sowie der wichtigen Rolle von Skaleneffekten im globalen Wettbewerb muss KI von Beginn an europäisch im digitalen Binnenmarkt gedacht und begleitet werden. Dazu bedarf es eines koordinierten und strategischen Vorgehens in Europa, das gemeinsam und in enger Abstimmung zwischen nationaler und europäischer Ebene getragen wird. Wegweisend ist hierbei u.a. das jüngst angekündigte Programm „Digital Europe Programme“ (DEP) für den Zeitraum 2021–2027.

  • Ausrichtung der KI-Strategie auf den B2B-Bereich:

Schwerpunkt der Unterstützung müssen KI-Anwendungen in den Feldern sein, in denen Deutschland und Europa wirtschaftlich führend sind („Stärken stärken“). Ziel dabei ist es, die industriellen Infrastrukturen durch KI-Anwendungen auf ein neues Effizienz- und Qualitätsniveau zu heben, neue Geschäftsmodelle zu ermöglichen und zu erschließen und somit die Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Weltregionen zu stärken.

  • Förderung des gesellschaftlichen Dialogs:

KI wird in sämtlichen Bereichen unseres gesellschaftlichen Lebens und Wirtschaftens eine  wichtige Rolle spielen. Damit gehen große Chancen für die Lösung drängender gesellschaftlicher Aufgaben einher, aber eben auch ernstzunehmende Sorgen und Ängste der Menschen vor Kontrollverlust oder der Verletzung von fundamentalen Grundrechten wie ihrer Privatsphäre. Dazu gehört auch die Frage, wie die Gesellschaft einen Rückgang der Beschäftigung in einzelnen Berufsgruppen bei der gleichzeitigen Entstehung völlig neuer Berufsbilder bestmöglich bewältigen kann.

  • Vorausschauende Regulierung:

Der Zugriff auf umfangreiche Datensätze ist entscheidend für die Leistungsfähigkeit von KI-Systemen, von automatisierten Analysewerkzeugen in der medizinischen Diagnostik (z. B. von Computertomografie-Daten) bis zum autonomen Fahren. Entsprechend sind die rechtlichen Regelungen zum Umgang mit Daten eine wichtige Voraussetzung für KI-Anwendungen. Zu beachten ist hierbei, dass es zwar grundlegende Regeln zum Umgang mit Daten geben muss (z. B. Datenschutzgrundverordnung), sich jedoch die ethischen und rechtlichen Fragestellungen von Branche zu Branche teilweise stark unterscheiden. Ein „One size fits all“-Ansatz zum Umgang mit KI, zum Beispiel eine undifferenzierte Regulierung von Konsumenten- und Industrieplattformen, wird nicht zielführend sein.

Cyber-Sicherheit für und mit KI

Gerade bei KI kommt der Cybersicherheit große Bedeutung zu und diese muss beim KI-Design von Anfang an mitgedacht werden. KI-Algorithmen können aber auch zur Erkennung von Anomalien in der Kommunikation und in den Prozessen genutzt werden und damit die Sicherheit erhöhen. Die Kombination von Smart Data, KI, Cyber Security und Edge-Computing hat das Potenzial, in traditionell starken Branchen Europas einen Wettbewerbsvorteil gegenüber anderen Weltregionen zu sichern.

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