Automobilindustrie – Materialien für die Mobilität von morgen

Die Disruption in der Automobilindustrie erfordert eine Weichenstellung in der Chemieindustrie

  • Die Mobilitätstrends lassen sich unter dem Stichwort MADE zusammenfassen – M steht für Mobility, A für Autonomes Fahren, D für Digitalisierung und E für Elektrifizierung. © pagadesign/Getty ImagesDie Mobilitätstrends lassen sich unter dem Stichwort MADE zusammenfassen – M steht für Mobility, A für Autonomes Fahren, D für Digitalisierung und E für Elektrifizierung. © pagadesign/Getty Images
  • Die Mobilitätstrends lassen sich unter dem Stichwort MADE zusammenfassen – M steht für Mobility, A für Autonomes Fahren, D für Digitalisierung und E für Elektrifizierung. © pagadesign/Getty Images
  • Gunter Lipowksy, Principal, Roland Berger
  • Frank Steffen, Partner, Roland Berger
  • Grafik 1: Weltweiter Anteil an Elektro-Fahrzeugen bis 2030 © Roland Berger
  • Grafik 2: Nachfrageentwicklung bei Metallen und anderen Materialien für die Automobilproduktion © Roland Berger
  • Grafik 3: Zweiteilung der industriellen Automobilproduktion © Roland Berger
  • Grafik 4:Auswirkungen der mobilen Disruption auf die Chemieindustrie  © Roland Berger

In der Diskussion um die Mobilität der Zukunft spielen die Stichworte Elektrifizierung, Autonomie und Vernetzung eine zentrale Rolle – und setzen Hersteller und Zulieferer unter massiven Anpassungsdruck. Aber auch der Chemiebranche stehen im Zuge dieser Entwicklungen einschneidende Veränderungen bevor. Mehr denn je geht es für die Unternehmen darum, Trends möglichst frühzeitig zu erkennen und sich auf die neuen Anforderungen einzustellen. Wer in Zukunft relevant sein will, muss vor allem in neue Technologien und Materialien investieren.

Während die Produktionszahlen in der weltweiten Automobilindustrie sinken, immer mehr Zulieferer finanziell unter Druck geraten (die ersten Unternehmen haben bereits umfangreiche Stellenstreichungen angekündigt) und der Elektroantrieb weiter an Bedeutung gewinnt, belasten der US-chinesische Handelskonflikt und das schwache Wirtschaftswachstum in China die Branche zusätzlich. Parallel sorgen industriespezifische Trends wie Fortschritte beim autonomen Fahren und die zunehmende Digitalisierung und Elektrifizierung der Autos für massiven Anpassungsdruck. So ist bspw. die Elektrifizierung mit einer deutlich steigenden Nachfrage nach Leichtbaumaterialien verbunden, die einen möglichst kraftstoffeffizienten und reichweitenstarken Betrieb ermöglichen. Weil die Beschleunigung eines leichten Autos oder Lkws deutlich weniger Energie erfordert als die eines schweren, gelten leichte Werkstoffe als einer der Schlüsselfaktoren für größere Reichweiten und geringere Emissionen.

Chancen und Risiken: Konsequenzen für die Chemiebranche
Auch in der Chemieindustrie hinterlassen diese Veränderungen ihre Spuren. Nach unserer Einschätzung werden vor allem zwei Faktoren die weitere Entwicklung prägen: der steigende Anteil vernetzter und in Leichtbauweise hergestellter Fahrzeuge sowie der wachsende Prozentsatz batteriegetriebener Elektro­fahrzeuge. Unternehmen aus der Chemie- und Materialindustrie, die als Zulieferer für OEMs oder deren Zulieferer agieren, müssen sich daher langfristig einerseits auf stagnierende Volumina und eine insgesamt sinkende Materialnachfrage einstellen. Andererseits nimmt im Zuge wachsender Konnektivität, strengerer Emissionsbestimmungen und ambitionierter Gewichtsreduktionsziele der Bedarf an Electronic Chemicals, Engineering Plastics und Aluminium weiter zu.

Die Bedeutung von Stahl und anderen schweren Materialien (z. B. Glas), Standardkunstoffen sowie Schmiermitteln und deren Additiven wird dagegen künftig abnehmen.
Je mehr sich Elektromobilität als Antriebsform in der Breite durchsetzt, desto größer wird der Bedarf an leistungsfähigen Batteriematerialien. Neue Materialien, die derzeit erst in Entwicklung sind, werden sich flächendeckend durchsetzen. Chemieunternehmen müssen also massiv in die Erforschung neuer Materialien investieren.

Neue Fahrzeugklassen stellen neue Anforderungen ans Material
Mittel- bis langfristig werden insbesondere neue Mobilitätskonzepte wie „Mobility-as-a-Service“ und autonomes Fahren auch Auswirkungen auf die Chemieindustrie haben. Das Aufkommen eines neuen Archetyps – die Fahrzeugklasse der überwiegend elektrobetriebenen „Purpose Built Vehicles“ – wird zu einer Zweiteilung der industriellen Produktpalette führen: Fahrzeuge für das Massen- und Premiumsegment auf der einen Seite, und Fahrzeuge, die mit einer flexiblen Innenausstattung ganz auf die Bedürfnisse der Nutzer abgestimmt sind („Purpose built“), auf der anderen. Für Automobilfirmen bildet die neue Fahrzeugklasse, die sich etwa für Mitfahrdienste eignet, ein attraktives Marktsegment, denn aufgrund des niedrigen Komplexitätsgrads liegen die Herstellungskosten nur bei rund der Hälfte der Kosten für einen herkömmlichen Pkw. Außerdem leisten Purpose Built Vehicles einen wichtigen Beitrag zum Erreichen der CO2-Ziele in der Gesamtflotte.

Relevant für die Chemieindustrie ist, dass die wachsende Verbreitung von Purpose Built Vehicles sich je nach Fahrtzweck und Zielgruppe auch in der Materialnachfrage bemerkbar machen wird. So ist bspw. zu erwarten, dass der Bedarf an leicht zu reinigenden, antimikrobiellen oder auch Graffiti-resistenten Materialien sowie an kostengünstigen und leichten Stoffen, wie sie derzeit etwa im öffentlichen Personenverkehr im Einsatz sind, weiter zunimmt – bei gleichbleibend hohen Erwartungen an Haptik und Optik in hochentwickelten Regionen wie Europa und Nordamerika. Gleichzeitig wird die Nachfrage nach elektrischen Komponenten neue Rekordmarken erreichen. Das wiederum zieht neue Materialanforderungen etwa im Bereich der (Mikro)Gehäuse nach sich.

Mit wachsendem Autonomiegrad, spätestens bei Level 5 (also bei vollständig autonomem Fahren), werden vor allem elektronische Bauteile, Sensoren, Mikrochips und Hochtemperatur-Kunststoffgehäuse die Einkaufslisten der Autobauer und Zulieferer anführen. Außerdem werden völlig neue Materialien auf den Markt kommen und bisherige Stoffe ersetzen.
Chemieunternehmen, die in diesem komplexen Umfeld erfolgreich sind und bleiben wollen, stehen damit vor einer doppelten Herausforderung: Sie müssen gleichzeitig neue und gerade erst aufkommende Technologien entwickeln und im Rahmen ihres bestehenden Geschäftsmodells wirtschaftlich, d. h. profitabel, bleiben.

Was Chemieunternehmen jetzt tun sollten
Wenn davon auszugehen ist, dass sich Shared Mobility Services, autonomes Fahren auf Level 5 und völlig neue, bislang in dieser Form nicht existente Fahrzeugkonzepte auf der Straße durchsetzen, dann muss die Chemieindustrie als (Erst-)Zulieferer der Automobilindustrie jetzt die Weichen stellen. Investitionen in die Kommerzialisierung neuer Materialien zählen zu den wichtigsten Erfolgsfaktoren – auch wenn dies für viele Unternehmen angesichts des wachsenden Rentabilitätsdrucks infolge sinkender Volumina nicht leicht zu schultern sein wird.

Um einen möglichst reibungslosen Übergang in die neue Zeit sicherzustellen, sollten Unternehmen den bevorstehenden Wandel auf verschiedenen Ebenen angehen. Als Sofortmaßnahme gilt es, kurzfristige Volumenschwankungen und ihre Auswirkungen auf das aktuelle Portfolio möglichst genau einzuschätzen und, wo nötig, Gegenmaßnahmen einzuleiten oder Investments anzupassen. Im zweiten Schritt muss abgewogen werden, welche Chancen und Risiken sich aus dem geschilderten Wandel der Mobilität vor dem Hintergrund der bestehenden Kompetenzen und des aktuellen Portfolios ergeben. Den Schwerpunkt sollten künftig Materialien bilden, die Leichtbauweise und Elektrifizierung unterstützen.

Aber auch die langfristigen Auswirkungen von Elektrifizierung, autonomem Fahren und neuen Fahrzeugkonzepten auf das aktuelle Portfolio und die finanzielle Performance müssen überdacht werden. Unternehmen sollten Investitionen in neue Materialien prüfen und eine enge(re) Zusammenarbeit mit den Herstellern suchen, um neue Fahrzeugkonzepte zu entwickeln. Schließlich geht es darum, den Übergang in die Zukunft zu gestalten. Durch die Zusammenarbeit mit Playern aus anderen Teilen der Wertschöpfungskette lassen sich zudem Kosten senken, gleichzeitig kann die Standardisierung weiter vorangetrieben werden.


ZUR PERSON
Frank Steffen ist Partner in der globalen Chemicals Practice von Roland Berger. Seine Schwer­punkte sind Strategieentwicklung, Performance Improvement-Programme und Digitalisierungskonzepte für die Wertschöpfungsketten der Spezialchemie. Zuvor hatte er Führungspositionen in der chemischen Industrie in den Bereichen Forschung und Entwicklung, Vertrieb und Marketing sowie im General Management inne.

ZUR PERSON
Gunter Lipowsky ist Principal in der globalen Chemicals Practice von Roland Berger. Seine Schwer­punkte sind Value Creation und Wachstumsstrategien für die Wertschöpfungsketten der Petro- und Spezialchemie. Zuvor hat er in der chemischen Industrie in den Bereichen Forschung und Entwicklung, Corporate Development und Vertrieb gearbeitet.

Autor(en)

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