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Dow Deutschland-Chef Willem Huisman über den Konzernumbau und das Investitionsklima

  • Dr. Willem Huisman, Präsident und Vorstandsvorsitzender, Dow DeutschlandDr. Willem Huisman, Präsident und Vorstandsvorsitzender, Dow Deutschland
  • Dr. Willem Huisman, Präsident und Vorstandsvorsitzender, Dow Deutschland
  • Seit der Produktionsaufnahme 1972 hat sich das Dow-Werk Stade zu einem der größten Industriebetriebe in Niedersachsen entwickelt. Über 4 Mrd. EUR wurden bisher in den integrierten Anlagenkomplex mit 16 Produktionsanlagen investiert.
  • Seit der Übernahme von Wolff Walsrode im Juli 2007 ist Dow Eigentümer und Betreiber des Industrieparks Walsrode in Bomlitz am Südrand der Lüneburger Heide. Bomlitz ist das Kompetenzzentrum für Cellulosechemie innerhalb des Dow-Konzerns und der größte F&E-Standort von Dow in Deutschland. Nur wenige Industriestandorte in Deutschland können auf so eine traditionsreiche Geschichte zurückblicken: Das Dow-Werk in Bomlitz feiert in diesem Jahr sein 200-jähriges Jubiläum.

Dow Chemical befindet sich in einer Umbauphase, um den mit 58,2 Mrd. USD Jahresumsatz größten US-Chemiekonzern auf zukunftsträchtige Wachstumsfelder auszurichten. Bis 2016 sollen durch den Verkauf von Sparten oder Beteiligungen insgesamt bis zu 8 Mrd. USD eingenommen werden. Den jüngsten Coup gab der Konzern Ende März bekannt: Dow spaltet sein 5 Mrd. USD schweres Chlorgeschäft ab und fusioniert es mit dem US-Wettbewerber Olin. Die Erlöse dieser Veräußerungen will Dow zum Schuldenabbau verwenden und in lukrative Aktivitäten und Märkte reinvestieren. Nach dem Heimatmarkt USA ist Deutschland mit einem Umsatzvolumen von rund 4,75 Mrd. USD (2014) der zweitgrößte Produktionsstandort und Absatzmarkt von Dow und gleichzeitig die Brücke nach Nord- und Osteuropa. Dr. Michael Reubold sprach mit dem Präsidenten und Vorstandsvorsitzenden von Dow Deutschland, Dr. Willem Huisman.

CHEManager: Herr Huisman, was sind derzeit die größten Herausforderungen für Dow Chemical - weltweit und in Deutschland?

Dr. W. Huisman: Das Erreichen der Finanzziele, die wir festgesetzt haben, ist und bleibt das A und O. Wir haben unsere Ziele jetzt neun Quartale in Folge erreicht. Das gibt Zuversicht. Dabei ist natürlich der stark gefallene Ölpreis momentan eine Herausforderung. Auf der einen Seite bereitet uns der niedrige Ölpreis sehr viel Freude. Auf der anderen Seite ist es aber eine enorme Unsicherheitsquelle, weil unsicher ist, wann und wie weit es wieder nach oben geht.

In Deutschland haben wir Bauchschmerzen wegen der im internationalen Vergleich hohen Energie- und Gaspreise. Zwar ist auf der Energiekostenseite die EEG-Umlage im Moment stabil, worüber wir sehr froh sind, aber niemand weiß, wie es sich mit der nächsten Novelle 2016 entwickeln wird. Die fehlende Planungssicherheit macht der Industrie zu schaffen.

Und das drückt im Moment auf die Investitionen, die doch dringend nötig sind, um effizienter zu werden und um Arbeitsplätze zu sichern und zu schaffen. Darüber bin ich besorgt.

Was macht Ihnen konkret Sorgen?

Dr. W. Huisman: Viele Investitionsentscheidungen fallen im Moment nicht zugunsten von Europa oder Deutschland. Eine Investition, die woanders getätigt wird, kommt nicht mehr zurück und lenkt Folgeinvestitionen dann auch an andere Standorte. Es ist ein schleichender Prozess, der, wenn er mal in Gang gekommen ist, nur sehr schwer wieder umkehrbar ist. Die Politik gefährdet die Integration der Wertschöpfungsketten, die wir hier in Deutschland auf einem engen Raum mit sehr guten Industrien und Produkten haben. Kippt man da ein paar Dominosteine um, fallen die anderen nach und nach auch, die Wertschöpfungsketten zerbrechen und wir verlieren diesen Standortvorteil.

Mehr noch: Zurückgehende Investitionen, die sogar unter das Abschreibungsniveau fallen, führen zu einer schleichenden De-Industrialisierung. Wir werden als Branche nicht müde, das immer wieder zu sagen.

Stichwort „Investition": Verglichen mit dem Anteil am Konzernumsatz, den Dow in Deutschland erwirtschaftet, ist das Investitionsvolumen an den deutschen Standorten relativ gering. Wird Dow künftig weiterhin nur in den Erhalt der Assets investieren oder auch wieder größere Investitionen in Deutschland tätigen?

Dr. W. Huisman: Wir wünschen uns hier natürlich größere Investionen. Im Moment ist es aber so, dass der Hauptteil des Kapitals, das wir ausgeben, in zwei andere Regionen geht.

Da ist zum einen unser 2011 mit Saudi Aramco gegründetes Joint Venture Sadara in Saudi-Arabien. Dort bauen wir in Jubail mit einem Investitionsvolumen von fast 20 Mrd. USD den größten integrierten Chemiekomplex, der je in einem Zug gebaut wurde.

Und zum anderen waren wir unter den ersten, die die Chancen der Schiefergasförderung in Amerika erkannt haben. Entsprechend haben wir unsere Anlagen am Golf von Mexiko verstärkt, und zwar mit Investitionen in der Größenordnung von 5 Mrd. USD. Da bleibt auch bei einem großen Unternehmen für andere Projekte nicht viel übrig.

Diese Situation wird sich erst 2017 ändern, wenn die Projekte in Saudi-Arabien und den USA abgeschlossen sind. Dann werden wir versuchen, deutsche Projekte vorzuschlagen. Nur wird das, wie Sie sich denken können, ein heftiger interner Wettkampf, weil natürlich andere Regionen genau das Gleiche vorhaben. Es wird von der Qualität der Projekte abhängen, die wir einreichen können. Da sind wir derzeit in der Findungsphase.

Welche Rolle werden die deutschen Standorte denn in der Zukunft für Dow spielen?

Dr. W. Huisman: Deutschland ist für Dow der weltweit zweitgrößte Markt nach den USA. In der Region EMEAI - also Europa, Mittlerer Osten, Afrika und Indien - ist es mit Abstand das umsatzstärkste Land und das bleibt es auch noch eine Weile. Wir haben hier über 5.000 Beschäftigte an 17 Standorten. Das schiebt man nicht einfach beiseite. Die Anlagen, die wir hier fahren, zählen hinsichtlich Zuverlässigkeit und Sicherheit zur Spitzengruppe im Gesamtunternehmen. Diese herausragende Leistung unserer deutschen Mitarbeiter ist ein starkes Argument für dieses Land.

Wenn wir gerade über Märkte sprechen: Wie beurteilen Sie die Situation auf den Märkten weltweit?

Dr. W. Huisman: In den USA haben wir im vergangenen Jahr stark von den niedrigen Erdgaspreisen und der einsetzenden Re-Industrialisierung profitiert. Nun hat sich das Bild infolge des Ölpreisverfalls, durch den die Schiefergasförderung vielerorts unrentabel ist, etwas relativiert. In Europa und Asien sieht das anders aus, weil die Ethylenproduktion in diesen beiden Regionen im Gegensatz zu den USA überwiegend Naphtha- und nicht Gas-basiert ist.

Jetzt stottert aber das Wachstum in Asien. Lateinamerika ist 2014 weniger gewachsen als im Vorjahr. Nordamerika ist längst nicht bei den 3,5 %, die man dort gewohnt ist. Und in Europa ist man eigentlich schon zufrieden, wenn das Wachstum positiv ist. Alles in allem ist das globale Wachstum derzeit etwas zu schwach für richtig gute Geschäfte.

Europa hat im Wettbewerb mit anderen Regionen nicht nur ein geringeres Wirtschaftswachstum, sondern auch strukturelle Nachteile. Sehen Sie Europa aufgrund der derzeitigen Probleme als wenig attraktiv für Investitionen?

Dr. W. Huisman: Europa ist zusammengenommen natürlich ein sehr großer Markt. Das Problem ist oftmals die faktische Aufsplitterung in 28 einzelne Märkte. Was Europa wirklich braucht, um weiterhin attraktiv zu bleiben, ist ein echter gemeinsamer Binnenmarkt. Dazu zählt auch ein gemeinsamer Energiemarkt, der schon seit Jahren gefordert wird, aber einfach nicht vorankommt. Hier könnte Europa viel Geld sparen, das an anderer Stelle dringend gebraucht wird.

Hinderlich ist ebenfalls die unbefriedigende Industriepolitik auf europäischer Ebene, aber auch auf Ebene einiger Einzelstaaten, in denen viele andere Themen Vorrang vor der Industrie bekommen. Wenn hier nicht eine Wende kommt, dann kann es wirklich sein, dass wir den Zug verpassen.

Wenn wir die EMEAI-Region insgesamt anschauen, dann ist Westeuropa immer noch dominant. Und 1 % weniger Wachstum in Westeuropa machen wir auch mit 10% Wachstum in Nahost und Afrika nicht wett. Die Region ist noch lange nicht abgeschrieben, aber sie muss sich zusammenreißen, um ihren Vorteil als großer Wirtschaftsblock nicht zu verspielen. Die Dringlichkeit haben Politiker auf nationaler und auf europäischer Ebene noch nicht ganz realisiert.

Inwieweit sind von dem Konzernumbau deutsche Standorte betroffen?

Dr. W. Huisman: Manche Veränderungen wie die Ende März bekanntgegebene Fusion der US-Chloralkali- und Vinylaktivitäten sowie der chlororganischen und Epoxy-Verbindungen mit Olin haben einen großen Einfluss auf Deutschland. Davon betroffen sind unsere drei Standorte Baltringen, Rheinmünster und Stade. In Baltringen ist unser Epoxy-Systemhaus, das als Ganzes den Besitzer wechselt. Die Epoxy-Anlage in Rheinmünster betrifft etwa ein Drittel der Beschäftigten des Standorts. Und dann haben wir in Stade eine Epoxy-Anlage plus eine Anlage für chlorierte Lösemittel, die beide an Olin gehen werden.

Alles in allem werden etwa 450 Beschäftigte in die neue Firma übergehen. Dieser Wechsel ist für die Leute durchaus eine gute Nachricht, denn der neue Eigentümer Olin will die Sparte ausbauen. Meiner Meinung nach werden diese Geschäftsbereiche Möglichkeiten bekommen, die sie innerhalb von Dow nicht hatten und nicht bekommen hätten.

Die Transaktionen, die Dow im Zuge des Konzernumbaus tätigt, bringen dem Unternehmen Geld, das wir in stärker spezialisierte Geschäftsbereiche investieren können.

Was würde das geplante Freihandelsabkommen zwischen Europa und den USA - TTIP - für Dow bedeuten, und inwieweit könnte es die Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und Europas stärken?

Dr. W. Huisman: Es gibt bei TTIP zwei Bereiche. Der eine sind die Zolltarife, der andere die Reglementierungen. Wir haben bei Dow ziemlich viele Produkte, die wir von Amerika importieren und hier weiterverarbeiten oder direkt verkaufen. Dafür bezahlen wir jedes Mal Einfuhrzölle - ein über das Jahr betrachtet nicht unerheblicher Betrag. Dieses Geld könnten wir anderweitig nutzen, zum Beipiel für Innovation.

Bei den Reglementierungen geht es zum Beispiel. um die Vereinheitlichung von Sicherheitsstandards. Und da herrscht im Moment die Angst, dass man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner verständigen könnte. Ich glaube jedoch, dass daran beide Seiten des Atlantiks überhaupt kein Interesse haben.

Würden Sie das an Beispielen erläutern?

Dr. W. Huisman: Nehmen Sie die Chemikaliengesetzgebung: Sie haben den Toxic Substances Control Act „Tosca" oder TSCA als wichtigste Norm der US-amerikanischen Chemikalienregulierung und Sie haben REACh in Europa. Beide Systeme haben ihre Ziele. Man erreicht die gleiche Sicherheit und auch die gleiche Risikoeinschätzung der Produkte, aber auf unterschiedlichen Wegen. Auf die Schnelle lassen sich beide Gesetzgebungen nicht harmonisieren, aber man würde schon viel gewinnen, wenn man eine Art Übersetzungsbuch schaffen würde, um beide vergleichbar zu machen. Damit würde man doppelte Tests und Registrierungen überflüssig machen und könnte sehr viel Zeit und Kosten sparen.

Aufs Ganze gesehen ist es doch so, dass die beiden wichtigsten Wirtschaftsblöcke der Welt zusammenarbeiten wollen. Wir haben von den meisten Themen ungefähr die gleichen Vorstellungen und das gleiche Verständnis und haben die einzigartige Chance, als ein „World Trade Dream Team" die künftigen Bedingungen des globalen Handels mitzugestalten. Unsere westlichen Niveaus und Standards könnten für andere Länder wegweisend sein. Diese Chance sollten wir uns nicht entgehen lassen. Darauf sollte man sich fokussieren. Die Angstmacherei gegen das Freihandelsabkommen ist sehr oft rein emotional und auf sehr wenigen Fakten basiert.

Ihr Konzern hat den Dow Energy Plan aufgestellt. In den nächsten zehn Jahren soll unter anderem der Anteil regenerativer Energien an den Dow-Standorten deutlich erhöht werden. Ist diese „unternehmenseigene Energiewende" ein Thema, bei dem die deutschen Standorte eine Vorreiterrolle einnehmen können und schaut man am Konzernsitz in Midland jetzt ein bisschen genauer nach Deutschland?

Dr. W. Huisman: Wir können da sicherlich auch auf Konzernebene mitwirken. Die Situation in Deutschland wird beobachtet und wahrgenommen. Die positiven Nachrichten müssen wir natürlich selbst liefern. Jeder Rückschlag ist gleichzeitig auch wieder eine Chance.

Es ist wichtig, dass wir die Energiewende in Deutschland in den Griff bekommen und für die Industrie erträglich gestalten. Meiner Meinung nach sollte man versuchen, die Energiewende dort zu platzieren, wo sie hingehört: in den Bundeshaushalt und nicht auf die Stromrechnung der Industrie und der Bürger.

Bei Dow sind wir im Moment dabei, noch effizienter zu werden. In Stade läuft die Stromtrasse von den Windenergieparks auf See an unserem Werk vorbei. Wir analysieren die Möglichkeiten, wie man noch mehr Strom aus erneuerbaren Energiequellen in unser Netz einspeisen kann.

Und natürlich ist die Energiewende ist für uns auch Geschäft. Wir verstehen uns als Lösungsanbieter: Unsere Leichtbau- und Isolationsmaterialien, Klebstoffe und andere Produkte werden zum Beispiel in Windkraft- oder Fotovoltaikanlagen eingesetzt. Deswegen haben wir auch ein Interesse daran, dass dieser Markt wächst.

Das Thema Energiewende, aber auch die Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit unserer Standorte, sind für uns allgegenwärtig und sehr wichtig.

 

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