Biosimilars übernehmen die Rolle der Generika

Nachfolgeprodukte von Biopharmazeutika kommen immer mehr im medizinischen Alltag an

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Lange haben die Hersteller von Generika gut verdient. Doch das Geschäft wird schwieriger, denn immer weniger klassische chemische Arzneimittel fallen aus dem Patent. Dagegen läuft mittlerweile bei immer mehr biopharmazeutischen Arzneimitteln der Patentschutz aus. Diese nachzubauen ist allerdings komplex - es ist ein Milliardengeschäft für Spezialisten.

Mit Spannung blickt die Pharmaindustrie auf den Herbst 2018. Dann läuft in Europa das Patent des Rheumamittels Humira ab, mit einem Jahresumsatz von 16 Mrd. USD eines der bestverkauften Arzneimittel überhaupt.

Kein Wunder, dass die Biosimilar-Entwickler in den Startlöchern stehen und sich mit Nachfolgeprodukten zu Humira einen Teil des lukrativen Umsatzkuchens sichern wollen. Mehr als ein Dutzend Unternehmen haben mitgeteilt, an einem entsprechenden Biosimilar zu arbeiten. Zwei Humira-Biosimilars von Amgen haben im Frühjahr 2017 bereits die Zulassung von der europäischen Zulassungsbehörde EMA erhalten, in den USA kam das Okay für Amgen bereits im Herbst 2016. Doch wann die Entwickler der Nachfolgerpräparate wirklich auf den Markt kommen dürfen, steht noch in den Sternen. Denn Abbvie, der Inhaber des Humira-Patents, verteidigt dieses erbittert. 

Europa bei Biosimilars weit voraus

Seit mehr als elf Jahren gibt es nun Biosimilars in Europa. Omnitrope von Sandoz/Hexal war das erste, das 2006 auf den Markt kam. Mittlerweile sind Biosimilars im medizinischen Alltag angekommen. So sind in Europa derzeit 28 dieser Nachfolgeprodukte zugelassen, fünf in den USA. Allein in diesem Jahr hat die EMA bislang sechs Biosimilar-Anwendungen grünes Licht erteilt. Und das dürfte es noch nicht gewesen sein - möglicherweise kommen bis Ende 2017 noch sieben weitere Zulassungen dazu.

Biosimilars sind, wie ihr Name schon sagt, ähnlich, aber nicht identisch zum Originalprodukt. Das liegt in der Natur der Molekülstruktur. Denn Biopharmazeutika sind im Gegensatz zu chemisch synthetisierten Arzneimitteln äußerst komplex aufgebaut. Sie werden aus Mikroorganismen oder lebenden Zellen gewonnen.

Da diese Zellen in jedem Herstellungsverfahren unterschiedlich sind, führt dies zu einer gewissen Variabilität der biologischen Arzneimittel. Dies gilt übrigens sowohl für die Biosimilars als auch für die Referenzarzneimittel.

Gleichzeitig sind diese Präparate äußerst potent. Die Fortschritte, die bei der Behandlung von Krebs, Immunerkrankungen oder in der Augenheilkunde erreicht worden sind, basieren meist auf biopharmazeutischen Arzneimitteln.

Auch wirtschaftlich gewinnt diese Arzneimittelklasse zunehmend an Boden. „Der Umsatz mit Biopharmazeutika erhöhte sich 2016 gegenüber 2015 um 12,4% auf rund 9,3 Mrd. EUR. Der Anteil dieses Umsatzes am Gesamtpharmamarkt stieg von 22,9% auf 24,8%“, heißt es in einer Untersuchung der Boston Consulting Group und des Verbands der forschenden Arzneimittelhersteller zur medizinischen Biotechnologie. Unter den 38 neu zugelassenen Arzneimitteln in Deutschland im Jahr 2016 befanden sich bereits zwölf Original-Biopharmazeutika sowie drei Biosimilars. 

Branchenanalysten von Evaluate Pharma haben darüber hinaus ausgerechnet, dass Biopharmazeutika im Jahr 2022 für 52% der Umsätze der Top-100-Produkte verantwortlich sein werden. Gleichzeitig öffne sich ein chancenreiches Fenster für Biosimilars: Denn in den nächsten Jahren würden Biopharmazeutika im Volumen von schätzungsweise 194 Mrd. USD ihren Patentschutz verlieren, was den Weg für deren Nachfolgeprodukte freimache.

Auch wenn Biosimilars ähnlich, nicht aber identisch zum Referenzprodukt sind, so müssen die Hersteller nachweisen, dass ihre Arzneimittel hinsichtlich Sicherheit und Wirksamkeit keine Abweichungen zum Original zeigen. Dafür müssen die Biosimilar-Entwickler aufwändige analytische Tests durchführen. Außerdem müssen sie im Gegensatz zu Generikaproduzenten mindestens eine klinische Phase III vorweisen. Während für die Entwicklung von Generika teilweise 500.000 EUR und vergleichsweise einfache chemische Kenntnisse genügen, dauert die Entwicklung eines Biosimilars sieben bis acht Jahre und kostet bis zu 150 Mio. EUR.

Preisvorteil der Biosimilars

Im Markt spielen Biosimilars ihren Vorteil vor allem über den Preis aus. Während die meist sehr teuren Originalpräparate die Gesundheitskassen mit bis zu mehreren hunderttausend Euro belasten, sind Biosimilars bei der Markteinführung 15 bis 20% billiger. Im weiteren Verlauf kann die Differenz zum Original auf bis zu 50% steigen. Damit liegt der Preisabschlag von Biosimilars zwar nicht so hoch wie bei Generika, die am Tag eins der Markteinführung meist mit einem Discount von rund 90% zum Original auf den Markt kommen. Angesichts der hohen Preise, die die Referenzprodukte kosten, bieten Biosimilars aber eine erhebliche Kostenentlastung.

Hinzu kommt, dass bislang viele Patienten aus Kostengründen nicht in den Genuss biopharmazeutischer Arzneimittel kommen. Biosimilars können aufgrund ihres geringeren Preises hingegen mehr Menschen den Zugang zu einer wirksamen Therapie mit modernen Arzneimitteln ermöglichen.

Dennoch sind Biosimilars keine Selbstläufer. Das spüren zum einen die Entwickler. Zwar haben diese generell hohe Chancen, für ihre Produkte die Zustimmung der Behörden zu bekommen. Doch es kann auch anders laufen: So hat die US-Zulassungsbehörde FDA im Juni 2017 zum zweiten Mal ein Epogen-Biosimilar von Pfizer die Zustimmung verweigert. Auch das US-Unternehmen Coherus muss bei seinem Biosimilar zu Amgens Neulasta nacharbeiten.

Darüber hinaus gibt es bei manchen Marktteilnehmern noch Vorbehalte. So sind einige Ärzte -  insbesondere in der Onkologie - unsicher, ob sie das Original problemlos durch das Biosimilar ersetzen können. Dagegen hat die Europäische Gesellschaft für Medizinische Onkologie (ESMO) Anfang 2017 in einem Positionspapier festgestellt, dass Biosimilars eine Möglichkeit zur nachhaltigen Krebstherapie darstellen. „Biosimilars sind ein unabdingbares Instrument zur Finanzierbarkeit der globalen Gesundheitssysteme. Darüber hinaus tragen sie dazu bei, deutlich bessere Therapieergebnisse für eine zunehmende Zahl von Patienten zu erzielen“, sagte ESMO-Präsident Prof. Fortunato Ciardiello.

In dem Zusammenhang weist das Deutsche Krebsforschungszentrum darauf hin, das prinzipiell der behandelnde Arzt entscheidet, ob die Behandlung eines Patienten auf ein Biosimilar umgestellt werden soll. Ein automatischer Austausch - Substitution - von biologischen Originalarzneimitteln durch Biosimilars in der Apotheke, wie bei Generika üblich, sei bislang nicht vorgesehen.

Ein Blick auf den Verordnungsanteil von Biosimilars in den Regionen der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) Deutschlands zeigt denn auch, dass ein und dasselbe Biosimiliar von Region zu Region teilweise Unterschiede von 45% aufweist. Das legt den Schluss nahe, dass der Grad an Information zu Biosimilars durch die Kassenärztlichen Vereinigungen direkten Einfluss auf deren Verbreitung hat.

Nicht zuletzt versuchen einige Hersteller von Original-Biopharmazeutika ihre Produkte mittels zusätzlicher Patente zu verteidigen. So hat sich Abbvie, der Patentinhaber von Humira, mehr als 70 weitere Patente für das Produkt gesichert. Damit soll dieses Kronjuwel bis mindestens 2022 geschützt werden, obwohl das Hauptpatent in den USA bereits Ende 2016 ausgelaufen ist.

Biosimilar-Hersteller kommen voran

Und doch ist der Markt zu lukrativ und aussichtsreich, als dass sich die Biosimilar-Hersteller von solchen Eskapaden ernsthaft abhalten ließen. So erwirtschaftet die Novartis-Tochter Hexal mit Biosimilars bereits einen wesentlichen Teil ihres Umsatzes. Konzerne wie Pfizer, Amgen, Merck & Co. und Celltrion verfügen mittlerweile über ein umfangreiches Biosimilar-Geschäft. Eine steile Biosimilars-Karriere legte auch das erst 2012 gegründete südkoreanische Unternehmen Samsung Bioepis hin, ein Joint-Venture von Samsung Biologics und Biogen. Neu in dem Markt ist auch der deutsche Fresenius-Konzern, der kürzlich für 670 Mio. EUR - 170 Mio. EUR in bar, der Rest ist an Meilensteine geknüpft - das Biosimilar-Geschäft des Darmstädter Merck-Konzerns erworben hat. Zu erwarten ist, dass es Fresenius nicht bei diesem Schritt belässt und sich weiter auf dem Biosimilar-Markt umschaut.

Eine besondere Stellung nimmt das Münchener Unternehmen Formycon ein. Unabhängig von einem Konzern entwickelt die 70 Mann starke Firma vier Biosimilars, ein Projekt befindet sich bereits am Ende der klinischen Phase III. Dabei kann sich Formycon auf die Unterstützung erfahrener und finanzkräftiger Partner berufen - die Brüder Strüngmann: Die hatten einst den Generikakonzern Hexal gegründet und dann 2005 für über 5,6 Mrd. EUR an Novartis verkauft. Heute zählen sie zu den wichtigsten Investoren im Biotechgeschäft in Deutschland und Europa. Offenbar sind auch sie vom Erfolg der Biosimilars überzeugt.

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