Wie Paul Ehrlichs magische Kugeln Realität wurden

VFA- Vorsitzender Han Steutel blickt auf 25 Jahre Pharmaforschung zurück

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  • Han Steutel, Vorsitzender, Verband forschender Pharma-Unternehmen (VFA), Berlin

Pharmaforschung findet heute in globaler Arbeitsteilung statt: Kein Unternehmen kann alle medizinischen Gebiete abdecken, und schon gar nicht in jedem seiner Labors. So kommt es zwangsläufig von Land zu Land zu unterschiedlichen Schwerpunkten. In Deutschland musste sich die Pharmaindustrie in ihren Schwerpunkten nach den 1990er Jahren über weite Strecken neu erfinden. Denn gleich mehrere Gebiete, für die sie berühmt war, waren bis dahin weitgehend „ausentwickelt“: Blutdrucksenker, Erstlinien-Antibiotika und auch die „Pille“. Als neue Gebiete werden unter anderem Krebs, Autoimmunkrankheiten und Alzheimer ausgebaut.

Verändert hat sich auch, wer in Deutschland Forschungslabors betreibt. Waren es bis in die 1990er Jahre hinein fast ausschließlich Unternehmen mit Hauptsitz in Deutschland, sind es mittlerweile in vielen Fällen Unternehmen aus Ländern wie den USA, Frankreich, Japan oder der Schweiz. Doch auch einige deutsche Neugründungen sind dazu gekommen, mit besonderen Kompetenzen auf den Gebieten Antikörper und Ribonukleinsäure.

Wenn es um die klinische Erprobung von Medikamenten geht, beziehen fast alle Pharmaunternehmen Kliniken und Arztpraxen in Deutschland mit ein. Weltweit ist Deutschland heute, was die Mitwirkung an Arzneimittelstudien von Unternehmen betrifft, die weltweite Nummer zwei nach den USA. So war Deutschland immer frühzeitig an der Etablierung bahnbrechender neuer Therapien beteiligt.

Lebensrettende HIV-Therapie

Deutschland, Anfang der 1990er Jahre: Das Topthema der Medizin hieß HIV, und „HIV positiv“ war leider gleichbedeutend mit baldigem Tod. Im Dezember 2016 wurde deutschlandweit plakatiert: „Mit HIV kann ich leben ...“. Dass diese erstaunliche Veränderung möglich wurde, ist einer der größten Erfolge der Pharmaforschung der letzten 25 Jahre. Diese brachte ab Mitte der 1990er Jahre eine Reihe von Medikamenten hervor, die die Virenvermehrung langfristig unterdrücken können. Anfangs waren dazu noch sehr viele Tabletten zur Behandlung nötig, die zudem eng getaktet genommen werden mussten. Heute genügen eine bis wenige Tabletten täglich, um die Krankheit mit wenigen Nebenwirkungen in Schach zu halten.

Dieses Beispiel zeigt eindringlich, welchen Beitrag die Pharmaforschung in den letzten 25 Jahren zum Fortschritt in der Medizin geleistet hat.

Dank Rheumatherapie zurück im Leben

Ein anderes Beispiel: Rheumatische Erkrankungen. Sie sind zwar noch nicht heilbar; doch bei weit mehr Patienten als früher kann man das Fortschreiten aufhalten und die Symptome zurückdrängen. In der Folge haben sich die Fehltage von Rheumatikern am Arbeitsplatz in Deutschland halbiert. Zu verdanken ist das in erheblichem Maße neuartigen Medikamenten. So konnten Medikamente für die Rheumatherapie entwickelt werden, die gezielt ins Entzündungsgeschehen eingreifen: Sie fangen Botenstoffe ab, mit denen fehlgeleitete Immunzellen ihre Angriffe aufs körpereigene Gewebe koordinieren. Zwei der ersten und bis heute meistverwendeten Medikamente dieser Art gehen auf die Arbeit von Pharmaforschern in Deutschland zurück.

Heilung von Hepatitis C

Ebenfalls eindrucksvoll ist das Beispiel der seit 2014 verfügbaren modernen Hepatitis-C-Therapien, durch die fast alle infizierten Patienten binnen zwei bis drei Monaten geheilt werden können. Die molekülgenaue Aufklärung der Virusvermehrung in den Leberzellen (unter deutscher Mitwirkung) war die Grundlage dafür.

Monoklonale Antikörper eröffnen Krebstherapie neue Perspektiven

Viele neue Medikamente sind sogenannte „monoklonale Antikörper“. Sie funktionieren nach dem Vorbild menschlicher Abwehrstoffe: Manche können Immunzellen auf Krebszellen „hetzen“, andere können Giftstoffe gezielt zu Krebszellen befördern; wieder andere fangen deplatzierte Botenstoffe im Körper ab oder Giftstoffe von Bakterien. Damit wurden in den letzten Jahren tatsächlich die magischen Kugeln Wirklichkeit, die sich Paul Ehrlich vor 100 Jahren gewünscht hatte. Er war der erste, der das Konzept von spezifischen Rezeptoren im Organismus entwickelte, an dem nicht nur Toxine, sondern auch Wirkstoffe andocken könnten. Mit zielgenauen Substanzen sollte man pathogene Elemente angreifen können, ohne gesundes Gewebe zu schädigen, wie Ehrlich das mit seinen Farbstoffen gegen Krankheitskeime geschafft hatte.

Gentechnik ermöglicht neue Heilungschancen

Es ist diesem rasanten medizinischen Fortschritt zu verdanken, dass um die Jahrhundertwende herum gentechnisch produzierte Medikamente auch in Deutschland akzeptiert wurden: Gab es 1992 gerade einmal 15 von ihnen, so sind es heute 214.

Deutschland steuert mittlerweile einen wesentlichen Teil zur medizinischen Gentechnik weltweit bei. So ist es in Europa zum wichtigsten Land für die gentechnische Produktion geworden, weltweit nur noch von den USA übertroffen: Aus Deutschland kommen beispielsweise Insuline und Antikörper für die Krebs- und Rheumatherapie, und künftig auch gentechnische Impfstoffe gegen Ebola und Dengue-Fieber.

Dabei darf man aber nicht vergessen, dass es auch bei den chemisch-synthetischen Medikamenten seit den 1990er Jahren wesentliche Fortschritte gab – bei der Wirkstoffsynthese ebenso wie bei der Formulierung komplexer Darreichungsformen; und auch solche Medikamente wurden und werden in Deutschland nicht nur entwickelt, sondern auch hergestellt.

Beide Klassen – gentechnische wie komplexe chemisch-synthetische Medikamente – haben dazu beigetragen, dass Deutschland im Arzneimittelexport stark ist und bspw. – gemessen am Wert – fast doppelt so viel in die USA exportiert wie die restliche deutsche Chemieindustrie. Das ist eine Stärke, die Deutschland nicht verspielen sollte!

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