02.10.2019
ThemenStrategie

Die Zukunft der Verpackung: Neue Geschäftsmodelle für die zirkuläre Wirtschaft

Praxisforum VCI, Accenture und Provadis Hochschule: Wie ändert sich die Wertschöpfung im Bereich der Kunststoffverpackung?

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  • Tab. 1 Das 9R Framework im Kontext von Kunststoffverpackungen.
  • Abb. 2 Re-Thinking Plastic: Verschiedene Szenarien mit unterschiedlichem Innovationspotential und Veränderungsdruck sind Gegenstand der aktuellen Diskussion.

Das Leitmotiv der Zirkulären Wirtschaft bedeutet einen Paradigmenwechsel für Wirtschaft und Gesellschaft: Das Denken in Kreisläufen und Systemen löst das lineare Denken (produzieren; nutzen; wegwerfen) ab. Hierdurch soll – so das Konzept - die ökonomische Entwicklung einerseits von der Umweltbelastung durch einen erhöhten Rohstoffverbrauch andererseits entkoppelt werden. Wohlstand und intakte Umwelt stehen dann nicht länger im Widerspruch.

Besonders intensiv wird diese Frage gegenwärtig im Bereich der Kunststoffverpackung diskutiert: In welchen Teilbereichen ist die Kunststoffverpackung nicht zu ersetzen? Wo kann sie vermieden werden? Und welche Möglichkeiten gibt es Stoffkreisläufe zu schließen? Diesen Fragen hat sich auch ein VCI Praxisforum gewidmet.

Zirkuläre Wirtschaft tangiert eine Vielzahl an Akteuren

Verschiedenste Akteure sind gegenwärtig mit der Produktion, Verwendung und Entsorgung konsumnaher Kunststoffverpackungen beschäftigt: Der Hersteller des Kunststoffgranulats produziert das Basisprodukt, der Verpackungshersteller gestaltet die Verpackung nach Maßgabe des Herstellers, der Hersteller des Verpackungsinhaltes füllt die Verpackung, und der Händler ist für die Verteilung der Produkte an die Endkunden zuständig. Der Endkunde nutzt den Verpackungsinhalt und kann die Verpackung anschließend über den „gelben Sack“ an den Entsorger geben. Diese Architektur der Wertschöpfung wurde in den letzten Jahrzehnten unter Kosten- und Qualitätsgesichtspunkten durch die Akteure optimiert. Die Rollen der Akteure sowie die Geschäftsmodelle für das Geschäftsfeld der Kunststoffverpackung sind etabliert. Doch nun kommt das etablierte System durch das steigende Umweltbewusstsein der Konsumenten sowie aktuelle regulatorische Überlegungen auf EU-Ebene unter Druck. Wo geht die Reise hin? Und worauf müssen sich Chemieunternehmen einstellen? Es kommt darauf an, lautet die Antwort.

Reduktion des Verpackungsmülls – Maßnahmen der Wirtschaft

Experten aus Konsumgüterindustrie, Handel, Abfallwirtschaft und Chemieindustrie diskutierten Ende Mai 2019 im Accenture Innovation Center in Essen über die zirkuläre Wirtschaft.

Ziel des Kreativ-Workshops war es mit Hilfe der Design Thinking Methode innovative Lösungsansätze für nachhaltige Verpackungen zu entwickeln. Das Format des Praxisforums ist eine gemeinsame Initiative des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI), der Unternehmensberatung Accenture und dem Zentrum für Industrie und Nachhaltigkeit (ZIN) der Provadis Hochschule. Es soll mit Blick auf die Zirkuläre Wirtschaft den branchenübergreifenden Austausch der wertschöpfungsrelevanten Akteure fördern.

Die zirkuläre Wirtschaft soll durch verschiedene Ansätze in der Praxis realisiert werden. Das 9R Framework umfasst drei generische zirkuläre Strategien: einen effektiveren Ressourceneinsatz, die Verlängerung des Lebenszyklus‘ und die Nutzung des inhärenten Materialwertes. Die verschiedenen Ansätze sind hierarchisch geordnet und werden von linear (z.B. R9 Recover) zu zunehmend zirkulär  (R0 Refuse) charakterisiert. R9 Recover umfasst zum Beispiel im Kontext von Verpackungen eine thermische Verwertung. Das Recycling (R8 Recycle) kann mechanisch, chemisch oder auch thermochemisch erfolgen. Verpackungen können nach der Nutzungsphase auch in anderer Form eingesetzt werden, zum Beispiel bei einer Kunststoffparkbank (R7 Repurpose). Lebenszyklusverlängernde Maßnahmen wie beispielsweise R6 Remanufacture, R5 Refurbish oder R4 Repair werden aktuell noch weniger diskutiert, könnten aber gerade im Zusammenhang mit Systemen zur Mehrfachnutzung (R3 Reuse) eine wichtige Komponente sein. Das Design von Verpackungen sollte einen möglichst geringen Einsatz vom Verpackungsmaterial (R2 Reduce) und eine sehr starke Konzentration der Wirkstoffe berücksichtigen. Die Geschäftsmodelle von Verpackungen grundlegend neu zu denken und auch die richtigen Materialien dafür zu finden (R1 Rethink), bietet große Möglichkeiten für die Zirkuläre Wirtschaft. Obwohl Verpackungen einen großen Beitrag zur Eindämmung von Umweltbelastungen leisten, muss für jeden Einzelfall geprüft werden, inwieweit der Einsatz von Verpackungen sinnvoll ist (R0 Refuse).

Vor diesem Hintergrund stellten im Rahmen des Praxisforums verschiedene Akteure der Wertschöpfungskette ihre Perspektiven und Lösungsansätze für eine Zirkuläre Wirtschaft vor.

Der Konsumgüterhersteller Henkel möchte mit seiner Strategie die Entwicklung hin zu einer zirkulären Wirtschaft unterstützen. Dazu setze man auf das „richtige“ Verpackungsdesign, das Schließen von Wertschöpfungsketten und den Einsatz von nachwachsenden Rohstoffen. Bis zum Jahr 2025 möchte man verschiedene Ziele erreichen. Zum Beispiel sollen 100% der Verpackungen rezyklierbar, wiederverwendbar oder kompostierbar sein. Ebenso möchte man über eine Milliarde Konsumenten zielgerichtet über das Thema Recycling informieren. Der Rezyklatanteil in Verpackungen von Konsumgütern soll 35% betragen und 100% des Papiers und der Pappe soll von recyceltem Material oder nachwachsenden Quellen stammen. In Kooperation mit Fraunhofer Umsicht habe Henkel ein Open-Source Tool entwickelt, das die Recycelbarkeit von Verpackungen klassifiziere. Henkel habe schon mehrere Versuche gestartet, Verpackungsmaterial einzusparen, z.B. durch Konzentrierung der Wirkstoffe, und damit den Verpackungsbedarf reduziert. Allerdings verhindere mitunter das Verhalten der Endkunden eine weitreichende Einsparung des Verpackungsmaterials, da die Kunden auf die Konzentrierung der Wirkstoffe mit einer Höherdosierung reagiert haben.

Die REWE Group plane bis 2030 100% der Verpackungen von Eigenmarken umweltfreundlich zu gestalten. Dabei werden Emissionen und der Ressourceneinsatz betrachtet. Man konzentriere sich zunächst auf die Eigenmarken und kooperiere gleichzeitig mit anderen Industrieunternehmen, um auch für weitere Produkte nachhaltigere Verpackungslösungen anzubieten. Gesellschaftliche Trends wie eine erhöhte Anzahl an Single-Haushalten sowie  vermehrter „außer Haus“ Konsum lassen den Bedarf an Verpackungen aufgrund der kleineren Portionen ansteigen. Die Ressourceneffizienz werde als wichtigster Hebel gesehen, denn die neuen Verpackungen würden auch ökonomisch bewertet. Ebenso komme der Kommunikation eine große Bedeutung zu. Die Aufklärung des Konsumenten am „Point of Sale“ über den richtigen Umgang mit der Verpackung sei teilweise durch Informationsüberflutung schwierig. Bei Konsumenten lasse sich zuweilen eine Diskrepanz zwischen Anspruch und tatsächlichem Handeln in der Praxis feststellen. Hier seien alle Unternehmen und die Politik gefordert, um das Handeln der Konsumenten zu beeinflussen.

Das Start-up CirPlus bietet einen Marktplatz für recycelte Kunststoffe an und orchestriert dabei die Bedarfe von Käufern und Verkäufern. Die Lieferkette werde dazu digitalisiert und schaffe eine erhöhte Transparenz. Dazu werde eine Standardisierung recycelter Kunststoffe  entwickelt und eine auf Algorithmen basierte Vorhersage soll die Volatilität bzgl. Qualität, Mengen und Preisdynamiken reduzieren. Die geprüften Anbieter und Nachfrage auf der Plattform können mit einer Kosten- und Zeitersparnis von mindestens 25% im Einkauf- und Verkaufsprozess von Rezyklaten rechnen, so das Start-up.

Alle Akteure waren sich darin einig, dass die Grundsätze einer Zirkulären Wirtschaft systematisch umgesetzt werden müssen: Hierzu seien sowohl die Unternehmen, aber auch die Konsumenten, die Politik und die Zivilgesellschaft gefordert. Ein einfaches „Abladen“ der Verantwortung für die Verpackungsthematik bei Verpackungs- und Konsumgüterherstellern greife zu kurz.

Denken in Szenarien wichtig

Wie wird sich nun in diesem mehrstufigen System zukünftig mit Blick auf die Verpackung die Wertschöpfung verändern? Ganz unterschiedliche Konstellationen sind in der Diskussion – das Spektrum reicht von der Entwicklung technischer Lösungen, wie z.B. die Nutzung von Bio-Kunststoffen oder die verstärkten Nutzung von Rezyklaten, bis hin zu systemischen Veränderungen im downstream-Bereich, wie z.B. die Einführung von Pfandsystemen für Konsumgüterverpackungen.

Die Szenarien sind mit unterschiedlichem Innovationspotential und Veränderungsdruck für die Akteure verbunden. Auch kann eher der vordere Teil (‚Upstream‘) oder der hintere Teil (‚Downstream‘) der Wertschöpfungskette von Veränderungen betroffen sein. Ein erhöhter Rezyklatanteil beispielsweise, reduziert den Bedarf an Neumaterial und erfordert vom Granulathersteller eine Prozessanpassung, um Rezyklate zu integrieren und eine gleichbleibende Qualität anzubieten. Gleichzeitig muss die Zusammenarbeit mit dem Entsorger intensiviert werden. Für den Konsumgüterhersteller, Handel und Endkonsumenten ändert sich hingegen wenig. In Mehrweg- oder Abfüll-Systemen sind gerade diese Akteure stärker betroffen. Die nötige Verhaltensänderung beim Kunden ist entscheidend. Aber auch die Konsumgüterhersteller und der Handel müssen ihre Prozesse umstellen. Mit den jeweils einhergehenden Veränderungen gehen auch unterschiedliche Profit-Potenziale für die verschiedenen Akteure einher: Werden in Szenario 1 „Erhöhung des Rezyklatanteils“ die Granulathersteller höhere Deckungsbeitrag pro Kilo erzielen können als heute? Wird der Mengenverlust durch Wertgewinn überkompensiert? Was bedeutet das Szenario 2 „Einführung einer Mehrwegverpackung analog zu PET“ für die Akteure im Wertschöpfungsnetzwerk? Wird der Handel diesen Prozess übernehmen? Kommen neue Akteure auf den Markt? Wie ist die Profit-Verteilung im Netzwerk?

Duale Strategien sinnvoll

Das VCI Praxis-Forum kam mit Blick auf die zu erwartenden Änderungen zu keiner Antwort. Sowohl unterschiedlichen Szenarien als auch unterschiedliche Verteilungen von Gewinnen auf die verschiedenen Akteure sind vorstellbar. Vor diesem Hintergrund müssen Kunststoffhersteller dual agieren: Sie optimieren das heutige Geschäft und prüfen gleichzeitig die Implikationen regulatorischer und marktseitiger Änderungen auf das heutige Geschäftsmodell. So steigern sie ihre strategische Weitsicht und die Anpassungsfähigkeit an ein sich änderndes Umfeld.

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Provadis School of International Management and Technology AG
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Telefon: +49 69/305-81051
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