19.02.2020
ThemenStrategie

Erdgas als Brücke in eine grünere Energiezukunft

Strategien für die Erdgasbeschaffung von Unternehmen der chemischen Industrie

  • VNG betrachtet Erdgas als Brücke in eine grünere Zukunft und beschäftigt sich bereits mit klimafreundlicheren Alternativen wie Bio-Methan, synthetische Gase und Wasserstoff. © Sergey Breef / 123RfVNG betrachtet Erdgas als Brücke in eine grünere Zukunft und beschäftigt sich bereits mit klimafreundlicheren Alternativen wie Bio-Methan, synthetische Gase und Wasserstoff. © Sergey Breef / 123Rf
  • VNG betrachtet Erdgas als Brücke in eine grünere Zukunft und beschäftigt sich bereits mit klimafreundlicheren Alternativen wie Bio-Methan, synthetische Gase und Wasserstoff. © Sergey Breef / 123Rf
  • Alexander Lück,   VNG Handel & Vertrieb

Etwa 40 % des Erdgases in Deutschland wird in der Industrie eingesetzt. Seine geringen CO2-, NOx- und Staubemissionen, gute verbrennungstechnische Eigenschaften und vielfältige Einsatzmöglichkeiten machen es zu einem idealen Energieträger insbesondere in der energieintensiven Industrie. Zudem dürfte die Bedeutung von Erdgas im Strommix zunehmen, wenn der Ausstieg aus der Kohleverstromung realisiert wird und stattdessen z. B. Gasturbinenanlagen ans Netz gehen. Hinzu kommen die gute Anbindung an die Produzentenländer und liquide Märkte. Beste Voraussetzungen also für den Energieträger Erdgas. Alexander Lück, Leiter Vertrieb des Erdgasimporteurs und -großhändlers VNG Handel & Vertrieb, erläutert die Marktsituation und die Bedeutung des Erdgasmarktes für deutsche Industrieunternehmen.

CHEManager: Herr Lück, wird die Bedeutung von Erdgas im Strommix aufgrund des Ausstieges aus der Kohleverstromung zunehmen?
Alexander Lück: Ja, wir gehen davon aus, dass der gerade vereinbarte Kohleausstieg dazu führen wird, dass der Anteil von Erdgas zur Verstromung ansteigt. Erdgaskraftwerke haben einen hohen Wirkungsgrad, können schnell zur Deckung von Lastspitzen zur Verfügung stehen und somit eine wichtige Ergänzung der erneuerbaren Energien anbieten. Zudem ist der Einsatz von Erdgas immer noch deutlich besser für die Umwelt als der von Kohle.

Das heißt: Preissteigerungen von CO2-Zertifikaten sollten den Einsatz von Erdgas in der Stromerzeugung insbesondere gegenüber Kohle attraktiver machen. Beobachten Sie diese Entwicklung bereits?
A. Lück: Wir beobachten die Entwicklung der CO2-Zertifikate sehr sorgfältig, da diese einen großen Einfluss auf den Erdgasmarkt haben. Steigen zum Beispiel die Preise für CO2-Zertifikate, kann das den Einsatz von Erdgas für die Verstromung verglichen mit der Kohleverstromung, den sogenannten Coal-Switch-Level, attraktiver machen. Das wiederum lässt den Bedarf an Erdgas wachsen und stabilisiert die Gaspreise.

Welche Rolle kann Erdgas in den Strategien und Zielen der Chemie­industrie spielen, ihre Anstrengungen zur Reduzierung der CO2-Emissionen bis hin zur Erreichung der Klimaneutralität zu verstärken?
A. Lück: Wir sehen Erdgas als Brücke in eine grünere Zukunft und beschäftigen uns bereits mit den klimafreundlicheren Alternativen wie Bio-Methan, synthetische Gase und Wasserstoff, damit wir zu gegebener Zeit bereit sind für die Ablösung von Erdgas. Zum Beispiel arbeiten wir an einem Projekt in Mitteldeutschland, um die Möglichkeiten von Wasserstoff in der Verteilung und Speicherung auszuloten. Der wirtschaftliche Treiber für diese Entwicklungen ist aber natürlich die Industrie, denn ohne die entsprechende Nachfrage ist der Handel mit alternativen Gasen für uns nicht realistisch.

Derzeit basiert Ihr Geschäft aber noch auf Erdgas. Welche Randbedingungen charakterisieren den Gasmarkt in Deutschland?
A. Lück: Deutschland ist via Pipeline und Flüssiggastransporten sehr komfortabel mit Erdgas versorgt und hat eine Drehscheibenfunktion im europaweiten Erdgashandel. Wir verfügen hierzulande über eine exzellente Gasinfrastruktur mit einem annähernd flächendeckenden Pipelinenetz und modernen Erdgasspeichern. Ein vorbildliches Technisches Regelwerk und transparente Marktbedingungen ermöglichen einen freien und fairen Wettbewerb.

Auf welchen Wegen kommt Gas nach Deutschland?
A. Lück: Deutschland ist per Erdgaspipelines sehr eng an die Produzentenländer Russland, Norwegen und Niederlande angebunden. Und verflüssigtes Erdgas – Liquified Natural Gas, kurz LNG – aus Russland, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Asien und zunehmend auch aus den USA nimmt eine immer wichtigere Bedeutung auch für Deutschland ein.

Was hat denn LNG mit unserem Gasmarkt zu tun?
A. Lück: Das verflüssigte Erdgas kommt per Schiff aus den Produzentenländern, wird in LNG-Terminals regasifiziert und dann in das Leitungsnetz eingespeist. Ab diesem Zeitpunkt ist es von normalem Erdgas nicht zu unterscheiden. LNG wird aber auch zunehmend direkt bei Kunden eingesetzt, die nicht an das Leitungsnetz gebunden sind. Per Lkw wird dann das LNG vom Hafen zum Verbraucher transportiert.
Trotz derzeit noch verhältnismäßig geringer Importmengen spielt LNG eine entscheidende Rolle bei der Preisbildung an den Märkten. So kann beispielsweise eine geringe Nachfrage in Asien aufgrund einbrechender Konjunktur zu einem Anstieg der LNG-Lieferungen nach Europa führen. Bei gleichbleibendem Bedarf erhöht sich damit die Liquidität an den europäischen Handelspunkten, es wird zusätzlicher Druck auf den Markt, auch hier in Deutschland, ausgeübt mit dem Ergebnis, dass die Preisvolatilität steigt.

Wirken sich noch andere Faktoren auf den deutschen Markt aus?
A. Lück: Ja! Erdgas wird an verschiedenen liquiden Handelspunkten in Europa gehandelt, die insbesondere durch globale Faktoren und auch durch andere Commodities beeinflusst werden. Und unser Gasmarkt ist natürlich auch sehr eng mit den Entwicklungen anderer Commodities wie Öl, Kohle, Strom und mit dem Preis für CO2-Zertifikate verbunden. Steigen zum Beispiel die Preise für CO2-Zertifikate, kann das den Einsatz von Erdgas für die Verstromung verglichen mit der Kohleverstromung, den sogenannten Coal-Switch-Level, attraktiver machen. Das wiederum lässt den Bedarf an Erdgas wachsen und stabilisiert die Gaspreise.
In der Praxis gibt es aber keine einfache „Wenn-Dann-Beziehung“, sondern eine große Vielzahl an Faktoren, die die Liquidität und Preis­entwicklungen beeinflussen. In den zurückliegenden Jahren konnten wir bereits mehrfach große Preissprünge in kurzer Zeit beobachten. Das wird sicher auch in Zukunft so sein.

Wie können sich Industrieunternehmen dagegen absichern?
A. Lück: Mit steigender Volatilität nimmt die Bedeutung von Marktanalysen zu. Unternehmen mit einem hohen Energiebedarf müssen also kontinuierlich den Markt beobachten und für Beschaffung und ggf. Portfoliobewirtschaftung die entsprechenden Rückschlüsse aus den vergangenen und aktuellen Marktentwicklungen ziehen. Das bindet natürlich Ressourcen.
Insbesondere für Industrieunternehmen, die nicht über ausreichende Ressourcen für eigene Analysen verfügen, bieten wir den VNG Analysten Call an, eine Webkonferenz, die alle 14 Tage die wesentlichen Marktentwicklungen aufzeigt und analysiert. Außerdem können sie sich per E-Mail mit dem VNG Markt­report täglich, wöchentlich und/oder monatlich einen Marktüberblick verschaffen.

„Wir sehen Erdgas als Brücke in eine grünere Zukunft und beschäftigen uns bereits mit klimafreundlicheren Alternativen.“

Wie lässt sich die aktuelle Beschaffungssituation von Industrieunter­nehmen charakterisieren und welche Rolle spielen Erdgaslieferanten?
A. Lück: In Deutschland herrscht seit vielen Jahren ein Käufermarkt für Erdgas, was Industrieunternehmen in die komfortable Lage versetzt, die für sie passende Lösung in Verbindung mit einem verlässlichen Lieferanten aus einer Vielzahl von Anbietern auswählen zu können. Andererseits erfordert dies, dass Kunden sich vor der Ausschreibung eines Erdgasbedarfes intensiv mit dem Angebot des Markts auseinandersetzen und ihr Beschaffungsmodell klar definieren.

Welche Modelle zur Erdgasbeschaffung gibt es denn für Indus­trieunternehmen?
A. Lück: Grundsätzlich lassen sich zwei gegensätzliche Beschaffungsmodelle definieren: Mit dem Abschluss zum Beispiel einer Vollversorgung zum Festpreis werden alle Risiken an den Lieferanten delegiert. Industriekunden haben somit zwar nur einen geringen Aufwand, können aber mögliche Marktchancen nicht nutzen. Andererseits bietet die Bewirtschaftung des eigenen Portfolios durch Marktzugang und Sicherstellung von Portfolio- und Bilanzkreismanagement die höchsten Chancen, von günstigen Marktsituationen zu profitieren. Dafür müssen aber auch die nötigen Voraussetzungen gegeben sein oder geschaffen werden, und das bedeutet einen höheren internen Aufwand.
Zwischen diesen beiden gegensätzlichen Beschaffungsmodellen sind auch Mischformen möglich, die den individuellen Anforderungen eines Kunden hinsichtlich Risikobereitschaft und Aufwand entsprechen.

Welche Kriterien haben Industrie­unternehmen, um sich für eines der Modelle zur Erdgasbeschaffung zu entscheiden?
A. Lück: Die Wahl eines Beschaffungsmodells hängt im Wesentlichen von der Bedarfssituation, also von Menge, Struktur, maximaler Leistung, usw. sowie dem gewünschten Grad der eigenen Handlungsspielräume und damit dem internen Aufwand ab. Je komplexer ein Modell ist, desto höher ist also der interne Aufwand des Industrieunternehmens und desto öfter müssen Entscheidungen getroffen werden. Dafür sind Voraussetzungen wie eine Beschaffungsstrategie sowie Risikovorgaben zu schaffen und auch die entsprechenden Ressourcen für die kontinuierliche Marktbeobachtung vorzuhalten oder von Dritten zu beschaffen.

Welche Rolle in dem Beschaffungsprozess kommt einem Erdgaslieferanten zu?

A. Lück: Die Rolle des Lieferanten kann mittlerweile als Schnittstelle zwischen den Anforderungen des Industriekunden und den Möglichkeiten des Marktes gesehen werden. Wir bringen beides zusammen und helfen unseren Kunden darüber hinaus, indem wir ihnen Risiken abnehmen oder sie befähigen, selbst fundierte und gute Einkaufs­entscheidungen zu treffen. Eine Reihe ergänzender Dienstlungen rundet das Ganze ab und so können sich unsere Kunden auf Erfolge in ihrem Kerngeschäft konzentrieren.

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VNG Handel & Vertrieb GmbH
Braunstraße 7
04347 Leipzig

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