Märkte & Unternehmen

Die Deals der deutschen Biotechinvestoren

Mehr als nur Biontech und Curevac: Ein Blick in die Portfolien der Brüder Strüngmann und von Dietmar Hopp

15.02.2021 - Biontech und Curevac sind die aktuellen Flaggschiffe der deutschen Top-Biotechinvestoren Strüngmann und Hopp. Doch die Unternehmer haben deutlich mehr zu bieten.

Die Coronapandemie hat nicht nur die technologischen Fähigkeiten deutscher Biotechunternehmen in der Impfstoffentwicklung deutlich gemacht, sondern auch ein Schlaglicht auf die wichtigsten Finanziers der Branche geworfen. Mit den Brüdern Thomas und Andreas Strüngmann sowie Dietmar Hopp hat Deutschland zwar nur wenige private Investoren, die im ganz großen Stil in die Biotechnologie investieren. Deren Portfolien beinhalten allerdings eine ganze Reihe interessanter Unternehmen – und neben Biontech und Curevac möglicherweise noch die ein oder andere Perle.

Ihre Namen sind mit der deutschen Biotechbranche so eng verknüpft wie die Alster mit Hamburg und der Zwinger mit Dresden. Nachdem die 1950 in Mühlheim an der Ruhr geborenen Brüder Thomas und Andreas Strüngmann im Jahr 2005 den einst von ihnen gegründeten Generikahersteller Hexal für 5,65 Mrd. EUR an Novartis verkauft hatten, begaben sie sich nicht in den Vorruhestand, sondern legten noch einmal von vorne los. Sie investierten über ihre Investmentgesellschaften Athos Service und Santo Holding in zahlreiche junge Biotechunternehmen, darunter in den Star der aktuellen Biotechbranche Biontech aus Mainz.

Auch SAP-Mitgründer Dietmar Hopp, heute 80, blieb nach seinem Ausscheiden bei dem Walldorfer Softwareriesen seinem Unternehmertum treu. Auch er investierte über seine Beteiligungsgesellschaft Dievini Hopp Biotech Holding große Summen in die Biotechbranche. Eine der von ihm finanziell unterstützten Firmen ist Curevac aus Tübingen.

Biontech und Curevac kannten vor etwas mehr als einem Jahr nur Eingeweihte. Das hat sich mit der Entwicklung von mRNA-basierten Impfstoffen gegen das Coronavirus grundlegend geändert. Mittlerweile sind die beiden börsennotierten Unternehmen jeweils viele Milliarden EUR wert, auch die Beteiligungen der Strüngmanns und von Hopp liegen in dieser Größenordnung.

Doch die Engagements der Großfinanziers beschränken sich nicht allein auf diese prominenten Firmen. Wohl wissend, dass nicht jedes Start-up den Weg ans Licht schafft, haben sie sich breit aufgestellte Portfolien angelegt. Teilweise kreuzen sich ihre Wege dabei sogar.

 

Das Strüngmann-Reich: Tee, Proteine und Krebstherapien

Thomas und Andreas Strüngmann haben ihre Beteiligungen organisatorisch vor allem unter dem Dach der Santo Holding gebündelt, daneben besteht mit Athos eine zweite Beteiligungsgesellschaft. Beide sind sogenannte Family Offices, die das Vermögen der Brüder bzw. ihrer Familien verwalten.

Über die Zusammensetzung ihres Portfolios hüllen sich die Strüngmanns offiziell in Schweigen, auf entsprechende Anfragen gehen sie nicht näher ein. Unterschiedliche Medienberichte geben jedoch einen Eindruck von der Breite Ihrer Investments: Demnach gehören bzw. gehörten dazu Unternehmen wie Ganymed (Krebstherapien), Nexigen (Proteinforschung), Siemens & Co (Emser Pastillen), Sidroga (Arzneitees), Suppremol (Autoimmunkrankheiten; verkauft an Baxter), Affiris (Start-up), Apceth (Start-up; veräußert an Hitachi Chemical Co., seit 1. Oktober 2020 Showa Denko Materials Co.) und Klinge Biopharma (Pharma). Zu den früheren Engagements der Brüder zählt Aicuris. Das Wuppertaler Biotechunternehmen, eine ehemalige Bayer-Ausgründung, ist das erste Unternehmen aus dem Beteiligungsportfolio, das ein neuartiges Wirkstoffmedikament von der frühen Entwicklung bis zur Zulassung bringen konnte.

Eine Beteiligung pflegen die Strüngmanns auch an der Tübinger Immatics Biotechnologies. Seit Juli 2020 ist das auf Krebsimmuntherapien spezialisierte Unternehmen an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq gelistet.

Eine wichtige Funktion im Strüngmann-Reich hat die 2014 gegründete Bioeq mit Sitz in Holzkirchen. Die Firma ist eine Tochtergesellschaft der Bioeq IP, einem Joint Venture zwischen der polnischen Polpharma Gruppe und der Santo Holding mit Sitz in Zürich. Bioeq agiert als Dienstleister und ist für die Entwicklung von Biosimilars verantwortlich.

Über Bioeq sind die Strüngmann-Brüder wiederum eng mit dem Martinsieder Biosimilar-Entwickler Formycon verknüpft. So hat Formycon für die Entwicklung seines Biosimilar-Kandidaten FYB202 ein Gemeinschaftsunternehmen mit der Aristo Pharma gegründet, ebenfalls eine Beteiligung der Santo Holding.

Für Schlagzeilen sorgte Formycon im Dezember 2020. Da teilte das Unternehmen mit, dass sein SARS-CoV-2-Blocker mit dem Kürzel FYB207 die Infektion von Zellen in-vitro, also in Laborversuchen, vollständig verhindert. Im Vergleich zu Impfstoffen und therapeutischen Antikörpern sei das entsprechende Fusionsprotein maximal gegen Mutationen des Virus´ geschützt. Das weckte Coronafantasie für die börsennotierte Firma – der Aktienkurs schoss innerhalb kürzester Zeit von rund 33 auf teilweise über 70 EUR.

Zu den derzeit spektakulärsten Investments der Brüder zählt indes Biontech. An dem 2008 gegründeten Unternehmen war deren Family Office mit einem Startkapital von rund 180 Mio. USD beteiligt. Heute sind sie über die AT Impf, die ebenfalls wie die Athos Service ihren Sitz in München hat, der größte Anteilseigner des Mainzer Unternehmens.

Dietmar Hopp: Portfolioaufbau ab 2005

Dietmar Hopp ist mit seinen Beteiligungen eine Art Pendant zu den Strüngmann-Brüdern. Seine Walldorfer Beteiligungsgesellschaft Dievini legt den Investitionsschwerpunkt nach eigenen Angaben auf „innovative Biotechnologieunternehmen“ und ist aktuell an neun Unternehmen in Deutschland und der Schweiz beteiligt. Eine bislang bestehende Beteiligung an der italienischen Cassiopeia wurde 2020 veräußert. Laut Eigendarstellung entwickeln diese Unternehmen überwiegend Diagnostika, Therapeutika und Impfstoffe gegen schwere Erkrankungen wie Krebs, bakterielle und virale Infektionserkrankungen sowie neurodegenerative Erkrankungen.

Sämtliche Beteiligungen wurden zwischen 2005 und 2008 ins Portfolio aufgenommen und bis heute finanziert. Nach Angaben einer Unternehmenssprecherin wurden dabei bislang insgesamt zirka 1,3 Mrd. EUR investiert.

Die Dievini-Beteiligungen im Überblick

AC Immune, Lausanne (rund 25 %): Das an der Nasdaq gelistete Biotechunternehmen strebt eine führende Rolle in der Präzisionsmedizin für neurodegenerative Erkrankungen an und arbeitet mit Pharmaunternehmen wie Genentech, Eli Lilly und Janssen Pharmaceuticals zusammen.

Apogenix, Heidelberg (privat, >75%), entwickelt Immuntherapeutika zur Behandlung von Krebs und Viruserkrankungen wie COVID-19.

Cosmo Pharmaceuticals, Dublin (an Schweizer Börse SIX gelistet; ~5%), ist ein Spezial-Pharmaunternehmen, das Therapien für Magen-Darm-Erkrankungen entwickelt.

Heidelberg Pharma, Ladenburg (gelistet, Frankfurter Börse, ~75%), ist auf Onkologie spezialisiert. Der am weitesten fortgeschrittene eigene Produktkandidat in der Indikation Multiples Myelom ist 2021 mit der klinischen Entwicklung gestartet.

Immatics Biotechnologies, Tübingen (gelistet, Nasdaq, ~25%). Wie die Strüngmann-Brüder ist auch Dietmar Hopp über Dievini an Immatics beteiligt.

Joimax, Karlsruhe (privat, >75%), wurde 2001 in Karlsruhe gegründet und sieht sich als führender Anbieter und Entwickler von Komplettsystemen für die endoskopische minimal-invasive Wirbelsäulenchirurgie.

Molecular Health, Heidelberg (privat, >75%), stammt aus dem Bereich der computergestützten Präzisionsmedizin und unterstützt mit seinem Fokus auf Data Science und künstlicher Intelligenz die Entscheidungsfindung für Organisationen im Gesundheitssektor.

Novaliq, Heidelberg (privat, >75%), ist ein forschendes Pharmaunternehmen, das auf die Entwicklung und Vermarktung von wasserfreien Therapeutika für die Augenheilkunde spezialisiert ist. Zwei Arzneimittelkandidaten befinden sich in der späten Phase der klinischen Entwicklung.

Curevac, Tübingen (gelistet, Nasdaq, ~45%), arbeitet seit mehr als 20 Jahren auf dem Gebiet der mRNA-Technologie. Die Pipeline umfasst Produktkandidaten aus den Bereichen der prophylaktischen Impfstoffe, Krebstherapien, Antikörpertherapien und zur Behandlung seltener Krankheiten. Das Unternehmen, das Anfang 2020 noch mit etwa 1 Mrd. EUR bewertet wurde, bringt es als börsennotierte Firma heute auf eine Marktkapitalisierung von etwa 18 Mrd. EUR.

Im Jahr 2017 schrieb das Manager Magazin, dass es Dievini bis dato nicht gelungen sei, aus den damals investierten 1,2 Mrd. EUR eine Rendite zu erwirtschaften. Von den einst 21 Firmen im Portfolio sei bis dahin kein Euro an Hopp zurückgeflossen. Das könnte sich mit der Entwicklung von Curevac ändern.

MIG: Biotech-Kapital aus Pullach

Hinter den Strüngmanns und Dietmar Hopp folgt – gemessen an den investierten Volumina privater Investoren - ein großes Nichts. Allerdings gibt es Fondsgesellschaften wie die Schweizer BB Biotech oder Venture-Capital-Investoren wie die Pullacher MIG, die ebenfalls rege Geld in die Biotech- und Gesundheitsbranche pumpen.

Bei den Machern der von MIG aufgelegten MIG Fonds stehen nach eigenen Worten vor allem junge, innovative und noch nicht börsennotierte Unternehmen im Fokus. Der Gesamt-Investitionsbetrag in diese Unternehmen betrug Ende 2020 ca. 262,5 Mio. EUR.

Zum Portfolio zählen Medikamentenentwickler wie AdvanceCor (Anteil: 34,6%), Affiris (44,26%) und Isarna (81,93%), aber auch Medizintechnikunternehmen wie Amsilk (23,32%), Hemovent (26,88%) und Odos (30,86%). Darüber hinaus gibt es Beteiligungen im Bereich Diagnostik - Biocrates Life Sciences (55,72%) und Neracare (11,74%) – sowie Digital Health mit Temedica (19,59%) und Liva Healthcare Aps (14,44 %). Mit GWA Hygiene (39,14%) setzen die MIG Fonds zudem auch auf den Bereich Dienstleister.

Zum MIG-Reich gehören zudem alte Bekannte wie Biontech (keine Angaben zur Beteiligung) oder Immatics (3,23%). Überhaupt nimmt Immatics unter Beteiligungsgesichtspunkten eine besondere Rolle ein. Hier überschneiden sich die Wege der Brüder Strüngmann, von Dietmar Hopp und MIG. Zudem zeigt Immatics Parallelen zu Curevac: Beide Firmen sind im Jahr 2000 als Ausgründungen der Universität Tübingen entstanden, beide hatten ihren Sitz viele Jahre im selben Gebäude im Technologiepark oberhalb der Universitätsstadt, beide sind 2020 in den USA an die Börse gegangen und beide sind mit ihren jeweiligen Produktkandidaten zuletzt deutlich vorangekommen.

Neben diesen Dickschiffen unter den hiesigen Biotech-Investoren tauchen in Fachkreisen immer wieder die Namen weiterer Geldgeber auf, darunter Bayern Kapital, High-Tech Gründerfonds (HTGF), LBBW Venture Capital, TVM Capital Life Science oder Vesalius Biocapital III und Wille Finance.

Wenngleich damit hierzulande durchaus engagierte Kapitalgeber bereitstehen, zeigt die Realität, dass das große Geld immer noch jenseits des Atlantiks zu finden ist. Nicht ohne Grund sind Biotechunternehmen wie Morphosys, Biontech oder Curevac (auch) an der US-Börse Nasdaq notiert. Die Coronapandemie könnte allerdings zur Folge haben, dass sich dieser Abstand zwischen den USA und Deutschland verringert. Denn in der Krise zeigt die deutsche Biotechnologie gerade, was in ihr steckt.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat bereits das Ziel ausgegeben, Deutschland zu einem führenden Standort für die mRNA-Technologie entwickeln zu wollen. Und Thomas Strüngmann hat kürzlich in einem Interview das Ziel ausgegeben, Biontech zu einem neuen deutschen Pharmakonzern weiterentwickeln zu wollen. Deutschland, einst als „Apotheke der Welt“ bezeichnet, hat jetzt das Potenzial, als Pharmastandort wieder zu neuer Stärke zu finden.

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