Anlagenbau & Prozesstechnik

Betriebsingenieure zum Anfassen - ein Beruf zum Mitmachen

26.06.2013 -

CITplus - Betriebsingenieure beantworteten in Hannover Fragen der kreativen jungen Verfahrensingenieure (kjVI) zu ihrem facettenreichen und herausfordernden Berufsbild.

KjVI für CITplus: Warum haben sie den Beruf des Betriebsingenieurs, d. h. des Prozess-orientierten Ingenieurs gewählt?


Dr. Christian Poppe: Nach meiner Promotion wollte ich nicht mehr weiter in der Forschung arbeiten und bin deshalb in den Anlagenbau gegangen. Von dort bin ich über die verfahrenstechnische Unterstützung eines Geschäftsbereichs als Ingenieur in der Produktion gelandet und aus Neigung dort geblieben.

Rainer Grebner: Ich bin direkt von der Hochschule in die Betriebsbetreuung gerutscht. Ausschlaggebend war an der Stelle wohl der pragmatische Eindruck, den ich als Bewerber bei meinem Arbeitgeber hinterlassen habe, denn es gab zu diesem Zeitpunkt mehrere potenzielle Einsatzfelder, neben Betriebsbetreuung auch Planung oder Fachingenieur für Pumpen. Generell bin ich der Überzeugung, dass die Aufgabe zum Mann/zur Frau kommt und nicht umgekehrt.

Welche Studienrichtung oder Vorbildung ist für einen Betriebsingenieur am sinnvollsten?

Dr. Christian Poppe: Der Betriebsingenieur ist Generalist mit profundem technischem Hintergrundwissen. Viele Aspekte seines Wissens werden nicht an Hochschulen vermittelt, deshalb gibt es hier keine richtigen und falschen Wege. Aus meiner Sicht gibt es zwei klassische Wege zum Betriebsingenieur: zum einen der Weg über die Verfahrenstechnik und die Arbeit als Prozessingenieur und zum anderen der Weg über den Anlagenbau und das Projektgeschäft.

Rainer Grebner: Ich selbst bin allgemeiner Maschinenbauer, hatte allerdings auch einige verfahrenstechnische Vorlesungen im Hauptstudium. Manche meiner Kollegen waren in einer frühen Phase ihres Berufslebens Ingenieure auf Containerschiffen (echte Cracks, die Leckagen an Pumpen schon mal mit eingefetteten Strümpfen beheben, wenn es sich nicht um Chemikalien handelt sondern z. B. um Abwasser). Bei einem Einsatz in der Chemie- oder Pharmaindustrie sind verfahrenstechnische Grundkenntnisse eigentlich Voraussetzung.

Ist ein direkter Einstieg als klassischer Betriebsingenieur möglich und sinnvoll?


Dr. Christian Poppe: Da es keine eigenständige Ausbildung zum „Betriebsingenieur" gibt, ist eine Vorbildung in der Anlagenplanung oder auch in der Prozesstechnik meistens von Vorteil. Der Direkteinstieg ist meines Erachtens nicht ausgeschlossen, aber selten.

Rainer Grebner: Ich selbst war nach meinem Einstieg als Betriebsingenieur zunächst Projektingenieur, dann Projektmanager in Asien, danach Montage-Ingenieur und Gruppenleiter für Fremdleistungsmanagement und nun Projektleiter für ein Changeprojekt in der Organisation. Zwischendurch wurde ich als Trouble-Shooter für ein Projekt in Schieflage eingesetzt. Wie man sieht, sind Wechsel für einen Betriebsingenieur kein Thema. Meinen Aufstieg zum Senior Manager kann man sicher als Karriere bezeichnen, war aber in der Form nicht „geplant".
Meiner Meinung nach zeichnet sich ein Betriebsingenieur durch einen hohen Anspruch an die Qualität seiner Arbeit aus, die sich durch die erzeugte Anlagenverfügbarkeit mit einem vorgegebenen Budget recht gut messen lässt.

Was empfanden sie am schwierigsten beim Einstieg als Betriebsingenieur?

Dr. Christian Poppe: Als Ingenieur aus der wärmetechnischen Forschung (Ottomotor, Gasturbine) war ich kaum mit den Grundlagen der Prozesstechnik vertraut, z. B. R&I-Fließbilder. Man kann das am besten als den sogenannten Praxisschock bezeichnen.

Rainer Grebner: Neben den bereits beschriebenen Problemen beim Lesen von R&I´s war die größte Herausforderung das Schätzen von Kosten. Wenn man die ersten 12 Monate überlebt hat und vom Betrieb ein gutes Feedback kommt, hat man es geschafft. Diese 12 Monate sind allerdings wirklich hart und nichts für zarte Seelen.

Welche Unterschiede gibt es ­hinsichtlich männlicher und weiblicher Betriebsingenieure und wie ist die ­Vereinbarkeit von Familie und Beruf?


Dr. Christian Poppe: Die Zahl der Bewerberinnen für Betriebsingenieur-Stellen ist leider noch gering, nimmt aber merklich zu. Im Berufsalltag spielen solche Fragen eine eher untergeordnete Rolle, verglichen mit Kompetenz und Erfahrung. Aufgrund des noch geringeren Anteils an Betriebsingenieurinnen ist ein höherer Bekanntheitsgrad oft vorhanden, und zumindest in den größeren Unternehmen sind Anstrengungen zur Erhöhung der „Diversity" unverkennbar.
Nach meiner Erfahrung lassen sich Familie und Beruf als Ingenieur in der Produktion nicht schlechter miteinander vereinbaren als in anderen Bereichen. Da die Produktionsanlagen meist recht unbeweglich sind, hat man den Vorteil der Ortsgebundenheit, was der Familie sehtr zugute kommt. Bei Produktionsstörungen ist eine gewisse zeitliche Flexibilität notwendig, die aber nicht über das Maß hinausgeht, was man auch bei einer Grippe oder anderen Abweichungen vom Alltag an den Tag legen muss.

Rainer Grebner: Ich kenne ganz ausgezeichnete weibliche Betriebsingenieure.
Den klassischen „9 to 5 job" gibt es in der Betriebsbetreuung sicher nicht. Tendenziell sollte man das frühe Aufstehen nicht scheuen, da die betrieblichen Abläufe für den jeweiligen Arbeitstag bereits um 6.00 Uhr beginnen. Meine persönlichen Beobachtungen gehen sogar eher in die Richtung, dass die Scheidungsrate bei Betriebsingenieuren geringer ist als bei einer Vergleichsgruppe von Montageingenieuren, die weltweit auf unterschiedlichen Baustellen im Einsatz sind.

Wie wichtig sind Auslandsaufenthalte für die Karriere?

Dr. Christian Poppe: Für mich persönlich waren die Auslandsaufenthalte in England und Frankreich eine große Bereicherung. Ich kann jedem nur empfehlen, die Gelegenheit zu einer derartigen Erfahrung zu nutzen. Von Seiten der Arbeitgeber wird Auslandserfahrung gerne gesehen und, vor allem im leitenden Bereich, die Bereitschaft zum Ortswechsel vorausgesetzt. Standard ist ein Auslandsaufenthalt sicher noch nicht.

Rainer Grebner: Einen Auslandsaufenthalt während des Studiums zu organisieren, bedarf eines hohen Maßes an Eigeninitiative. Neben dem Aspekt der Persönlichkeitsentwicklung ist diese Eigeninitiative ein absolutes Herausstellungsmerkmal gegenüber Mitbewerbern im Beruf. Der Betriebsingenieur an sich ist nicht zwingend sehr international aufgestellt. Lediglich in Firmen mit weltweiten Produktionsstätten ist ein internationaler Erfahrungsaustausch denkbar. Fazit: Auslandsaufenthalt für den Berufseinstieg und die Karriere zwingend erforderlich, als Betriebsingenieur nicht ganz oben auf der Agenda.

Was sind die besonderen Herausforderungen an einen Betriebsingenieur?


Dr. Christian Poppe: Ich schätze am Beruf des Betriebsingenieurs am meisten die relative Unabhängigkeit der Arbeit. Der Gestaltungsspielraum für Betriebsingenieure ist in vielen Unternehmen der Prozess­industrie sehr hoch: das macht Spaß und trägt in wesentlichem Maße zur Jobzufriedenheit bei.

Rainer Grebner: Bei allen wichtigen Fragen zum betreuten Betrieb wird der Betriebsingenieur nach seiner Meinung gefragt. Er ist oft die letzte Instanz bei der Realisierung von Projekten, weil er aus technischer Sicht die Beurteilungshoheit über die Machbarkeit inne hat. Selbst als ganz junger Ingenieur habe ich die Erfahrung gemacht, dass man meine Beurteilung nicht nur erfragt, sondern dieser auch einen hohen Stellenwert beigemessen hat. Einzig weil ich der Betriebsingenieur war. In diesen Momenten hat man den „geilsten Job der Welt"!

Aktuelle Termine und Kontakte der Betriebsingenieure
Bayerisches Chemiedreieck
Gerhard Bauer, Wacker Chemie AG, ­Burghausen,
gerhard.bauer@wacker.com
Nächstes Treffen: 25.09.2013
Mitteldeutschland
Wolfram Lüneburg, Taminco GmbH, Leuna,
wolfram.lueneburg@taminco.com
Rhein-Ruhr:
Christian Poppe, BayerMaterialScience AG, Leverkusen,
christian.poppe@bayer.com
Nächstes Treffen:21.06.2013, Bayer AG, Leverkusen
Rhein-Main-Neckar
Jochen Fink, Merck KGaA, jochen.fink@merckgroup.com
Nächstes Treffen: 13.06.2013, ­Evonik ­Industries, Darmstadt
Westfalen
Jürgen Mosler, Evonik Industries AG, Marl, juergen.mosler@evonik.com
Otger Harks, Infracor GmbH, Marl, otger.harks@infracor.de
Nächstes Treffen: 02.07.2013, ­Chemiepark Marl

 

 

Details zu ChemCar 2013
Seit 2006 richten die kreativen jungen Verfahrensingenieure (kjVI), die in der VDI Gesellschaft Verfahrenstechnik und Chemieingenieurwesen VDI-GVC organisiert sind, den ChemCar-Wettbewerb aus. Im Jahr 2013 findet dieser im Rahmen des Jahrestreffens der Fachgemeinschaft Prozess-, Apparate- und Anlagentechnik (PAAT) in Bruchsal vom 18.11.2013 bis 19.11.2013 statt.
www.vdi.de/chemcar