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CHEMonitor 1/2019 – Klimaschutz in der chemischen Industrie

Chemiemanager fürchten Klimarisiken und sehen Klimaschutz als Chance

09.05.2019 - Das Jahr 2018 hat das Bewusstsein in der Gesellschaft und Wirtschaft für den Klimawandel verändert.

Hitzewellen, Flutkatastrophen und andere Anomalien des Wetters waren ein weltweites Phänomen. Exportstarke Branchen wie die deutsche Chemieindustrie mit ihren internationalen Liefer- und Wertschöpfungsketten sind von den Klimarisiken besonders betroffen. Dies spiegeln auch die Ergebnisse der aktuellen CHEMonitor-Befragung wider.

Für das 32. Trendbarometer CHEMonitor wurden Top-Manager der deutschen Chemieindustrie von Februar bis April 2019 befragt. Ein Schwerpunkt der gemeinsamen Konjunktur­umfrage von CHEManager und des Beratungsspezialisten Camelot Management Consultants  lag dabei auf dem Thema Klimaschutz und dessen Bedeutung für die deutsche Chemie­industrie.

Deutsche Chemie spürt Klimarisiken
„Deutsche Chemieunternehmen spüren die Folgen des Klimawandels bereits deutlich“, fasst Josef Packows­ki, Managing Partner bei Camelot Management Consultants, die Ergebnisse der aktuellen CHEMonitor-Befragung zusammen. Befragt zu Klimarisiken antworteten mehr als drei Viertel (78 %) der Chemiemanager, die Folgen werden in Zukunft für ihr Unternehmen relevant sein. Über die Hälfte der Unternehmen (51 %) ist bereits heute betroffen. Hierzu zählt auch die BASF. Das größte Werk des Chemieunternehmens am Stammsitz in Ludwigshafen erhält rund 40 % der Rohstoffe über den Rhein, außerdem nutzt es dessen Wasser zur Kühlung. Aufgrund der niedrigen Pegelstände im Sommer 2018 musste der Konzern die Produktion drosseln; dies belastete das Konzernergebnis des vergangenen Jahres um rund 250 Mio. EUR.

Neben der direkten Auswirkung durch die Folgen des Klimawandels sieht sich die Chemieindustrie auch mit der Diskussion um eine Bepreisung von CO2-Emissionen auf nationaler und internationaler Ebene konfrontiert. Vor diesem Hintergrund haben bereits 64 % der befragten Chemieunternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern eine Strategie zur Anpassung an den Klimawandel entwickelt – d. h. eine Absicherung gegen die Folgen des Klimawandels getroffen oder unternehmensinterne Klimaschutzziele formuliert. In der Gruppe der kleineren Unternehmen ist dieser Anteil mit 19 % deutlich niedriger.

Chemiebranche will Klimaschutz und Wachstum vereinbaren
Bezüglich des Klimaschutzes gibt es mehrere Stellschrauben, an denen Chemieunternehmen drehen können, erläutert Utz Tillmann, Hauptgeschäftsführer des Verbands der Chemischen Industrie: „Das eine ist die Emissionsminderung bei Prozessen, das heißt, eine Reduktion des CO2-Ausstoßes der Produktionsanlagen. Der zweite Punkt ist der Ersatz fossiler Rohstoffe wie Öl oder Gas durch alternative Rohstoffe. Und der dritte Ansatzpunkt sind die Produkte selbst, die dazu eingesetzt werden können, CO2-Emissionen einzusparen.“

Bei der BASF in Ludwigshafen hat man sich im Oktober 2018 ehrgeizige Klimaschutzziele gesetzt: Bis zum Jahr 2030 will das Unternehmen weltweit CO2-neutral wachsen. „Wir trauen uns zu, an hochoptimierten Standorten die spezifischen CO2-Emissionen noch einmal um ein Drittel zu senken. Hierfür optimieren wir kontinuierlich bestehende Produktionsprozesse und ersetzen fossile Energiequellen schrittweise durch erneuerbare“, sagte Martin Brudermüller Mitte März im ­CHEManager-Interview. Das Ziel des CO2-neutralen Wachstums teilt der Konzern mit 51 % der Umfrageteilnehmer des aktuellen ­CHEMonitors. Darüber hinaus antworteten 63 % der Befragten, ihr Unternehmen habe sich das Ziel gesetzt, den CO2-Fußabdruck der eigenen Produkte zu reduzieren, und 73 % der Unternehmen wollen ihre Emissionen verringern (vgl. Grafik 1).

„Die ergriffenen Maßnahmen zum Klimaschutz konzentrieren sich bisher auf Effizienzsteigerungen. Innovative Wege wie der Einsatz neuer Produktionsverfahren oder Geschäftsmodelle zur Kreislaufwirtschaft werden noch zu wenig beschritten“, kommentiert Packowski die Ergebnisse der ­CHEMonitor-Umfrage. Befragt nach den geplanten Klimaschutzmaßnahmen ihres Unternehmens, nannten über 80 % die Steigerung von Energieeffizienz oder die Optimierung bestehender Prozesse, je die Hälfte setzen auf Kreislaufwirtschaft oder neue Produktionstechnologien und nur jedes fünfte Unternehmen hat zum Ziel, Kohlendioxid als Rohstoff zu nutzen (vgl. Grafik 2).

Kohlendioxid auf breiterer Basis als Rohstoff zu nutzen, macht aus Sicht von BASF-Chef Brudermüller wenig Sinn. Vor allem der sehr hohe Energiebedarf, der nötig ist, um CO2 aufzuspalten, stehe dem entgegen. „Wenn die Unternehmen alle Produkte aus CO2 und regenerativem Wasserstoff herstellen würden, was theoretisch möglich wäre, hätte die deutsche Chemieindustrie einen Bedarf an erneuerbarem Strom von ungefähr 750 TWh“, sagt Tillmann. Das entspricht in etwa dem Strombedarf der gesamten Bundesrepublik.

Der Strombedarf würde sich nochmals erhöhen, wenn die Chemieunternehmen ihren hohen Energiebedarf in der Produktion auf nachhaltige Energiequellen umstellen würde. Für den Klimaschutz wäre es jedoch effektiv: Bei einem Unternehmen wie der BASF entfällt etwa die Hälfte des CO2-Ausstoßes auf Kraftwerke, die Prozesswärme und Elektrizität für die Produktion herstellen.
Im hohen Energiebedarf liegt die Herausforderung beim Klimawandel. Deshalb ist die Umstellung volkswirtschaftlich so teuer und erfordert Zeit sowie die geeigneten Rahmenbedingungen.

Herausfordernde Standortbedingungen für den Klimaschutz
Viel Zeit bleibt der deutschen Chemieindustrie jedoch nicht, um die Ziele des nationalen Klimaschutzplans zu erfüllen. Dieser sieht eine Reduktion der CO2-Emissionen um 50 % bis zum Jahr 2030 (ausgehend von 1990) für den Industriesektor vor. Dennoch erwartet über die Hälfte der befragten Manager (55 %), dass die Chemieindustrie die Klimaziele erfüllen kann.

46 % der Befragten glauben gar, das der nationale Klimaschutzplan die Innovationsfähigkeit und damit die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Chemie erhöht. Auch den beschlossenen Kohleausstieg fürchten die Branchenvertreter nicht: Drei Viertel (73 %) der Befragten sind der Meinung, er beschleunige die Entwicklung von neuen Konzepten und Lösungen zur Energieversorgung und verschafft damit der deutschen Industrie Wettbewerbsvorteile.

Während bei der CHEMonitor-Umfrage im April 86 % der Manager die Standortbedingungen in Deutschland insgesamt mit „gut“ bewerteten – ein Wert, der zuletzt im Oktober 2016 übertroffen wurde – sank der Anteil derer, der die Standortfaktoren Digitalisierung und Energiekosten mit „gut“ oder „sehr gut“ bewerten auf 19 bzw. 14 %. Doch gerade diese Faktoren haben eine große Bedeutung für die Klimawende: So erhoffen sich  z. B. zwei Drittel der Umfrageteilnehmer positive Impulse für klimaschonendere Produktionsverfahren durch digitale Technologien: „Die deutsche Chemie sieht die Digitalisierung und künstliche Intelligenz als Wegbereiter für verbesserte Klimaschutzmaßnahmen. Am Standort Deutschland scheint es aktuell allerdings noch an den nötigen Voraussetzungen zu fehlen – die Zufriedenheit deutscher Chemieunternehmen mit dem Standortfaktor Digitalisierung hat einen neuen Tiefstwert erreicht“, erläutert Jörg Schmid, Studienleiter des CHEMonitors bei Camelot.

Dies mag auch ein Grund für die Skepsis der CHEMonitor-Umfrage­teilnehmer bzgl. des nationalen Klimaschutzplans sein:  Sechs von  zehn Managern erwarten eine ausgeprägte Auswirkung des nationalen Klimaschutzplans auf die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Chemie­industrie (vgl. Grafik 3).

Andrea Gruß, CHEManager

 

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