Logistik & Supply Chain

Hemmnisse in der Lieferkette

Unterbrochene Handelsströme und hohe Kosten bereiten der Chemiedistribution Probleme

14.07.2021 - Chemiedistributoren sind auf globale Transportnetzwerke angewiesen, um Chemikalien effizient, sicher und pünktlich liefern zu können. Ihre Fähigkeit, dies zu leisten, ist jedoch durch überhöhte Frachtkosten stark unter Druck geraten.

Chemiedistributoren sind auf globale Transportnetzwerke angewiesen, um Chemikalien effizient, sicher und pünktlich liefern zu können. Ihre Fähigkeit, dies zu leisten, ist jedoch durch überhöhte Frachtkosten stark unter Druck geraten. Die International Chemical Trade Association (ICTA) berichtet, dass die Containerfrachtraten in den letzten Monaten stark angestiegen sind und historische Höchststände erreicht haben. Darüber hinaus hat das vergangene Jahr einige neue Unsicherheiten in der Lieferkette mit sich gebracht. Robert Stuyt, Generalsekretär der ICTA, und Michael Pätzold, ­ICTA-Vorstandsmitglied und Geschäftsführer des Verbands Chemiehandel (VCH) geben einen tieferen Einblick in die aktuellen Problematiken. Die Fragen stellten Sonja Andres und Birgit Megges.

CHEManager: Bereits vor der Covid-19-Pandemie hat es Unsicherheiten in der Lieferkette gegeben. Welche waren das im Wesentlichen und auf welche Weise wurden diese im letzten Jahr verstärkt?

Robert Stuyt: Wir haben festgestellt, dass bereits vor Covid-19 der Zusammenschluss von Reedereien Versendern nur eingeschränkte Möglichkeiten in der Wahl des Seefrachtunternehmens geboten hat. Dies führte wiederum zu einer schlechteren Verhandlungsposition. Auch die Kapazitäten in einzelnen Seehäfen kamen an Ihre Grenzen, weil zum Beispiel qualifiziertes Personal sowie Fahrer fehlten. Verstärkt wurde dieser Effekt aufgrund der steigenden Nachfrage aus dem E-Commerce, der durch die Schließungen des stationären Handels sprunghaft angestiegen ist. War er vor Covid-19 bereits auf dem Vormarsch, so hat die Pandemie dem Onlinehandel einen weiteren Schub beschert. Dies führte dazu, dass sich Handelsströme und -muster relativ kurzfristig veränderten und somit Container nicht an den Orten waren, wo sie gebraucht wurden. Hervorgerufen durch die Containerknappheit, konnten Waren nicht wie vereinbart übernommen und weiter transportiert werden, sodass die Lieferkette ins Stocken kam, „Just-in-Time“ war so nicht mehr möglich. Produktionsplanungen mussten angepasst werden, mitunter stehen Anlagen wegen fehlender Rohstoffe still.

Sind negative Effekte hinzugekommen, von denen Sie ausgehen, dass sie allein der Pandemie geschuldet und damit eher temporär sind?

R. Stuyt: Der Schließung von Grenzen beziehungsweise den erschwerten Reisemöglichkeiten mit Grenzkontrollen muss eine Schuld gegeben werden. Fahrer und Personal konnten nicht zu ihren Unternehmen zurück- oder weiterfahren und mussten Tage beziehungsweise Wochen in Quarantäne oder schlichtweg warten. Dies führte zu starken Verzögerungen auf den Verkehrsrouten. 

Wie schätzen Sie insgesamt die weitere Entwicklung im Con­tainerfrachtverkehr ein – sowohl auf preislicher Ebene als auch in Bezug auf die Containerverfügbarkeit? 

Michael Pätzold: Insgesamt ist davon auszugehen, dass sich die Lage erstmal nicht abschwächt, sodass wir wohl bis in das erste Quartal 2022 mit dieser Verschiebung an Verfügbarkeiten an Lagerraum beziehungsweise Containerkapazitäten zu kämpfen haben werden. Auch bei den Preisen dürfte die Spitze noch nicht erreicht sein, es stellt sich aber die Frage, ob Kunden eine Weitergabe der Frachtkosten weiterhin akzeptieren werden oder ob Reedereien dem nicht entgegenwirken müssten.

„Auf lange Sicht müssen die Kapazitäten in den Seehäfen ausgebaut werden.“

Robert Stuyt, Generalsekretär der ICTA


Gibt es auch in anderen Bereichen von Transportverpackungen eine Verknappung?

M. Pätzold: Bereits mit Beginn des Jahres 2021 erhielten wir von Mitgliedsunternehmen Signale, dass sich eine Verknappung von Verpackungen auf Basis von Kunststoffen entwickelt. Dies scheint darauf zurückzuführen zu sein, dass bestimmte Vorprodukte auf Erdölbasis derzeit nur reduziert hergestellt werden. Wird weniger Kerosin oder Treibstoff produziert, fehlen die Nebenprodukte aus denen wiederum Kunststoffe hergestellt werden. Dies bekommen wir derzeit in vielen Bereichen zu spüren. Es beginnt bei Folien, geht weiter mit Kanistern über Fässer, bis hin zu IBCs. Ebenfalls hat sich in den letzten Monaten die Lage bei Holz stark angespannt. So haben sich der Aufschwung in Asien und USA nachteilig für Europa ausgewirkt. Schnittholz wurde in diese Länder umgelenkt. Bestimmte Industrien haben umgestellt auf Kunststoffpaletten, diese wiederum werden dann für Industrien wie Pharma und Lebensmittel knapp. Natürlich bleibt ein Preisanstieg auch nicht aus, sodass Situationen entstanden, in denen die Verpackung teurer wurde als der Inhalt.

Können Sie aufgrund von Berichten betroffener Chemiedistributoren Geschäftsfelder benennen, die besonders betroffen sind?

M. Pätzold: Eigentlich sollte man eher die Branchen benennen, die nicht besonders betroffen sind. Da wäre selbstverständlich die stabile Pharmabranche an erster Stelle zu nennen sowie die weiteren Geschäftsfelder Lebens- und Futtermittelzusatzstoffe und Rohstoffe für die Kosmetikindustrie. Auch der Bereich der Wasch- und Reinigungsmittel war und ist wenig betroffen. Hingegen bleiben die Unternehmensbereiche Automobilindustrie, Kunststoffe, Schmierstoffe und Lacke und Farben die am meisten betroffenen Bereiche. Sehr negativ sieht es derzeit, so die Rückmeldungen, nun bei der Bauchemie aus. 

Welche kurzfristigen Möglichkeiten sehen Sie, den geschilderten Engpässen entgegenzuwirken? Und können Sie sich Maßnahmen vorstellen, die es ermöglichen, derartige Unsicherheiten in der Lieferkette langfristig zu vermeiden?

R. Stuyt: Als einen Lösungsansatz sehen wir zum Beispiel an, Personal und Fahrer an Häfen in die Gruppe für eine Impfpriorisierung aufzunehmen, um somit die Kontinuität der Abfertigung und des Ab- und Zulaufs in die Häfen sicherzustellen. 
Auf lange Sicht müssen die Kapazitäten in den Seehäfen ausgebaut werden. Außerdem muss etwas für bessere Arbeitsbedingungen, vor allem bei den Fahrern, getan werden. Diese Maßnahmen gehen von besseren hygienischen Standards über gute Verpflegungsmöglichkeiten bis hin zu ausreichenden Schlaf- und Parkplätzen. Eine weitere Priorität muss die Digitalisierung in der Lieferkette erhalten. So kann physische Interaktion reduziert werden. Die Digitalisierung kann in der Lieferkette mithelfen, Container, beziehungsweise Wege der Container, zu steuern. Transparenz und gemeinsame Anstrengungen aller an der maritimen Lieferkette Beteiligten könnte langfristig viele Unsicherheiten reduzieren. 

Robert Stuyt ist seit September 2017 Generalsekretär der ICTA und arbeitet an einem breiten Spektrum von Themen, wobei seine Expertise in der Erzielung von Ergebnissen an der Schnittstelle von Politikgestaltung/Regulierung, rechtlicher Analyse und strategischer Positionierung liegt. Stuyt kombiniert seine Arbeit für ICTA mit seiner Tätigkeit als Generalsekretär des niederländischen Verbands für Chemiedistributoren VHCP. Zusätzlich ist der Jurist seit 1998 Partner bei der niederländischen Corporate Counsel Kanzlei Brabers und berät einzelne Unternehmen und Industrieverbände in regulierten Märkten.

Michael Pätzold ist seit August 2018 als Geschäftsführer beim Verband Chemiehandel (VCH) tätig. Er betreut u.a. die Themen REACh, CLP, Gefahrgut, Logistik und Life-Sciences als Schwerpunktthemen im Verband. Zuvor war Pätzold über 20 Jahre bei IMCD in verschiedenen Positionen und zuletzt im Bereich Global HSEQ tätig. Neben den lokalen Aufgaben ist er stark beim europäischen Verband der Chemikalienhändler FECC sowie bei der ICTA im Board und als Chairman des SSHE Committees engagiert.

Kontakt

VCH - Verband Chemiehandel

Große Neugasse 6
50667 Köln
Deutschland

+49 221 2581133
+49 221 2582496

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