Standorte & Services

VCI plädiert für schnellere Planungs- und Genehmigungsprozesse

Interview mit Christof Günther, dem neuen Vorsitzenden der Fachvereinigung Chemieparks

22.03.2023 - Die deutschen Chemieparks sind ein weltweit beachtetes Erfolgsmodell, um das uns viele Länder beneiden, meint Günther. Angesichts explodierender Preise für Energie sei dieses Erfolgsmodell aber ernsthaft in Gefahr.

Die deutschen Chemieparks sind ein weltweit beachtetes Erfolgsmodell, um das uns viele Länder beneiden, meint Christof Günther, den die Fachvereinigung Chemieparks zu ihrem neuen Vorsitzenden gewählt hat. Angesichts explodierender Preise für Energie ist dieses Erfolgsmodell aber ernsthaft in Gefahr. Daher werde er sich mit aller Kraft für die Unterstützung der Chemieparks einsetzen. Wie er das tun und die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Standorte erhalten will, erläutert er im Gespräch mit Oliver Pruys.  

CHEManager: Herr Günther, Sie versprechen sich für mehr Wettbewerbsfähigkeit des Chemiestandortes Deutschland einzusetzen. Insbesondere für die Unterstützung der Standortbetreiber bei enorm gestiegenen Energiepreisen wollen Sie sich stark machen. Welche Chancen räumen Sie diesen Bemühungen ein, wann wird es staatliche Hilfen geben?

Christof Günther: Staatliche Hilfen sind das eine, wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen sind aber das Bessere. Bislang konnten unsere Chemieparks die gegenwärtig zweifellos sehr schwierige Situation mit großem Engagement und durch aufwendige technische Maßnahmen überbrücken. Das ist jedoch kein Dauerzustand.

Wir, der Verband der Chemischen Industrie und die Fachvereinigung Chemieparks, stehen in engem Kontakt zur Politik vor Ort, auf Landes- und Bundesebene. Deshalb konnten wir gerade in jüngster Zeit kurzfristig die jeweils aktuelle Lage und die zu erwartenden Konsequenzen im Detail erläutern. Dazu sind wir auch gegenüber unseren Beschäftigten und zur Aufrechterhaltung der gesamten nationalen Wertschöpfungskette verpflichtet. Die Politik hat darauf reagiert, wenn auch nicht immer zufriedenstellend und ausreichend.

Die chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland muss schon deshalb wettbewerbsfähig bleiben, weil sie am Anfang der Wertschöpfungskette steht. Ohne eine heimische Chemieproduktion sind viele Teile der deutschen Industrie in ihrer Existenz und Innovationskraft gefährdet. Die über 40 Chemieparks der Fachvereinigung Chemieparks gehören zu den größten Produktionsstandorten unserer Branche. Sie sind somit ein wesentliches Produktionszentrum von Deutschlands drittgrößtem Wirtschaftszweig. Hier arbeiten rund 60 % der Chemie-Beschäftigten. Aus der deutschen Industrielandschaft sind die Parks nicht mehr wegzudenken.

Angesichts deftiger Energiepreise, des Mangels an Fachkräften und hoher Umweltauflagen scheint die Attraktivität des Wirtschaftsstandortes Deutschland international deutlich nachzulassen. Wie wollen Sie es dennoch schaffen, ausländischen Investoren ein ökonomisches Engagement schmackhaft zu machen?

C. Günther: Unsere heimischen Chemie- und Pharmaparks verfügen über eine einzigartige Verbundstruktur. Anfallende Neben- oder Endprodukte aus einer Produktion werden als Ausgangsmaterial für weitere Erzeugnisse am Standort weiterverwendet. Die vorhandenen Infrastrukturen können von vielen Firmen gemeinsam genutzt werden. Diese Struktur ermöglicht die intensive Nutzung von Synergien, die die produzierenden Unternehmen im Chemiepark für den Weltmarkt wettbewerbsfähig machen. Die Produktionsverbünde gepaart mit neuester Technik am Standort tragen zur effizientesten Nutzung von Energie bei. Die Ansiedelung in den Chemieparks ist damit für Investoren äußerst attraktiv und wird dies auch künftig sein.

Welche Rolle könnten der Ausbau und die Verbesserung der Infrastruktur dabei spielen, die Wettbewerbsfähigkeit zu stärken?

C. Günther: Infrastruktur ist ein wichtiger Standortvorteil und Wirtschaftsfaktor: Funktionsfähige Verkehrswege stärken die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie. Aber leider ist der Nachholbedarf bei Straßen, Schienen oder Binnenwasserwegen hierzulande immens hoch. Das Schienennetz beispielsweise muss dringend instand gesetzt werden, damit wir mehr Güter mit der Bahn transportieren können. Ein zweitklassiges Netz können wir uns als Industrie­land nicht länger leisten. Die Kehrseite der Sanierung: In den nächsten Jahren werden die Beeinträchtigungen durch die vielen Baustellen noch zunehmen. Deshalb gilt es, während der Bauarbeiten zum einen für den Güterverkehr leistungsfähige Umleitungsstrecken einzurichten. Und zum anderen muss sichergestellt werden, dass die Chemiestandorte in dieser Zeit weiterhin auf der Schiene bedient werden können. Aber auch unsere Wasserstraßen müssen zwingend zukunftsfähig gemacht werden. Dazu gehören die Beseitigung von Engpässen an Mittel- und Niederrhein sowie die Modernisierung des westdeutschen Kanalnetzes.

 

„Genehmigungsrecht braucht ein Update.“

 

Und die Digitalisierung?

C. Günther: Bei der digitalen Infrastruktur hinkt Deutschland ebenso hinterher. Zwar ist Glasfaser mittlerweile auf dem Vormarsch. Häufig ist die Versorgung in ländlichen Regionen immer noch unterdurchschnittlich. Die öffentliche Hand sollte daher den Ausbau der technischen Infrastruktur effizient fördern. Spätestens bis 2025 muss eine schnelle Telekommunikationsinfrastruktur flächendeckend ausgebaut sein. Dies gilt sowohl für Festnetz auf Basis von Glasfaser als auch für 4G/5G-Mobilfunk. Parallel ist der Aufbau eines leistungsfähigen Sicherheitsnetzwerks in Deutschland und Europa zwischen Behörden, Unternehmen und Forschung zu bewerkstelligen. Das ist vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen wichtiger denn je.

Der Ausbau der Infrastruktur ist allerdings nur eine Seite der Medaille. Die andere: Deutschland soll bis 2045 klimaneutral sein. Damit dieses Vorhaben gelingt, brauchen wir insgesamt schnellere Planungs- und Genehmigungsprozesse: für Infrastrukturvorhaben, aber auch für Indus­trieprojekte. Denn nicht nur unsere Branche befindet sich in einer fundamentalen Transformation zur Klimaneutralität. Schließlich wird der nachhaltige Umbau der Wirtschaft die Zahl der Planungs- und Genehmigungsverfahren deutlich steigen lassen. Unser Genehmigungsrecht braucht daher dringend ein Update. Der Bau des ersten LNG-Terminals hat gezeigt, dass wir es können. Das „Deutschland-Tempo“ muss der Standard werden.

Die chemische Industrie braucht Nachwuchs und gut ausgebildete Fachkräfte. Welchen Anteil kann und sollte die Digitalisierung dabei haben?

C. Günther: Der Fachkräftemangel ist auch in der chemisch-pharmazeutischen Industrie erkennbar. Umso wichtiger ist, dass wir gut ausgebildete, qualifizierte und leistungsfähige Nachwuchskräfte für unsere Branche gewinnen können. Dazu müssen wir noch stärker als bisher zeigen, dass die Chemie ein attraktiver Arbeitgeber ist. Sie bietet gute Gehälter und spannende Aufgaben und – vor allem jede Menge Zukunft. Wer in der Chemie arbeitet, wird an den großen Innovationen der Gegenwart mitwirken und wird Teil einer zukunftsorientierten Branche, für die eine nachhaltige Entwicklung unentbehrlich ist. Und natürlich muss die Digitalisierung einen großen Anteil daran haben. Datenanalyse und künstliche Intelligenz sollten künftig kein reines Arbeitsfeld für Spezialisten mehr sein, sondern daher früh in den Lehrplänen verankert werden.

Welchen Einfluss kann die Fachvereinigung im VCI auf die gesetzlichen Rahmenbedingungen nehmen?

C. Günther: Chemieparks spielen vor allem auf regionaler Ebene eine wesentliche Rolle für Politik und Gesellschaft. Kontinuierliche Gesprächsangebote und fundierte fachliche Beratung, die ein einzelnes Unternehmen überfordern könnten, werden durch unsere Fachvereinigung Chemieparks intensiv geleistet. Überwiegend müssen wir das Modell der Chemieparks und seine spezifischen Vorteile deutlich herausstellen. Einige regulative Maßnahmen der jüngeren Vergangenheit zeigen, dass strukturelle Besonderheiten der Chemieparks noch nicht überall verstanden werden.

Lässt sich das Chemieparkmodell auch erfolgreich im Ausland realisieren, sollten sich deutsche Betreiberfirmen in Wachstumsmärkten ein zweites Standbein aufbauen?

C. Günther: Grundsätzlich ist das Modell Chemiepark, so wie wir es in Deutschland betreiben, natürlich auch im Ausland realisierbar. Ob es jedoch für einzelne Parks sinnvoll ist, sich im Ausland zu engagieren, bleibt der Bewertung der einzelnen Betreiber überlassen. Das Interesse ausländischer Betreiber am deutschen Modell ist jedenfalls durchaus sichtbar.

Ist das Betreiberkonzept der Chemieparks noch zeitgemäß? Bleibt der Fokus auf Produzenten der chemischen und pharmazeutischen Industrie oder sollten die Parks ihre Tore vermehrt auch branchennahen Unternehmen öffnen?

C. Günther: Das Konzept der Chemieparks lebt am Puls der Zeit. Es wird permanent an die aktuellen politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sowie an den Stand der Technik angepasst. Jeder Chemiepark weist individuelle Besonderheiten auf. Sei es bezüglich der Produktionsschwerpunkte oder der infrastrukturellen Anbindung. Viele Parks sind für die Ansiedlung branchennaher Unternehmen offen. Dies ist grundsätzlich eine Frage nutzbarer Synergien.

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Zur Person

Christof Günther ist Diplom-Wirtschaftsingenieur und promovierte parallel zu seiner Tätigkeit als Unternehmensberater 2001 an der Universität Mannheim. Danach hatte er verschiedene Führungspositionen in Unternehmen des E.on-Energie-Konzerns inne. Seit 2004 ist er für die InfraLeuna tätig, seit 2012 als Geschäftsführer. Ehrenamtlich ist er u.a. als Vorsitzender des Umwelt- und Energieausschusses der DIHK und als Vorsitzender der Fachvereinigung Chemieparks im Verband der Chemischen Industrie aktiv.

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