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Flexibilität gefragt: Interview mit Dr. Axel C. Heitmann, Lanxess

Lanxess senkt Kosten durch flexibles Anlagenmanagement

05.11.2009 -

In wirtschaftlich schwierigen Zeiten ist Flexibilität gefragt - nicht nur von Management und Mitarbeitern eines Unternehmens. Auch die Anlagen und Betriebe in der Prozessindustrie sollten so flexibel ausgelegt sein, dass sie bei schwacher oder stark schwankender Nachfrage wirtschaftlich betrieben werden können. Doch gerade in der Chemieindustrie, wo viele Reaktionsprozesse ineinander greifen und kontinuierlich über das ganze Jahr hinweg laufen, stellen Lastwechsel eine hohe Anforderung an Technik und Management dar. Lanxess ist dafür gut gerüstet. Dr. Michael Reubold befragte dazu Dr. Axel C. Heitmann, Vorstandsvorsitzender bei Lanxess.

CHEManager: Herr Dr. Heitmann, wie meistert Lanxess die derzeitige, konjunkturell bedingte schwache Auslastung seiner Produktionsanlagen?

Dr. A. C. Heitmann: Lanxess kann sehr schnell auf jede Art von Nachfrage-Änderung reagieren, aber letztendlich nicht das fehlende Geschäft ersetzen. Wir haben bereits seit der Gründung vor vier Jahren weltweit wichtige Weichen für ein flexibles Anlagenmanagement gestellt. Dabei wird der Betrieb, insbesondere der kapitalintensiven Anlagen, von Voll-Last auf reduzierte Leistung umgestellt. So kann das Unternehmen kurzfristig sowohl auf ein deutlich reduziertes Nachfrageniveau als auch auf Nachfrageschwankungen reagieren.
Da wir uns in den vergangenen Jahren systematisch dieser Flexibilisierung gewidmet haben, sind wir heute nicht unmittelbar gezwungen, mit Preiszugeständnissen auf eine ansonsten unvermeidliche Überproduktion reagieren zu müssen. Vielmehr kann Lanxess durch flexible Nutzung der Anlagen Überproduktionen zu einem guten Teil vermeiden und Kosten - beginnend beim Rohstoff, über Energieeinsatz und Infrastrukturdienstleistungen bis hin zur Logistik - temporär gezielt reduzieren. Auf diese Weise können wir auch in der Krise an unserer Preis-vor-Menge-Strategie weitgehend festhalten.

Wie erreichen Sie die flexible Nutzung von Chemieanlagen?


Dr. A. C. Heitmann: Wir haben für unsere Produktionsprozesse mathematische, digitale Modelle ausgearbeitet, mit denen wir auf dem Rechner alle Betriebszustände durchspielen können, um dann die realen Prozesse unter den jeweils optimalen Prozessbedingungen zu fahren. Diese Prozesssimulation haben wir in der Vergangenheit für die allermeisten unserer Anlagen entwickelt - mit dem Ziel, die Produktionsmenge zu steigern. Heute profitieren wir von diesen Modellen, weil sie uns ebenfalls die richtigen Antworten und Strategien für Teilauslastungen geben.
Chemieanlagen sind meist Teil einer komplexen Wertschöpfungskette. Das Produkt einer Anlage kann Ausgangsstoffe für mehrere Produktionsbetriebe sein.

Wie lässt sich in diesem Fall eine Produktion steuern, ohne dass es zu Produktüberschüssen oder -engpässen kommt?

Dr. A. C. Heitmann: Ausgangspunkt sind auch hier die ganzheitlichen Prozesssimulationen. Darüber hinaus haben die operativen Bereiche bei Lanxess maßgeschneiderte EDV-Tools entwickelt, in denen der Einfluss, beispielsweise von Vorräten, Bestellungen und Produktionsmengen auf die Gesamtökonomie unserer Produktion optimiert wird.

Welche technischen Werkzeuge setzt Lanxess ein, um die Verzahnung der Produktionsanlagen auch bei Produktionsschwankungen optimal zu steuern?

Dr. A. C. Heitmann: Produktionsschwankungen, wie wir sie zur Zeit in bisher unbekanntem Ausmaß erleben, erforden eine sofortige Reaktion des Betriebspersonals auf die neue Situation. In den Lanxess-Betrieben sind so genannte Process Intelligence (PI)-Systeme installiert. Damit können aktuelle Prozessdaten online ausgelesen und die neue Produktionsstrategie festgelegt werden. Das heißt, die gesamte Anlage kann sehr schnell auf die Anforderungen eines neuen Lastpunkts eingestellt werden. Die PI-Systeme helfen den Anlagenfahrern, wichtige Produktionsparameter zu verfolgen.

Eine flexible Anlagenauslastung erfordert auch die Abstimmung des Energiebedarfs, von Betriebsmitteln sowie Entsorgungs- und Logistikleistungen. Hiervon sind auch bestehende Verträge mit Zulieferern und Dienstleistern betroffen. Wie managt Lanxess dies?


Dr. A. C. Heitmann: Es ist Teil unserer Unternehmenskultur, Situationen zu hinterfragen und zu verbessern. Das gilt für unsere chemisch-technischen Prozesse ebenso wie für unsere Geschäftsprozesse - gerade in der gegenwärtigen Krise. Wir analysieren und verhandeln standort- und landesspezifisch alle Verträge mit Dienstleistern und Energielieferanten und leiten die für uns optimale Lösung ab - die wir dann schnell umsetzen. Gerade in der Krise wird den Lieferanten die Bedeutung oder das Potential von Lanxess für ihr Kundenportfolio bewusst. Deshalb sind einige Lieferanten bereit, neue Lösungen mit uns zu beschreiten, die für beide Seiten vorteilhaft sind.

Auch die Arbeitszeiten Ihrer Mitarbeiter müssen an die flexible Nutzung der Anlagen angepasst werden. Wie gelingt Ihnen dies? Auf welche Lösungen setzen Sie hier?

Dr. A. C. Heitmann: Das „Atmen" über die Arbeitszeitkonten war ein Ansatz, den wir sehr schnell genutzt haben. Daneben haben wir auch Wartungsstillstände vorgezogen. Mit dem Programm Challenge09 haben wir dann gemeinsam mit unseren Arbeitnehmervertretern und der IG BCE einen Weg gefunden, der gesunkenen Nachfrage umfassender zu begegnen, indem wir die Arbeitzeit durch die Einführung der 35-Stunden-Woche in Deutschland reduzieren und damit einhergehend auch entsprechend das Entgelt der Mitarbeiter. Daneben nutzen wir das Instrument der Kurzarbeit sehr punktuell dort, wo es zu einem noch stärkeren Einbruch des Auftragseingangs in einzelnen Betrieben kommt, übrigens auch außerhalb Deutschlands. Wichtig ist uns darüber hinaus, dass sich weltweit alle Mitarbeiter an dem Programm beteiligen. Konkret verzichten auch die übertariflichen Mitarbeiter bis hin zum Vorstand solidarisch auf einen Teil ihrer Bonuszahlung. Es ist ein schmerzhafter Prozess, der aber von allen Mitarbeitern getragen wird. Einen weiteren Punkt prüfen wir derzeit ebenfalls intensiv: die Weiterqualifizierung, um Mitarbeiter flexibler in den Betrieben einsetzen zu können, und zwar dort, wo die Auslastung höher ist.

Was unternimmt Lanxess darüber hinaus, um bei Nachfrageschwankungen proaktiv zu agieren?

Dr. A. C. Heitmann: Bei Lanxess gilt der Grundsatz, dass Kundenwünsche- und Erwartungen frühzeitig in unsere internen Planungen einbezogen werden. Unsere Marketing- und Vertriebsorganisationen pflegen hier einen sehr engen Kontakt zu unseren Kunden. Hieraus resultieren intern bestimmte Strategien, die wir weltweit unter Einbeziehung aller Beteiligten entwickeln und kommunizieren. Die flachen Hierarchien bei Lanxess ermöglichen es dabei, Entscheidungen schnell umzusetzen.

www.lanxess.de