Anlagenbau & Prozesstechnik

Großanlagenbau: Boom im fünften Jahr in Folge

Deutsche Chemieanlagenbauer steigerten Auftragseingänge um 46% auf 3,9 Mrd. €

06.12.2010 -

Der Boom im deutschen Großanlagenbau setzte sich 2007 im fünften Jahr in Folge fort. Mit einer Zunahme der Bestellungen um 23% auf 32,4 Mrd. € haben die 36 Mitgliedsunternehmen der Arbeitsgemeinschaft Großanlagenbau (AGAB) im VDMA den höchsten Auftragseingang der Verbandsgeschichte erzielt, teilte Dieter Rosenthal, Sprecher der AGAB und Mitglied des Vorstands der SMS Demag anlässlich der Veröffentlichung des aktuellen Lageberichts in Frankfurt mit. Seit Beginn des Aufschwungs vor fünf Jahren hat sich das nominale Ordervolumen damit mehr als verdoppelt. Der deutsche Chemieanlagenbau in der AGAB konnte 2007 mit einer Zunahme der Auftragseingänge um 46% auf 3,9 Mrd. € den hohen Vorjahreswert deutlich übertreffen. Für das laufende Jahr 2008 rechnen die Chemieanlagenbauer mit einer Fortsetzung dieser Entwicklung.

Rosenthal führte die anhaltend hohe Nachfrage im Großanlagenbau „auf das gleichzeitige Auftreten mehrerer Nachfrageimpulse" zurück. So fördere die günstige Weltkonjunktur die Bereitstellung von Investitionsmitteln auf Kundenseite. Dies habe umfangreiche Industrialisierungsprozesse in Rohstoffländern sowie auf großen Abnehmermärkten für Grundstoffe ausgelöst. Ein weiterer Nachfragefaktor war laut Rosenthal der weltweite Ausbau der regenerativen Energieerzeugung infolge der zunehmenden Knappheit fossiler Rohstoffe. Bedingt durch hohe Rohstoffpreise bei Öl und Gas verbesserte sich zugleich die Wirtschaftlichkeit von Projekten, die vor kurzem noch nicht vorteilhaft waren. Beispiele hierfür sind der Abbau von Ölsandvorkommen oder die Verflüssigung von Kohle.

Schwierigkeiten im Wettbewerb mit Anlagenbauern aus China, Japan und den USA sieht Rosenthal durch den hohen Euro- bzw. niedrigen Dollar-Kurs aufziehen, vor allem wenn diese Relation größer als 1,5 (€/$) sei. Dann gebe es zunehmende Probleme, sagte Rosenthal.

Die Folgen der hohen Öl- und Gaspreise führten aber nicht nur zu einer Renaissance bei der Kohleverflüssigung, so Werner Schwarzmeier, Sprecher der Geschäftsleitung der Engineering-Division von Linde. Die hohen Einkünfte der Öl- und Gas-Förderländer würden dort vielfach in den weiteren Ausbau dieser Wertschöpfungskette investiert, vor allem im Mittleren Osten und speziell in Saudi-Arabien. Helmut Knauthe, Geschäftsführer von Uhde, sieht in diesem Zusammenhang auch in Russland einen wachsenden Markt, der für Uhde ein wichtiges Geschäft sei: „Da wird nicht nur über Projekte geredet, sondern auch gehandelt", so Knauthe, und „wir nehmen daran teil". So seien die Arbeiten bei der Uhde-Niederlassung in Russland „deutlich umfangreicher" geworden, sagte Knauthe. Noch optimistischer zeigte sich Günther Engelmann, Geschäftsführer der Chemieanlagenbau Chemnitz. Seit den 80er Jahren habe es in Russland keine Raffinerie-Neubauten gegeben, sagte er. Von 1990 bis 2005 habe praktisch einen Investitionsstop gegeben. Jetzt würden wieder petrochemische Anlagen, Chlor/PVC-Anlagen sowie Polymer-Anlagen geplant und gebaut. Das sei aber erst der Anfang, so Engelmann weiter, in den nächsten 10 Jahren werde es in Russland einen Riesenboom geben. Auch bei GTL-Anlagen (Gas to Liquid) sieht Engelmann gute Chancen in Russland. Die Pipeline-Kapazitäten für den Gastransport seien nämlich bei weitem nicht ausreichend, und daher stelle sich dort die Frage: „Was tun mit dem Gas?"

Chemieanlagen

Im Folgenden gibt CHEManager aus dem Kapitel „Branchenberichte und Geschäftsaussichten" des 63seitigen „Lagebericht 2007" der AGAB das Kapitel „Chemieanlagen" ungekürzt und im Wortlaut wieder:

„Der deutsche Chemieanlagenbau hat 2007 einen Rekordauftragseingang verbucht. Mit 3,9 Mrd. € lagen die Bestellungen um 46% über dem bereits sehr hohen Vorjahreswert (2006: 2,7 Mrd. €). Hauptabnehmer war das Ausland. Die Exportquote erreichte einen Wert von 96% und übertraf den Durchschnitt des gesamten Großanlagenbaus (83%) deutlich. Insgesamt stiegen die Auslandsorder auf 3,7 Mrd. €, das sind 65% mehr als 2006 (2,3 Mrd. €). Großaufträge kamen vor allem aus rohstoffreichen Regionen wie Nordafrika, dem Mittleren Osten und Südamerika. Die Erzielung eines noch höheren Bestellniveaus wurde durch einen Mangel an Engineering-Ressourcen behindert. Eine vergleichbare Situation hat die Branche seit Ende der 70er Jahr nicht mehr erlebt. Engpässe existieren weltweit sowohl auf der Personal- als auch auf der Materialseite.

Hersteller von Elektrolyseanlagen mit steigendem Weltmarktanteil

Im Bereich der Elektrolyseanlagen zur Herstellung von Chlor haben deutsche Anbieter ihren Weltmarktanteil im abgelaufenen Jahr deutlich gesteigert. Entscheidend für die Zugewinne waren Erfolge in Forschung und Entwicklung, mit Hilfe derer die Branche ihre technologische Führungsposition ausbauen und sich erfolgreich vom Wettbewerb absetzen konnte.

Nachfrage nach Luftzerlegungsanlagen profitiert vom Stahlboom

Die internationale Nachfrage nach Luftzerlegungsanlagen wurde 2007 wesentlich durch die Stahlindustrie geprägt, die für ihre Produktionsprozesse große Mengen an Gasen benötigt. Dabei investierten vor allem Kunden aus China und Indien sowie aus dem Nahen und Mittleren Osten massiv in neue Kapazitäten. Voraussichtlich wird die derzeit sehr gute Konjunkturlage in diesem Segment noch zwei bis drei Jahre anhalten. Mittelfristig ergeben sich auch auf dem südamerikanischen Markt, vor allem in Brasilien, gute Absatzchancen für Technologielieferanten aus Deutschland. Chinesische Hersteller von Luftzerlegungsanlagen sind international bisher kaum in Erscheinung getreten. Auf ihrem Heimatmarkt sind sie im Segment der kleinen und mittleren Anlagen zwar bereits konkurrenzfähig, bei Großanlagen hingegen noch nicht. Mittelfristig ist allerdings auch hier eine Verschärfung der Wettbewerbssituation zu erwarten. Derzeit wird der Weltmarkt für Luftzerlegungsanlagen von vier Unternehmen aus Deutschland, Frankreich und den USA dominiert.

Gas- und Erdgasverarbeitungsanlagen stark gefragt

Auch im Bereich Erdgasverarbeitung hat sich die positive Entwicklung des Jahres 2006 fortgesetzt. Aufträge für Erdgastrenn- und Erdgasverflüssigungs-Anlagen, so genannte LNG (Liquefied Natural Gas)-Anlagen, kamen aus vielen Teilen der Welt. Schwerpunkte waren dabei Australien und Norwegen. Aufgrund seines Gasreichtums ist auch der Iran ein potentiell interessanter Absatzmarkt für diesen Anlagentyp, allerdings wurden 2007 einige Projekte in Folge fehlender Finanzierungsmöglichkeiten aufgeschoben.

Die Bestellungen für Wasserstoff- und Synthesegas-Anlagen lagen im vergangenen Jahr etwas unter dem Niveau von 2006. Die wichtigsten Märkte in diesem Segment waren die USA und Europa.

Mittlerer Osten zentraler Markt für petrochemische Anlagen

Aufgrund der Kostenvorteile für Öl und Gas werden die meisten neuen Anlagen zur Herstellung von Olefinen derzeit im Mittleren Osten gebaut. Die Anlagen produzieren hauptsächlich Ethylen und Propylen als Grundstoff für die petrochemische Industrie. In Mitteleuropa standen Kapazitätserweiterungen und die Erhöhung der Energieeffizienz bestehender Fabriken im Vordergrund. Osteuropa wird in den kommenden Jahren als Absatzregion für diesen Anlagentyp an Bedeutung gewinnen.

Kohleverflüssigung und -vergasung erlebt Renaissance

Die Nutzung von Verfahren zur Kohleverflüssigung und -vergasung ist bei Rohölpreisen ab 40 US-Dollar pro Barrel wirtschaftlich sinnvoll. Aufgrund der deutlich über diesem Wert liegenden Ölpreise erlebt diese Technologie derzeit eine Renaissance. Entsprechende Anlagen sind vor allem in China von großer Bedeutung. Da die Volksrepublik außerordentlich große Kohlevorkommen besitzt, will die politische Führung die Reserven verstärkt zur Treibstoff- und Grundstoffproduktion in der chemischen Industrie einsetzen. Auch die USA investieren im Zuge ihrer Unabhängigkeitsbemühungen bezüglich importierter Energierohstoffe verstärkt in Kohlevergasungs- und -verflüssigungsanlagen. Der Markt für diesen Produkttyp ist daher zukünftig als stabil wachsend einzuschätzen.

Indien - Zukunftsmarkt für den Chemieanlagenbau

Indien ist als Absatz- wie auch als Wertschöpfungsstandort ein Zukunftsmarkt für den Chemieanlagenbau. Derzeit sind auf dem Subkontinent vor allem Luftzerlegungsanlagen gefragt. Der weitere Ausbau der petrochemischen Industrie und des Raffineriesektors bietet dem Anlagenbau darüber hinaus ein erhebliches Absatzpotential, auch wenn die Forderungen nach höherer lokaler Wertschöpfung spürbar zunehmen. Ferner ist Indien aufgrund des guten Ausbildungsniveaus von Teilen seiner Bevölkerung (gute Englisch- und Technikkenntnisse) und einer im Vergleich zu anderen Schwellenländern hohen Rechtssicherheit ein attraktiver Standort für den Großanlagenbau. Deutsche Anbieter haben dieses Potential bereits vor Jahren erkannt und beispielsweise durch die Gründung lokaler Tochtergesellschaften für sich genutzt.

Schwierige Situation im Iran

Die Bestellungen für deutsche Chemieanlagen aus dem Iran sind in den vergangenen beiden Jahren deutlich zurückgegangen. Lag das Auftragsniveau 2004 und 2005 noch bei jeweils gut 350 Mio. €, so sanken die Buchungen 2006 auf 60 Mio. € und im vergangenen Jahr auf nur noch 30 Mio. €. Hauptgrund für diese Abkühlung ist nicht fehlender Bedarf sondern die durch das Embargo zunehmend schwierige finanzielle Abwicklung von Projekten. Damit ist auch ein generelles Risiko für den westlichen und insbesondere den im Iran stark engagierten deutschen Anlagenbau verknüpft: Während Firmen aus Westeuropa und Japan aufgrund des Embargos Projekte im Iran nicht bzw. nur mit großen Schwierigkeiten weiter verfolgen können, stoßen Anlagenbauer aus Südkorea oder China in die so entstehenden Lücken. Dadurch drohen langfristig Einbußen auf diesem für den deutschen Großanlagenbau wichtigen Markt.

Mittelfristige Aussichten weiterhin ausgezeichnet

Insgesamt sind die Aussichten für den Chemieanlagenbau auch in den kommenden zwei bis drei Jahren ausgezeichnet. Gründe für diese positive Einschätzung sind der nach wie vor hohe Investitionsbedarf der sich dynamisch entwickelnden Volkswirtschaften China und Indien, die anziehende europäische Chemiekonjunktur sowie die gut gefüllten Investitionsbudgets der Rohstoff besitzenden Länder am Persischen Golf, in Nordafrika und in der GUS. Belastend könnten sich ein fortgesetzter Anstieg des Dollar-Euro-Kurses sowie politische Krisen in wichtigen Kundenländern des Mittleren Ostens auswirken. Darüber hinaus wird sich die angespannte Lage auf dem weltweiten Fachkräftemarkt mittelfristig voraussichtlich nicht verbessern. Insgesamt überwiegen aber die positiven Aspekte. Die Branche erwartet daher 2008 eine Fortsetzung der sehr erfreulichen Nachfrageentwicklung."