Logistik & Supply Chain

Miebach Pharmastudie 2020: Transparenz über die Lieferkette

Digitalisierung verändert die Pharma-Supply-Chain

21.04.2020 -

Kann die digitale Transformation mit Big Data, künstlicher Intelligenz, Internet of Things (IoT) und Robotik die Antwort auf einige der wichtigsten Herausforderungen in der Supply Chain sein? Was sind die Treiber der digitalen Transformation? Der Artikel greift ausgewählte Ergebnisse der Miebach Consulting Supply-Chain-Studie für die Pharma- und Life-Science-Indus­trie auf. Die von Ende 2019 bis Anfang 2020 durchgeführte globale Studie ist eine Fortsetzung der Studienreihe aus den Jahren 2005, 2008, 2012 und 2016.

An der Umfrage zur Pharma-Supply-Chain nahmen über 540 Fach­experten und Führungskräfte teil. Die globale Studie repräsentiert Europa, den Nahen Osten, den asiatisch-pazifischen Raum, USA-­Kanada sowie Lateinamerika.

Herausforderungen in der Pharma-Supply-Chain
Einige der wichtigsten Herausforderungen haben sich in den letzten acht Jahren (Miebach Pharmastudien 2012, 2016, 2020) nicht stark verändert und lagen bei den Nennungen stets im Bereich von 80 – 95 %. Dies sind End-to-End Supply Chain Visibility, Verbesserung der Vorhersagegenauigkeit sowie die Optimierung des Distributionsnetzwerks.
Andere Themen haben in diesem Zeitraum stark bei den Nennungen abgenommen, was sich überwiegend mit der erfolgreichen Implementierung von Track and Trace sowie Maßnahmen zum Schutz vor Medikamentenfälschungen, insbesondere durch die Umsetzung von Serialisierungsanforderungen erklären lässt.
In einer detaillierten Auswertung der Klassifizierung dieser Themen fällt auf, dass die Einsparung von Kosten zwar häufiger genannt wurde, vermutlich weil diese die ständig wiederkehrenden Management­anforderungen widerspiegelt, jedoch wurde Supply Chain Visibility im Detail der Antworten als deutlich wichtiger eingestuft.

„Sicherstellung der Business Continuity und ein durchgehendes Risikomanagement sind wichtige Themen.“

Auffällig ist auch, dass alle mit der operativen Planung verwandten Themen von Sales and Operations Planning (S&OP), Collaborative Fore­cast bis hin zur Integrierten Geschäftsplanung (IBP) nach wie vor sehr hoch in der Rangliste zu finden sind. Dies deutet auf einen weiterhin deutlich optimierbaren Abstimmungsbedarf in diesen Bereichen hin. Sicherlich wurden seit unserer letzten Pharmastudie (2016) bedeutende Fortschritte erzielt, aber es bleibt in naher Zukunft noch viel zu tun.
Was in der Pharmastudie bereits ein Thema in den Antworten war, obwohl die Coronavirus-Pandemie zu diesem Zeitpunkt noch nicht wahrnehmbar begonnen hatte, war die Sicherstellung der Business Continuity und ein durchgehendes Risikomanagement. Die Beachtung und Erstellung von Notfallplänen und das Wiederherstellungsmanagement haben eine hohe Priorität.

In der Realität angekommen: Digitalisierung
Die Digitalisierung ist in der pharmazeutischen Industrie und bei deren Patienten angekommen. Etwa 60 % der Teilnehmer betrachten die digitale Transformation als eine Priorität der obersten Führungsebene und 80 % gehen davon aus, dass sie die Vorteile digitaler Initiativen innerhalb der nächsten 5 Jahre auch realisieren werden.
Das Ergebnis der Studie zeigt, dass selbst wenn die meisten Teilnehmer erwarten, die Vorteile der digitalen Transformation erst mittelfristig effizient nutzen zu können, einige der mit der Digitalisierung verbundenen Technologien bereits sorgfältig untersucht und bis zu einem gewissen Grad implementiert worden sind.
Die regionale Analyse innerhalb der Studie macht interessante Unterschiede in der Relevanz innovativer Technologien deutlich. Denn während global gesehen die meisten Teilnehmer die Auswirkungen der digitalen Transformation eher kurz- bis mittelfristig sehen und erwarten, so gibt es eine Ausnahme bei den Unternehmen im asiatisch-pazifischen Raum, die diese Transformation überraschenderweise eher langfristig erwarten.

„Die Relevanz innovativer Technologien ist regional sehr unterschiedlich.“

Während Unternehmen in Europa schon seit einiger Zeit aktiv am Einsatz von Robotik arbeiten, bewerten die US-Teilnehmer diese Technologie als sehr relevant in der Kurzzeit-Implementierung. Wir deuten diese Antworten als ein Zeichen für die Beschleunigung des Weges zur Automatisierung in Nordamerika als „Aufholjagd“ gegenüber Europa.
Im Bereich von Big Data (z. B. Speicherkapazität in Verbindung mit Rechenleistung und intelligenten Algorithmen) ist die Reihenfolge dagegen komplett umgekehrt. Diese Technologien haben bereits weltweit ihren Mehrwert gezeigt und hier ist Nordamerika bei der Entwicklung und Umsetzung führend. Auch die weitere Umstellung auf personalisierte Medizin wird in den USA voraussichtlich eher stattfinden als in anderen entwickelten Märkten.
Dennoch fehlen vielen Unternehmen noch immer die benutzerfreundlichen Werkzeuge und die volle Unterstützung des Managements, um das Potenzial dieser Technologien voll auszuschöpfen.

Erwartete Veränderungen und Ausblick
Eine sehr große Auswirkung für die Implementierung von Prozessen und Anlagen hat der Anstieg von Produktionsaufwendungen durch personalisierte Medizin und Behandlungen mit Chargengröße eins. Insbesondere aus Produktionssicht hat dieser Bereich für einige der teilnehmenden Unternehmen höchste Priorität.
Große Auswirkung auf die „breite Masse“ der Logistikprozesse hat der pharmazeutisch relevante Bereich der Herstellung und Verpackung. Die meisten Teilnehmer stuften dieses Thema als „sehr wichtig“ oder „wichtig“ ein, was ein erhebliches Optimierungspotenzial vermuten lässt, neben der Erhöhung der Anlagenauslastung, des Betriebs der Anlage rund um die Uhr und der Automatisierung des Materialtransports und der internen Transporte.
Angesichts der wachsenden Komplexität der globalen Pharma-­Lieferkette, der steigenden Anzahl von Supply-Chain-Partnern und des Drucks zur Erzielung von Kosteneinsparungen ist es offensichtlich, dass eine enge Kontrolle erforderlich ist. Der Einsatz aktueller Supply Chain Software bietet dabei das Potenzial, selbst globale und komplexe Lieferketten im Alltag zu optimieren, wenn die dazu benötigten Daten vorliegen und sinnvoll verwendet werden.
Im Bereich der Lager und Intra­logistik sind insbesondere der Einsatz von Automatisierung und Robotik in Distributionszentren, als wichtige Themen hervorzuheben, zusammen mit der Simulation der damit verbundenen Prozesse. Diese können einen bedeutenden Schritt in Richtung höherer Produktivität erzielen, die aufgrund des steigenden Altersdurchschnitts von Bevölkerung und Personal in den nächsten Jahren mehr und mehr Bedeutung erlangen werden.

„End-to-End Supply Chain Visibility wird als ultimatives Ziel einer ausgereiften und effizienten Supply Chain angesehen.“

Die End-to-End Supply Chain Visibility wird von allen Befragten als das ultimative Ziel einer ausgereiften und effizienten Supply Chain angesehen. Die digitale Transformation wird sicherlich dabei helfen, aber vorher müssen alle beteiligten Parteien vollständig integriert werden. Die Fähigkeit, Komponenten und Produkte vom Hersteller bis zum Zielort zu verfolgen, ist wahrscheinlich eines der am meisten gewünschten Ergebnisse der digitalen Transformation.
Es liegt nun an den für die Supply Chain Verantwortlichen, die technologischen Veränderungen für das eigene Unternehmen zu nutzen und das Beste aus der digitalen Transformation zu machen.

Der vollständige Ergebnisbericht der Miebach Pharma Supply Chain Studie 2020 kann bei Ralf Hoffmann Miebach Consulting angefordert werden.
hoffmann@miebach.com
 

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