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Europa bleibt Wachstumsmarkt für die Chemiebranche

07.09.2012 -

Selten ist das Marktumfeld vor der eigenen Haustür für die chemische Industrie in Europa schwerer zu berechnen gewesen als zurzeit. Die aktuelle Krise um Staatsschulden und Euro hat den kurzfristigen Ausblick eingetrübt. Dennoch: Wesentliche Trends und Entwicklungen geben durchaus Anlass zur Zuversicht. So zeigt eine Analyse des Marktpotentials für chemische Endprodukte in 29 Ländern des Kontinents, dass Europa für Unternehmen aus der Chemieindustrie in den nächsten zwei Jahrzehnten ein attraktiver, wachstumsstarker Markt bleiben wird.

Die Langfristprognose berücksichtigt mehrere Faktoren: Auf der einen Seite den Verbrauch chemischer Erzeugnisse und die Produktionserwartungen, die für jeden einzelnen Markt ins Verhältnis gesetzt werden müssen. Auf der anderen Seite gilt es, für eine Projektion der künftigen Struktur der chemischen Industrie sowie der nachgefragten Produkte und Dienstleistungen einen Blick auf die Kundenseite zu werfen. Welche Branchen werden im Jahr 2030 die Hauptabnehmer von Chemieprodukten sein?

Kurz gesagt, es werden diejenigen sein, die auch heute schon den Absatz treiben. Die Gewichtung wird sich allerdings zu einem gewissen Grad verschieben, wie eine Analyse der Wachstumserwartungen der nachgelagerten Industrien zeigt. So werden im Jahr 2030 die sieben bedeutendsten Abnehmer beziehungsweise Verbraucher chemischer Produkte sein:

  • Gesundheitswesen: 120 Mrd. €
  • Dienstleistungssektor: 70 Mrd. €
  • Landwirtschaft: 31 Mrd. €
  • Baugewerbe: 30 Mrd. €
  • Automobilindustrie: 28 Mrd. €
  • Lebensmittelindustrie: 18 Mrd. €
  • Maschinen- und Anlagenbau: 18 Mrd. €

Der Bedarf für Chemieprodukte wird vor allem im Gesundheitsweisen, im Dienstleistungssektor, in der Land- und Bauwirtschaft sowie der Autoindustrie zunehmen. Das Volumen des gesamten Marktes wird von 317 Mrd. € im Jahr 2010 auf 477 Mrd. € im Jahr 2030 steigen. Die Industrien am anderen Ende der Skala - also die, mit dem geringsten Potential für die Chemie - sind die Textilwirtschaft, Metallverarbeitung, Raffination und die Kommunikations- und Nachrichtentechnik. Chancen könnten sich hier höchstens in Nischen ergeben, etwa bei Biokraftstoffen oder Spezialtextilien. Die Nachfrage nach Chemikalien für das sogenannte Fracking, mit dessen Hilfe Schiefergas gefördert wird, dürfte ebenfalls steigen, insbesondere in Ländern wie Polen, die über große Vorkommen verfügen.

Das Verständnis sowohl für die Markttrends als auch für die Struktur und die Anforderungen der zukünftigen Abnehmer chemischer Erzeugnisse ist die Voraussetzung dafür, dass die Hersteller ihre Aktivitäten in den Bereichen Forschung und Entwicklung, Produktpalette, Services sowie ihre Lieferketten und Produktionsstätten entsprechend ausrichten können. Denn Kundennähe und Kosteneffizienz werden künftig noch mehr als heute über den wirtschaftlichen Erfolg der europäischen Chemiehersteller entscheiden. Nicht zuletzt deshalb, weil der Kostendruck durch Wettbewerber in den USA und den Golfstaaten weiter zunehmen wird. Dafür sind in erster Linie die günstigeren Energiepreise und die niedrigeren Rohstoffkosten in beiden Regionen verantwortlich.

Konzentration auf neue Produkte und Dienstleistungen

Diese Situation ist nicht neu. Als die US-Hersteller in der Vergangenheit durch die leichte Verfügbarkeit fossiler Rohstoffe und die schiere Größe ihrer Anlagen Vorteile genossen, reagierte die Chemieindustrie in Europa mit der Fokussierung auf Spezialchemikalien. Diese bereits einmal erfolgreiche Strategie sollte konsequent fortgeführt werden, indem alle Anstrengungen auf die Entwicklung neuer Produkte und Dienstleistungen konzentriert werden. Darüber hinaus sind gezielte Investitionen in die Lieferketten nötig, um die Nachfrage in den europäischen Wachstumsregionen decken zu können und gleichzeitig die Kosten niedrig zu halten.

Abgesehen von Innovation und Beschaffung gibt es weitere Stellschrauben, die kontinuierlich nachjustiert werden müssen, damit die europäischen Chemieunternehmen im härter werdenden globalen Wettbewerb nicht ins Hintertreffen geraten. Dazu gehört an vorderster Stelle das Management von Know-how und Talenten. Innovationen entstehen in den Köpfen der Mitarbeiter. Die Hersteller sollten deshalb die besten Studenten der entsprechenden technischen Fächer früh umwerben und in die Aus- und Fortbildung ebenso investieren wie in Verfahren, mit deren Hilfe wertvolles Fachwissen im Unternehmen verbleibt und weitergegeben wird.

Attraktive Absatzmärkte in Osteuropa

Die Frage nach den Absatzmärkten der Zukunft ist eine strategische und läuft auf einen Dreiklang hinaus: Neben dem Fokus auf den eigenen Heimatmarkt und hier inbesondere großen, wettbewerbsfähigen Kunden, sollten Länder in Europa mit langfristig hohem Wachstumspotential und einer vergleichsweise niedrigen Kostenstruktur wie Tschechien, Polen und die Slowakei stärker in den Blick genommen werden. Ergänzt wird eine solche Strategie durch die Expansion in den schnell wachsenden neuen Märkten Asiens und Lateinamerikas. Für einen erfolgreichen Markteintritt in Länder dieser Regionen oder die Ausweitung bestehender Marktanteile ist allerdings der technologische Vorsprung entscheidend, womit sich der Kreis zur Innovationsfähigkeit schließt. Komplettiert wird dieser Mix durch eine Branchenstrategie, die Industrien besonders berücksichtigt, in denen die Konkurrenz durch Importprodukte weniger hoch ist, wie die Bauwirtschaft, die Agrar- und Lebensmittelindustrie sowie Werkstoffe und Komponenten für die Hightech-Industrien.

Trotz zahlreicher Unkenrufe ist nicht zu erwarten, dass der Markt für chemische Erzeugnisse in Europa verschwinden und nach China oder den Mittleren Osten abwandern wird. Auch im Jahr 2030 wird es eine europäische Chemieindustrie geben und sie wird der heutigen stark ähneln. Die Chemie wird als hochprofitable Branche weiter wachsen auch in den westlichen Industriestaaten, gerade weil die europäischen Kunden technisch ausgefeilte Produkte verlangen, die eine größere Marge abwerfen. Insbesondere die deutsche Chemieindustrie hat bewiesen, wie sich mit der richtigen Produktpalette, exzellentem Service und hoher Qualität Marktanteile halten oder sogar dazu gewinnen lassen. Und die Chancen stehen gut, dass dies auf absehbare Zeit so bleibt.


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Dieser Beitrag ist erschienen in der Jubiläumsausgabe "20 Jahre CHEManager" vom 6. September 2012.
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