M&A – Strukturwandel in der Feinchemie

Der Markt für Lohnherstellung ist derzeit stark fragmentiert, die Fusionen wichtiger Feinchemie-Kunden könnte dies ändern

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Die Zahl der Mergers & Acquisitions (M&A) in der chemischen Industrie bewegte sich in den vergangenen Jahren weltweit auf hohem Niveau. Nachdem im Jahr 2016 mit rund 740 abgeschlossener und annoncierter Deals ein neuer Höchststand erzielt wurde, kann für 2017 mit einem vergleichbaren Wert an Transaktionen gerechnet werden. Bis zu Jahresmitte zählte die Branche bereits ca. 370 abgeschlossene und annoncierte Deals.

Die Summe der Transaktionswerte wird jedoch im laufenden Jahr im Verhältnis zu 2016 vorrausichtlich niedriger ausfallen, da für 2017 bis auf den Merger of Equals zwischen Clariant und Huntsman bisher keine größeren Mega-Mergers angekündigt wurden. Zum Vergleich: 2016 fielen rund 80 % des gesamten Volumens (198 Mrd. USD) auf die drei angekündigten Mega-Merger zwischen ChemChina und Syngenta, Bayer und Monsanto sowie Linde und Praxair.

Innerhalb der verschiedenen Bereiche der chemischen Industrie stellen Basischemikalien, bezogen auf die Anzahl der annoncierten und abgeschlossenen M&A-Deals, weiterhin das aktivste Segment dar, gefolgt von der Spezialchemie sowie Dünger und Agrochemikalien. Gründe für die hohe M&A-Aktivität in diesen drei Bereichen sind geringes organisches Wachstumspotenzial, die anhaltende Fokussierung auf Kernkompetenzen innerhalb der chemischen Wertschöpfungskette sowie die Erschließung bzw. Stärkung regionaler Märkte.

Pharmazeutische Zwischenprodukte dominieren den Markt für Feinchemikalien

Ein heterogener, segmentübergreifender Bereich mit einem Marktvolumen von rund 120 Mrd. EUR stellen Feinchemikalien dar. Im Vergleich zu Spezialchemikalien, welche durch Formulierung verschiedener Substanzen ihre funktionalen Eigenschaften erreichen, werden Feinchemikalien anhand der Wirkung spezifischer Moleküle definiert. Der Markt für Feinchemikalien ist geprägt von Anwendungsgebieten, die sich durch ein geringes Volumen auf der einen Seite und hohe Wertigkeit auf der anderen Seite auszeichnen.

Hierzu zählen insbesondere pharmazeutische Zwischenprodukte (Intermediate), welche rund 70 % des gesamten Markes für Feinchemikalien ausmachen, gefolgt von dem mit 9 % Marktanteil wesentlich kleineren Bereich der Agrochemikalien. Weitere Bereiche mit geringeren Anteilen sind Aromen und Duftstoffe sowie Foto- und Elektronikchemikalien.

Markt für Feinchemikalien geprägt von Lohnherstellung

Insbesondere im dominierenden Bereich der pharmazeutischen Intermediate stehen Anbieter vor der Herausforderung, die Fähigkeiten zur Entwicklung von komplexen Feinchemikalien sowie – nach erfolgreicher Zulassung – die passende Produktionskapazität für diese zur Verfügung zu stellen. Als Resultat hat sich innerhalb der pharmazeutischen Industrie die Auslagerung der Produktion von APIs (active pharmaceutical ingredients) an Lohnhersteller etabliert, deren Anteil zwischen 40 – 50 % über die gesamte Wertschöpfungskette ausmacht. Historisch gesehen wurde dieser Outsourcing-Trend getrieben durch eine Fokussierung der Pharmafirmen auf Bereiche in denen eine höhere Wertschöpfung erreicht werden kann, insbesondere die Entwicklung und Vermarktung neuer Wirkstoffe.

Lohnhersteller hatten in diesem Zusammenhang zu Beginn die überwiegende Aufgabe der Bereitstellung von Produktionskapazität. Im Laufe der Zeit haben sich Lohnhersteller allerdings von reinen Produktionsdienstleistern hin zu Partnern der Pharmafirmen entwickelt, welche bei der Entwicklung innovativer und strategischer Lösungen unterstützend zur Seite stehen. Sie übernehmen vermehrt wichtige Aufgaben in den Bereichen Entwicklung und Zulassung sowie der Sicherstellung und Überwachung regulatorischer Anforderungen. Im Gegenzug profitieren Pharmafirmen von einer einfacheren Supply Chain sowie kürzerer Entwicklungszeit, was wiederum eine schnellere Markteinführung neuer Wirkstoffe erlaubt.

Für die Zukunft kann innerhalb der pharmazeutischen Industrie eine weitere Zunahme der Produktionsauslagerung an Lohnhersteller erwartet werden. Einer der Haupttreiber hierfür ist die zunehmende Komplexität von Entwicklungspipelines, welche sich in der Zukunft vermehrt aus einem Mix von spezifischen Wirkstoffmolekülen und höhermolekularen biotechnologischen Wirkstoffen zusammensetzen werden. Unternehmen, welche nicht die benötigte Infrastruktur sowie Fähigkeiten mitbringen, ein solches Produktportfolio vollständig und wettbewerbsfähig abzubilden, werden vermehrt die Kompetenzen von Lohnherstellern heranziehen.

Heterogener Markt für Lohnherstellung

Pharmafirmen, aber auch Anbieter von Agrochemikalien, welche auf strategischer Ebene ihre Zusammenarbeit mit Lohnherstellern ausbauen wollen, müssen sich innerhalb eines sehr fragmentierten Marktes einen spezifischen Partner mit allen benötigten Kompetenzen auswählen oder mit mehreren Lohnherstellern zusammenarbeiten.

Im heterogenen Markt für Lohnherstellung gibt es große Marktteilnehmer, wie z.B. Catalent und Lonza für pharmazeutische Zwischenprodukte oder Saltigo und CABB im Bereich der Agrochemie. Darüber hinaus existieren auch Pharmafirmen wie Boehringer Ingelheim und Sanofi, welche selbst Lohnherstellung anbieten.

Insgesamt kommen die zehn größten Spieler zusammen jedoch auf weniger als 50 % Marktanteil. Der überwiegende Teil des Marktes besteht aus kleineren Lohnherstellern, welche sich überwiegend auf spezifische Nischenprodukte spezialisiert haben, und mit durchschnittlichen Marktanteilen von 1 – 2 % vertreten sind. Trotz des sehr fragmentierten Umfelds in der Lohnherstellung gab es bislang nur eine geringe Konsolidierungstendenz. So lag in den Jahren 2015 und 2016 die Anzahl an annoncierter und abgeschlossener M&A-Deals innerhalb der pharmazeutischen Lohnherstellung lediglich bei rund 30 bis 40, wobei der durchschnittliche Wert pro Transaktion bei 200 Mio. EUR (2016) lag. Einer der Gründe für den geringen Drang zu Wachstum durch Akquisition sind fehlende Synergien zwischen kleineren Lohnherstellern, welche ihre Kompetenzen vor allem in stark fokussierten Anwendungen aufgebaut haben.

Merger von Feinchemie-Kunden erhöht Konsolidierungsdruck

Getrieben durch die anhaltend hohe M&A-Aktivität innerhalb der chemischen Industrie, z.B. Bayer/Monsanto mit Relevanz für Agrochemikalien, dürfte es in Zukunft ebenfalls zu einer Konsolidierung der Kunden der Lohnhersteller kommen. Größere Kunden der Lohnhersteller werden sich als Konsequenz vermehrt um die Reduzierung ihrer organisatorischen Komplexität bemühen, was u. a. durch Fokussierung auf einige wenige Lohnsteller, die ein breites Produkt-/Service-Portfolio anbieten sowie einen globalen Footprint aufweisen, erreicht werden kann. Dies könnte in der Zukunft zu einem verstärkten Trend der Konsolidierung der Lohnhersteller für Feinchemikalien führen. Erste Anzeichen hierfür lassen sich schon 2017 durch die Akquisition von Patheon durch Thermo Fischer sowie der Übernahme von Albany Molecular Research (AMRI) durch Carlyle erkennen. Weitere Ankündigungen von Übernahmen bis zum Jahresende sind daher zu erwarten.

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