Forschung & Innovation

Merck: Mit neuen Ideen zum führenden Wissenschafts- und Technologieunternehmen des 21. Jahrhunderts

22.02.2022 - Interview mit Ulrich Betz, Vizepräsident Innovation bei Merck, über zukunftsweisende Innovationsstrategien.

Das Verständnis von Innovation und wie diese in einem Unternehmen gefördert werden kann, hat sich in den letzten Jahren geändert. Merck, früher als Chemie- und Pharmaunternehmen bekannt, bezeichnet sich heute als Wissenschafts- und Technologiekonzern und betont damit den Stellenwert von Innovation für das künftige Wachstum. Das in den drei Geschäftsbereichen Life Science, Healthcare und Electronics aktive Darmstädter Unternehmen investiert jährlich rund 13 % vom Umsatz in Forschung & Entwicklung. Als ältestes chemisch-pharmazeutisches Unternehmen der Welt hat Merck zum 350-jährigen Jubiläum im Jahr 2018 seine Innovationsförderung neu ausgerichtet. Michael Reubold sprach mit Ulrich Betz, Vizepräsident Innovation bei Merck, welche Instrumente und Konzepte dabei heute und in Zukunft zum Einsatz kommen.

CHEManager: Herr Betz, Innovation kann viele Facetten haben, aber bei Merck ist sie besonders facettenreich. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass Ihr Innovationsökosystem von internen und lokalen Forschungsprojekten bis hin zu einer weltweiten Wissenschaftsdeklaration reicht.

Ulrich Betz: Ja, wir sind was Innovationsförderung angeht breit aufgestellt. Wie andere Unternehmen haben wir schon vor vielen Jahren einen internen Ideenwettbewerb ins Leben gerufen. Dieses „InnoSpire“ genannte Programm war die Inspiration dafür, das Thema Ideenfindung auch auf externe Partner zu erweitern. So entstand vor gut 12 Jahren der Innovation Cup, eine Initiative, bei der Studenten, Doktoranden oder Postdocs aus dem Bereich der Naturwissenschaften zu einem Summer Camp eingeladen werden und unter Anleitung von erfahrenen Merck-Forschern eigene Ideen ausarbeiten. Anlässlich des 350-jährigen Firmenjubiläums 2018 wurden weitere Projekte ins Leben gerufen, um Open Innovation einerseits, aber auch den globalen Fortschritt und die Wissenschaft und Technologie andererseits zu unterstützen.

Welche zum Beispiel?

U. Betz: Unser Programm der Merck Research Grants, bei dem Forscher auf der ganzen Welt eingeladen sind, sich zu bewerben. Für diese Initiative haben wir 2021 fast 3.000 Einreichungen von allen Kontinenten erhalten, mit extrem innovativen Vorschlägen. Ein anderes Projekt aus dem Portfolio ist unsere wissenschaftliche Flaggschiffveranstaltung, die Curious Future Insight Conference, die wieder dieses Jahr im Juli – aufgrund der Pandemie als Hybridevent – stattfinden und ein attraktives Programm mit 70 Top-Referenten, darunter ein Dutzend Nobelpreisträger, bieten wird. Auch das wurde zum 350-jährigen Jubiläum ausgerollt, genauso wie der mit 1 Mio. EUR jährlich dotierte Merck Future Insight Prize, der erneut während der Curious Future Insight Conference im Juli verliehen wird. In diesem Jahr wird der Preis in dem wichtigen Feld Energie ausgegeben, und zwar für Technologien, um den Klimawandel beherrschbar zu machen. Nominiert sind Wissenschaftler, die in den Bereichen CO2-Reduktion, Carbon Capture und Synthetic Fuels weltweit wichtige Grundlagenforschung betrieben haben.

Ihre Geschäftsleitungsvorsitzende Belén Garijo will Merck zum weltweit führenden Wissenschafts- und Technologieunternehmen des 21. Jahrhunderts machen. Weltweite Aufmerksamkeit hat Merck nicht zuletzt mit der „Darmstadt Science Declaration“ erzeugt. Was will diese ungewöhnliche Initiative erreichen?

U. Betz: Auch die Darmstadt Science Declaration haben wir anlässlich des 350-jährigen Jubiläums ausgerollt. Unter dem Motto „make science, not war“ setzen sich Menschen weltweit mit ihrer Unterschrift für eine bessere Zukunft durch Wissenschaft und Technologie ein. Und alle CHEManager-Leser sind eingeladen, sich dieser globalen Bewegung anzuschließen und die Deklaration online unter www.makesciencenotwar.org zu unterzeichnen. Mehrere tausend Personen haben das schon getan, auch dutzende Nobelpreisträger und zahlreiche Prominente aus der ganzen Welt. Gerade die Covid-19-Pandemie hat ja gezeigt, dass wir die Herausforderungen einer Welt mit inzwischen fast acht Milliarden Menschen – sei es im Gesundheitsbereich, der Nahrungsmittelproduktion oder dem Umweltschutz – nur mit weiteren Investitionen in die Forschung und Entwicklung in den Griff kriegen werden.

Sie erwähnten eben die Research Grants, also Forschungsstipendien. Wie nutzen Sie dieses Instrument der Open Innovation?

U. Betz: Wir betreiben Open Innovation schon seit Jahrzehnten. Es ist für uns wichtig, externe und interne Expertise synergistisch zu nutzen, um die Pipeline voranzubringen. Wir arbeiten zum Beispiel im Healthcare-Bereich seit vielen Jahrzehnten mit akademischen Partnern wie dem Weizmann-Institut in Israel zusammen und haben ein neues Open Innovation Paradigma - „Outcubation“ genannt - generiert und dazu erst im letzten Jahr mit dem BioMed X-Institut in Heidelberg weitere Forschungsprojekte vereinbart.
Die Research Grants stehen Wissenschaftlern an einer forschungs­orientierten Einrichtung, Universität oder einem Unternehmen offen. Wir gehen zwei verschiedene Wege, um interessante Forschungsprojekte zu identifizieren. Bei der „Top-Down-Methode“ scouten wir Publikationen oder sprechen mit Experten aus unserem Forschungsnetzwerk.

Beim „Bottom-Up“-Weg über Crowd Sourcing wird ein bestimmtes Suchprofil kommuniziert und ein Budget für ein Forschungsprojekt in Aussicht gestellt. Dabei sind Forscher auf der ganzen Welt eingeladen, Vorschläge zu machen, die von unseren Wissenschaftlern im Detail geprüft werden. In der nächsten Runde, den sog. Deep Dive Workshops, besprechen wir die Vorschläge mit den Wissenschaftlern im Detail und optimieren sie gemeinsam weiter.

Und dann gibt es noch einen Mittelweg, das sind lokal begrenzte Aufrufe für Forschungsvorschläge, sog. Calls for Research Proposals, die von uns gezielt an handverlesene Institute gerichtet werden.

Wie werden die vielen Einreichungen geprüft, und wie wird entschieden, was am besten zur Innovationspipeline passt?

U. Betz: Das wird alles intern gemacht, denn wir sichern den Einreichern zu, ihre Vorschläge vertraulich zu behandeln. Das Programm ist sehr schlank aufgesetzt, gerade in der ersten Runde, wo uns die Forscher lediglich einen kurzen Abstract schicken. Erst in der nächsten Runde ist eine detailliertere Ausarbeitung notwendig. Das ist ein deutlich schlankeres Verfahren als bei der Beantragung von öffentlichen Fördergeldern. Und gleichzeitig ist sichergestellt, dass unsere Partner erst dann mehr Arbeit in den Antrag investieren müssen, wenn sie es in die finale Runde geschafft haben. Dann liegt die Erfolgswahrscheinlich bereits bei 30% bis 50%.

Und wie verläuft so ein Innovationsprojekt weiter, können Sie das an einem Beispiel erläutern?

U. Betz: Wir haben beispielsweise 2021 im Rahmen einer Interaktion mit der Technischen Universität Darmstadt eine Technologie, die auf eine Idee aus dem Innovation Cup zurückgeht, weiterentwickelt und in die Realität überführt. Dabei geht es um die Vermeidung von ungewollten Nebenwirkungen bei therapeutischen Antikörpern. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie wir die Projekte implementieren. Die Zusammenarbeit mit einer externen Arbeitsgruppe wie im beschriebenen Fall ist eine davon.

Eine andere Möglichkeit ist, dass wir bei Merck neue Stellen schaffen, auf die sich junge Wissenschaftler bewerben können, um die Innovationsideen umzusetzen. Auch die Studententeams aus dem Innovation Cup können so als Consultants dabeibleiben oder sich auch auf eine Post-Doc-Stelle bewerben.

 

„Das wichtigste für den Erfolg einer Firma
sind die Menschen.“


Ein neues Modul beim Innovation Cup ist das Top-Talent-Entry-Programm, bei dem die zwei überzeugendsten Teilnehmer eine feste Stelle bei Merck angeboten bekommen. Diese Top-Talente werden aber nicht auf eine zufällig freie Stelle gesetzt, sondern für diese Bewerber wird eine eigene Stelle geschaffen, auf der sie ihr Talent am besten einsetzen können. Stichwort: „War for Talent“. Das wichtigste für den Erfolg einer Firma sind die Menschen. Erfinder und Innovatoren sind diejenigen, die die Produkte von morgen generieren. Ich kann noch so viel Investitionsmittel zur Verfügung stellen, doch wenn ich nicht die intelligentesten Köpfe habe und ihnen Freiräume lasse, um kreativ zu sein und Innovationen zu generieren, werde ich nicht erfolgreich sein.

Was hat Kreativität mit Diversität zu tun? Sind aus Ihrer Erfahrung heterogene Teams aus Mitgliedern unterschiedlicher Altersklassen oder mit unterschiedlichen Hintergründen innovativer?

U. Betz: Ja, gerade in der frühen Phase, wenn es um Ideation, um Kreativität und Brainstorming geht, hilft Diversität auf jeden Fall. Auch unser Innovation Cup lebt von der Magie der generationsübergreifenden Innovation. Wir kombinieren junge Talente mit den aktiven Forschern und mit Rentnern der Firma, das heißt, es sind drei Generationen. In dem einwöchigen Summer Camp begrenzen wir zunächst die Rolle der derzeit Aktiven auf einen Feed­back Nachmittag, weil sie sonst zu dominant wären, und lassen dann die Jungen und die Erfahrenen quasi zusammen die Innovationen erschaffen.

 

„Unser Innovation Cup
lebt von der Magie der generationsübergreifenden Innovation.“

 

Es ist auch wichtig, eine kulturell-geografische Vielfalt zu haben sowie verschiedene Fachdisziplinen zusammenzubringen. Zum Beispiel umfassen manche unserer Teams aus Medizinalchemikern, Biologen und Informatikern auch Historiker und Kommunikationswissenschaftler, die die Arbeit mit innovativen Beiträgen anreichern.

Welche Trends beobachten Sie bei den Forschungsprojekten, und auf welche Innovationsthemen konzentrieren Sie sich?

U. Betz: Wir sehen generell, dass das Thema Digitalisierung eine zunehmend wichtige Rolle spielt. Für dieses Jahr haben wir beim Innovation Cup zum Beispiel seit langer Zeit wieder das Thema Electronic Health ausgeschrieben, das heißt die Unterstützung der Gesundheit durch Devices, Apps et cetera. Wir befassen uns auch mit dem Thema Electroceuticals/Bioelectronics, also der Kombination von Mikroelektronik und Medizin, für das wir auch einen Research Grant ausgeschrieben haben. Hier geht es darum, beispielsweise durch Stimulation bestimmter Nerven oder sonstige elektrische Interaktionen therapeutische Effekte zu erzielen.

Aber auch im Bereich Healthcare selbst, also bei der Arzneimittelentwicklung, bewegt sich gerade durch die Covid-19-Pandemie sehr viel. Die Durchbruchsinnovation bei mRNA-Impfstoffen ist ein Game Changer und wird nun auf andere therapeutische Gebiete wie Onkologie oder Autoimmunkrankheiten ausgerollt.

Oder denken Sie an Zell- und Gentherapien oder an neue Modalitäten wie zum Beispiel Proteintherapeutika, bei denen die zwei Universen der Small Molecules und der Proteine über Antibody Drug Conjugates verbunden werden. Auch innerhalb der Small Molecules öffnet sich gerade das interessante neue Feld der Substanzen, die Proteinabbau induzieren – sogenannte „Protacs“. Also auch bei den Kleinmolekülen, die ja über Jahrhunderte sehr erfolgreiche Medikamente zustande gebracht haben, gibt es immer noch viel Innovationspotenzial. An diesen Beispielen sehen Sie, dass sich das Innovationsfeld weiterbewegt, und auch ohne den Einfluss der Digitalisierung spielen sich dramatische Revolutionen innerhalb der Innovationsfelder ab.

Vom Fortschritt im Bereich Healthcare profitieren wir Menschen persönlich und unmittelbar. Welche Innovationen oder wissenschaftliche Durchbrüche werden unser künftiges Leben am tiefgreifendsten beeinflussen?

U. Betz: Ich hatte ja die mRNA-Technologie als einen Game Changer genannt. Und persönlich finde ich die neuen Erkenntnisse, mit denen die Biologie des Alterns entziffert wurde, sehr spannend. Man versteht jetzt genau, wie der Alterungsprozess – auch molekular – abläuft, und kann möglicherweise interagieren und die Entstehung zahlreicher Krankheiten verhindern.

Könnten die neuen Erkenntnisse bei Alterungsprozessen einen Paradigmenwechsel bewirken? Wir reden dann ja nicht nur von personalisierter Medizin, sondern von personalisierter präventiver Medizin.

U. Betz: In der Tat, das Gesundheitswesen müsste sich dahin bewegen, dass man Patienten nicht erst behandelt, nachdem sie krank geworden sind, sondern bereits, wenn sich erste Laborwerte als Biomarker verschieben und einen beginnenden Krankheitsprozess anzeigen. Also man muss – das hört sich verrückt an – Gesunde behandeln, nicht Kranke. Gerade bei neurodegenerativen Krankheiten wie Alzheimer zu denken, dass man einen Degenerationsprozess, der sich über Jahrzehnte entwickelt, durch ein Medikament oder eine Therapie umkehren kann, ist naiv. Man darf nicht warten, bis die Krankheit ausgebrochen ist, sondern muss sofort anfangen zu behandeln, wenn sich erste Parameter verschieben. So könnte man die Entstehung von Krankheiten frühzeitig inhibieren und auf lange Sicht im Gesundheitswesen Kosten sparen, weil es gar nicht erst zu schweren Fällen kommt.

Abschlussfrage: Sie sind vor einem Jahr vom Bundespräsidenten in den Wissenschaftsrat der Bundesrepublik Deutschland berufen worden. Was verbinden Sie mit dieser Berufung?

U. Betz: Ich arbeite da mit viel Freude und Enthusiasmus mit, um die Forschung und Entwicklung möglichst optimal zu positionieren. Deutschland hat gut ausgebildete Menschen, die sich für Forschung und Entwicklung und Technologie interessieren, und ist nach wie vor ein führender Forschungsstandort, aber wir müssen aufpassen, dass wir den Anschluss nicht verlieren, deshalb sind ständige Aktivitäten notwendig. Beispielsweise müssen wir die exzellenten Entdeckungen und Erfindungen in der Grundlagenforschung schneller in die kommerzielle Verwertung überführen. Auch die Start-up-Kultur und die Verfügbarkeit von Risikokapital müssen verbessert werden, weiterhin die Fähigkeit im Krisenfall – Beispiel Covid-19 – auch mit substanzieller Forschungsförderung schnell zu reagieren.

Die Themenfelder sind ja bekannt. Es geht darum, die Rahmenbedingungen für Innovation zu verbessern. Stichwörter sind Bürokratieabbau oder Investitionsklima, aber auch die Frage der Technologieakzeptanz.

U. Betz: Das ist in der Tat eine wichtige Frage. Ich meine, man muss schon realistisch sein und darf das Thema nicht naiv angehen: Die Technikfolgenabschätzung ist sicher wichtig. Aber bedenklich wird es, wenn wissenschaftliche Grundlagen nicht mehr rational, sondern irrational und emotional diskutiert werden.

Das Interview mit Ulrich Betz, Merck, führte Michael Reubold, CHEManager

ZUR PERSON

Ulrich Betz, Jahrgang 1967, studierte Biochemie in Tübingen und promovierte 1998 in Köln. Im selben Jahr trat er bei Bayer in die Pharmaforschung ein. 2005 wechselte er als Gruppenleiter für die vorklinische Forschung & Entwicklung zu Merck. Seit 2007 ist Betz Vice President Innovation bei Merck. In dieser Position ist er für das Innovationsmanagement und strategische akademische Kooperationen des Darmstädter Unternehmens verantwortlich und hat u.a. den Merck Innovation Cup, die Curious-Future Insight Conference, den Merck Future Insight Prize sowie die Darmstadt Science Declaration konzipiert. Seit 2020 ist er Mitglied im Deutschen Wissenschaftsrat.

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