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Versorgungssicherheit für Chemieprodukte

Großforschungszentrum zur Transformation der Chemie im Mitteldeutschen Chemiedreieck geplant

19.10.2022 - Im Mitteldeutschen Chemiedreieck ist ein neues Großforschungszen­trum geplant. Anfang Oktober hat das Bundesforschungsministerium den Aufbau des Center for the Transformation of Chemistry (CTC) bekannt gegeben, in dem bis zu 1.000 Wissenschaftler an Produkten für eine nachhaltige Chemie arbeiten und eine Kreislaufwirtschaft chemischer Erzeugnisse etablieren sollen. 

Im Mitteldeutschen Chemiedreieck ist ein neues Großforschungszen­trum geplant. Anfang Oktober hat das Bundesforschungsministerium den Aufbau des Center for the Transformation of Chemistry (CTC) bekannt gegeben, in dem bis zu 1.000 Wissenschaftler an Produkten für eine nachhaltige Chemie arbeiten und eine Kreislaufwirtschaft chemischer Erzeugnisse etablieren sollen. 

Für den Aufbau des CTC sollen bis 2038 rund 1,2 Mrd. EUR bereitstehen. Den Großteil mit 1,1 Mrd. EUR stellt der Bund zur Verfügung, 100 Mio. EUR kommen von den Ländern Sachsen und Sachsen-Anhalt. Die Mittel stammen aus dem „Strukturstärkungsgesetz Kohleregionen“. Jährlich sollen so bis zu 170 Mio. EUR zur Verfügung stehen. 
„Wir müssen den Strukturwandel in den Kohleregionen gestalten und den Menschen Perspektiven geben. Dazu ist Forschung der Schlüssel“, sagte Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP).
Aktuell basiert ein Großteil der Rohstoffe für die chemische Produktion auf Erdöl und Erdgas, und die Produkte werden nach Gebrauch entsorgt. „Ziel des CTC ist es, eine Kreislaufwirtschaft der Chemie zu ermöglichen, die auf nachwachsenden Rohstoffen oder recycelten Materialien aufbaut und deren Produkte wiederverwertet werden können“, erläutert Professor Peter Seeberger vom Max-Planck-Institut für Kolloid- und Grenzflächenforschung in Potsdam (Brandenburg). Er hat die Pläne für das neue Großforschungszentrum ausgearbeitet und soll es nun auch aufbauen.
Gegenüber CHEManager sagte Seeberger: „Ausgangsstoffe müssen zukünftig aus Produktrecycling sowie erneuerbaren Quellen wie Biomasseabfällen, Holz oder Algen gewonnen werden. Es sollen neue Synthese- und Trennverfahren mit neuen Reagenzien und Katalysatoren entwickelt und zum Einsatz gebracht werden.“ Bis Ende 2025 würden die Forschungsthemen konkret ausgearbeitet. Am 1. Januar 2026 soll das CTC in der sächsischen Stadt Delitzsch bei Leipzig gegründet werden. Es zieht wahrscheinlich in eine ehemalige Zuckerfabrik ein. Das Projektteam wird laut Seeberger zunächst zur 20 bis 30 Mitarbeiter umfassen. Später soll die Zahl der Beschäftigten auf bis zu 1.000 steigen, wovon mindestens 300 in einer Außenstelle am Chemiestandort Leuna (Sachsen-Anhalt) arbeiten sollen.
Das Mitteldeutsche Chemiedreieck besteht im Kern aus den Chemiestandorten Bitterfeld-Wolfen, Schkopau und Leuna. Hinzu kommen die Standorte Zeitz und Böhlen. Insgesamt gibt es rund 550 Firmen mit knapp 30.000 Beschäftigten. Die großen Unternehmen sind allerdings fast alles Produktions­standorte internationaler Konzerne. Forschung- und Entwicklung findet dort eher selten statt. In Umbruchphasen könnten die Konzerne die Stand­orte auch schließen, ohne ihre eigene Substanz zu gefährden. 
Auch dort will Seeberger mit dem CTC ansetzen: „Wir wollen neue Verfahren entwickeln, die in den Unternehmen angewendet werden und auch zu Neugründungen führen.“ Vorbild soll das Technologietransfer-Modell am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in den USA sein. Dort fließen Grundlagenforschung, anwendungsnahe Forschung und die Zusammenarbeit mit der Industrie unter einem Dach zusammen. Seeberger ist als Wissenschaftler ein Spezialist im Fachgebiet der Glykobiotechnologie. In den vergangenen Jahren beschäftigte er sich intensiv mit dem Thema Impfstoffe – etwa gegen Malaria. Aus seiner Forschung gingen bereits mehrere Unternehmen hervor.
Der Chemiestandort Leuna setzt bereits auf die Biochemie. Aktuell baut der finnische Konzern UPM am Standort für rund 750 Mio. EUR einen großen Chemiekomplex auf, um in einer Bioraffinerie aus nachhaltig erwirtschaftetem Laubholz chemische Produkte herzustellen. Es ist ein weltweit einzigartiges Projekt. Dadurch entstehen auch zahlreiche Anknüpfungspunkte für nachfolgende Produktionen. Das Fraunhofer-Zentrum für Chemisch-Biotechnologische Prozesse CBP forscht am Standort bereits seit 2012 an nachhaltigen Rohstoffen für die Chemie „Das geplante Großforschungszentrum passt in die Chemieregion prima rein“, sagte Christof Günther, Geschäftsführer der Chemieparkgesellschaft InfraLeuna. Die Unternehmen könnten von einer praxisorientierten Forschung stark profitieren. „Die Biochemie ist ein Megatrend, in dem das Chemiedreieck weltweit vorn mitspielen kann“, so Günther.
Laut VCI besitzen in Deutschland nachwachsende Rohstoffe als Grundstoff der organischen Chemie einen Anteil von knapp 13 %. Nach den Worten Seebergers ist es nicht möglich, die riesigen Mengen an Erdöl und Erdgas allein durch Holz, Stroh oder Algen als Ausgangsstoffe zu ersetzen. Nur durch eine Kombination aus Recycling und nachwachsenden Rohstoffen könne eine nachhaltige Chemie entstehen. 
Auch hier gibt es bereits erste Großprojekte im Mitteldeutschen Revier. Das britische Unternehmen Mura Technology und der US-Chemiekonzern Dow planen in Böhlen den Bau von Europas größter Anlage für chemisches Kunststoffrecycling. „Dazu wollen wir einen dreistelligen Millionenbetrag investieren“, kündigte Mura-Produktionsvorstand Oliver Borek im September an. Im neuen Werk, das 2025 die Arbeit aufnehmen soll, werden nach seinen Angaben jährlich bis zu 120.000 t Kunststoffabfall unter hohem Druck und mit heißem Wasserdampf wieder zu einem Öl verarbeitet. Dieses wird dann im bestehenden Dow-­Cracker in Böhlen eingesetzt, um etwa Ethylen für die Kunststoffproduktion herzustellen. 

Steffen Höhne, Wirtschaftsjournalist, Markkleeberg

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