Forschung & Innovation

Starthilfe für nachhaltige Geschäftsideen

Das Global Entrepreneurship Centre fördert Start-ups, die zu mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz beitragen

22.02.2022 - Das Global Entrepreneurship Centre fördert Start-ups, die zu mehr Nachhaltigkeit und Klimaschutz beitragen

Eine clevere Geschäftsidee garantiert noch keinen Erfolg. Tatsächlich schafft nur etwa jedes hundertste Start-up die Transformation zu einem etablierten Unternehmen. Das Global Entrepreneurship Centre (GEC) ist angetreten, um diese Rate zu erhöhen. Das Zentrum mit Sitz in Meerbusch im Rhein-Kreis Neuss will weltweit Gründer unterstützen, die zu Nachhaltigkeit und Klimaschutz beitragen. Es ging im Oktober 2021 an den Start und will bis zum Jahr 2030 3.000 neue Jobs in die Region bringen. Andrea Gruß sprach mit Friedrich Barth, CEO und Gründer des GEC, über die Ziele und Aktivitäten der Initiative.

CHEManager: Herr Barth, wie steht es um die Gründerszene in Europa?

Friedrich Barth: Die Zahl der Gründungen in der Europäischen Union steigt. Europa holt auf. Doch nach einer Studie von McKinsey schaffen es in der EU nur etwa 0,4–1,8 % der Start-ups zu skalieren. In den USA wachsen dagegen nach wie vor dreimal so viele Start-ups zu etablierten Unternehmen heran. Allein das Silicon Valley skaliert so viele Start-ups wie ganz Europa zusammen.

Gilt diese Zahl übergreifend für alle Branchen?

F. Barth: Ja. Wenn wir nur die technischen Start-ups betrachten würden – also keine IT-Start-ups, sondern Gründungen im Bereich Chemie, Materialwissenschaften und Biotech – wäre der Anteil nochmal geringer.

Woran scheitern so viele der jungen Unternehmen?

F. Barth: Sie enden im sogenannten „Valley of Death“ oder auch „Tal des Todes“. Ihr Produkt oder ihre Technologie hat sich bereits in der Praxis bewährt, scheitert aber an der Skalierung. Das liegt zum einen daran, dass es zu wenig Risikokapital gibt, insbesondere im Bereich der Chemie. Viele Kapitalgeber verstehen das Thema nicht und scheuen daher eine Investition. Zum anderen fehlt es den Start-ups an Unterstützung bei der Skalierung. Ein großes Thema sind hier fehlende Labor- oder Produktionsflächen. Manche Gründer verzögern sogar ihre Prüfungen an der Uni, damit sie die Labore dort noch ein bisschen länger nutzen können.

 

„Wir wollen Unternehmen nach der Seed-Phase
bei Skalierungsproblemen unterstützen.“

 

Vielen Start-ups fehlt auch eine kompetente Beratung in dieser Phase. Sie entwickeln ihre Technologie 2.0, bevor sie einen Markt für die Technologie 1.0 gefunden haben. Das Global Entrepreneurship Centre setzt genau hier an. Wir wollen Unternehmen nach der Seed-Phase bei Skalierungsproblemen unterstützen.

Wie gehen Sie dabei vor?

F. Barth: Wir stehen den Start-ups über 15 Monaten zu Seite, mit bis zu 200.000 EUR Risikokapital oder Beratungsdienstleistungen, zum Beispiel zu Genehmigungsverfahren, Finanzierungen, Schutz des geistigen Eigentums, Marketing oder eben auch bei der Suche nach geeigneten Laboren. Diese intensive Unterstützung wollen wir bis zu 20 Start-ups pro Jahr geben. Für weitere 80 Start-ups bieten wir das zwei- bis dreimonatige Programm GEC Catalyst, ein Trainingsprogramm, das junge Unternehmen fit macht für die nächste Phase ihrer Entwicklung.

Welche Start-ups fördern Sie?

F. Barth: Hier haben wir einen klaren Fokus. Wir unterstützen nur Start-ups, die mit ihren Geschäftsideen einen Beitrag zu den internationalen Nachhaltigkeits- und Klimaschutzzielen und zur Kreislaufwirtschaft leisten. Dabei konzentrieren wir uns auf vier Bereiche mit großem Klimaschutz- und Geschäftspotenzial: Bauen und Wohnen, Textil, Mobilität und Landwirtschaft und Ernährung. Ich kenne kein anderes Innovationszentrum, das so wie wir auf diese Themen fokussiert.

Wie wählen Sie die Unternehmen für Ihre Förderprogramme aus und bewerten die Nachhaltigkeit ihrer Gründungsideen?

F. Barth: Hierfür haben wir eine eigenes Bewertungsschema auf Basis einer DIN-Norm für die Nachhaltigkeitsbewertung von Start-ups entwickelt. Nach diesen Kriterien haben wir auch die Teilnehmer unseres ersten GEC Textil Awards ausgewählt. Der Förderpreis ist mit insgesamt 350.000 EUR dotiert und wird am 6. März 2022 an Gründer verliehen, die zu mehr Nachhaltigkeit in der Textilindustrie beitragen, zum Beispiel durch neuartige Materialien, technische Anwendungen, Logistikkonzepte oder andere nachhaltige Geschäftsmodelle für die Textilbranche. Teilnehmen können Unternehmer aus aller Welt. Für unseren ersten Award haben wir 144 Einreichungen aus 33 Ländern erhalten, darunter Start-ups aus dem Fashion-Bereich, aber auch Bewerber, die neue Textilfasern aus CO2 herstellen möchten.

Aktuell läuft zudem unser Innovation Call zum Thema Landwirtschaft und Kunststoffe. Hier suchen wir speziell nach Start-ups, die sich mit nachhaltigen Lösungen befassen, die den „Kunststofffußabdruck“ der Landwirtschaft reduzieren. Hier haben wir die bereits die ersten 40 Kandidaten aus 245 Bewerbern ausgewählt. Dabei unterstützen uns amerikanische Kollegen aus dem Silicon Valley durch ein Assessment.

Mit welchen weiteren Maßnahmen wollen Sie Gründer fördern?

F. Barth: Wir planen einen eigenen Fonds, der „geduldiger“ agiert. Denn Technologie- oder Chemie-Start-ups brauchen oft sieben, acht oder mehr Jahre, bis sie erfolgreich sind und benötigen daher Partner, die ihr Kapital längerfristige investieren. Die Konzeption des GEC Fonds wollen wir bis Ende dieses Jahres abschließen. Er soll mit einem Volumen von 100 Mio. EUR starten.

 

„Technologie- oder Chemie-Start-ups
brauchen oft sieben, acht oder mehr Jahre,
bis sie erfolgreich sind.“


Der Bedarf an sogenanntem „Patient Capital“ ist hoch. Es braucht eine Transformation der Venture Capital Industrie, um ihn zu decken. Der Zeitpunkt zum Umdenken ist günstig: Aktuell gibt es sehr viel Kapital am Markt und da es nicht leicht ist, kurzfristig hohe Renditen zu erzielen, steigt die Bereitschaft für nachhaltige und langfristige Investitionen.
Über den Fonds hinaus planen wir den Bau eines Innovationshauses im Gewerbegebiet von Meerbusch. Auf einer Fläche von etwa 15.000 m2 sollen Coworking-Flächen, Büros und Labore für Start-ups und ein Showroom für nachhaltige Produkte entstehen – Raum für ein lebendiges Innovationsökosystem. Das GEC House wollen wir 2024 eröffnen.

Wie finanzieren Sie Ihre Aktivitäten?

F. Barth: In der Vorbereitungsphase wurde das GEC durch das Wirtschaftsministerium des Landes Nordrhein-Westfalen unterstützt. Darüber hinaus werden wir mit rund 10 Mio. EUR aus dem STARK-Programm des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie sowie mit Mitteln des Rhein-Kreises Neuss im Rahmen des Sofortprogramm Plus für das Rheinische Revier gefördert. Nach Auslauf dieser Förderungen, in etwa vier Jahren, wollen wir uns aus eigenen Einnahmen finanzieren, zum Beispiel durch erfolgreiche Exits.

Welche politischen Rahmenbedingen wünschen Sie sich für das Engagement des GEC?

F. Barth: Ich wünsche mir ein stärkeres Bewusstsein der Politik dafür, dass Deutschland ein Indus­triestaat ist. Seit den 1970er Jahren sind die Investitionen in die produzierende Industrie dramatisch zurückgegangen. Man kann regelrecht von einer Investitions-Gap sprechen. Wir müssen die Investitionen in unsere industrielle Basis dringend wieder erhöhen. Denn Klimaschutz und Nachhaltigkeit sind eine riesige Bürde für die deutsche Industrie, mit den richtigen Investitionen bieten sie aber auch riesige Chancen.

Das Interview mit Friedrich Barth führte Andrea Gruß

ZUR PERSON

Friedrich Barth gründete im Jahr 2020 das Global Entrepreneurship Centre und ist seitdem als dessen Geschäftsführer tätig. Zuvor leitete er das International Sustainable Chemistry Collaborative Centre (ISC3) mit Sitz in Bonn. Barth verfügt über mehr als 25 Jahre Managementerfahrung im öffentlichen und privaten Sektor in der Wasser-, Umwelt-, Energie- und Klimapolitik auf nationaler und internationaler Ebene.

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