Chemieindustrie diskutiert mit Stakeholdern über Wege zur Treibhausgasneutralität

Was erwartet die Gesellschaft von der Chemieindustrie beim Klimaschutz? Wie lässt sich die Entstehung von Treibhausgasen vermeiden oder so weit wie möglich reduzieren? Und welche Rahmenbedingungen sind erforderlich, um den Pariser Klimaschutzzielen gerecht zu werden und gleichzeitig die Wettbewerbsfähigkeit der energieintensiven Industrien zu erhalten? Diese und ähnliche Fragen stehen im Mittelpunkt des „Stakeholder-Dialogs Dekarbonisierung“, den der Verband der Chemischen Industrie im Sommer 2017 initiiert hatte. An den von Dialog Basis moderierten Gesprächsrunden nehmen Expertinnen und Experten aus insgesamt 26 Stakeholder-Organisationen, zivilgesellschaftlichen Gruppen, der Wissenschaft und der Wirtschaft teil.

Erstmalig hat sich damit eine Industriebranche in die Diskussion mit verschiedenen Interessensgruppen begeben, um die gesamtgesellschaftlichen Herausforderungen beim Klimaschutz zu erörtern. Nach anderthalb Jahren ziehen die Teilnehmer mit der Veröffentlichung eines Dialogberichts ein erstes Zwischenfazit.

Alle Akteure bekennen sich zum Paris-Abkommen und dem Klimaschutzziel, den weltweiten Temperaturanstieg auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen. Die Dialoggruppe plädiert zudem für einen regulativen Rahmen, der eine Umsetzung der Dekarbonisierung für die Unternehmen wirtschaftlich möglich macht. Dekarbonisierung soll dabei nicht so verstanden werden, dass Produkte der Chemie keinen Kohlenstoff mehr enthalten. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Dialogs favorisieren daher den Begriff Treibhausgasneutralität anstelle von Dekarbonisierung.

Sie stimmen auch darin überein, dass der chemischen Industrie mit ihren innovativen Produkten und Prozessen eine Vorreiterrolle zukommt, um den Pfad zu einer möglichst treibhausgasneutralen Gesellschaft mitzugestalten. Eine Abwanderung der Industrie („Carbon Leakage“) soll vermieden werden, da eine bloße Verlagerung von emissionsintensiven Prozessen ins Ausland mit Blick auf den Klimaschutz nicht sinnvoll ist.

Einigkeit herrscht in der Gruppe, dass es für eine solche grundlegende Transformation der Produktion und des Konsums, auch aufgrund des großen Infrastrukturbedarfs der Chemieproduktion, Leittechnologien frühzeitig identifiziert werden müssen.

Eine ambitionierte und verlässliche Förderung von Forschung und Entwicklung sowie von Pilotprojekten bis hin zur Markteinführung muss geschaffen werden.

Neben den Konsenspunkten benennt der Dialogbericht auch die Aspekte, bei denen sich die Ansichten konträr gegenüberstehen und bei denen weiterer Diskussionsbedarf gegeben ist. Den offenen und kritisch-konstruktiven Austausch führen die Teilnehmerinnen und Teilnehmer daher nach Veröffentlichung des Berichts bereits weiter. Ziel ist es, die regulativen Ansätze und Instrumente, wie zum Beispiel CO2-Preis, im Dialog noch detaillierter zu erörtern und gemeinsame Handlungsempfehlungen für die Politik zu erarbeiten.

Stimmen:
Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer, Germanwatch
: „Wir erleben gerade einen Wandel in der chemischen Industrie, weg von der Bremserrolle gegen ambitioniertem Klimaschutz, hin zu ernsthaften Schritten um Teil der Lösung zu werden. Wir wollen die Chemieindustrie dabei unterstützen, brauchen dafür aber die deutlich sichtbare Bereitschaft der chemischen Industrie, den Übergang in die Treibhausgasneutralität engagiert anzugehen.“

Caroline Gebauer, Wissenschaftliche Mitarbeiterin Energiepolitik, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND): „Um den Auswirkungen der Klimakrise entgegenzuwirken, bedarf es einer tiefgreifenden gesamtgesellschaftlichen Transformation. Ich begrüße daher sehr, dass sich Industrie und Zivilgesellschaft im Rahmen des Dialogs zu dem gesetzten Ziel des Pariser Klimaschutzabkommens, die Erderwärmung auf unter 2 möglichst 1,5 Grad zu begrenzen, bekennen. Auch wenn nicht in allen Fragen Einigkeit über den Weg dorthin herrscht, ist der Dialog ein wichtiger Schritt, um diese gesamtgesellschaftliche Aufgabe gemeinsam zu gestalten.“

Ernst Rauch, Chef-Klima- und Geowissenschaftler, Munich Re: „Risiken aus dem Klimawandel betreffen uns alle, Bürger, Unternehmen und Staat. Daher sind Dialoge wie dieser ein konstruktiver Weg, um die gefährliche Lücke zwischen der Erkenntnis über Klimarisiken und der Akzeptanz der erforderlichen Maßnahmen zu schließen. Das geht nur, wenn wir ehrlich und offen darüber sprechen und schnell zu gemeinsamen tragfähigen Lösungen kommen.“

Jörg Rothermel, Abteilungsleiter Energie, Klimaschutz und Rohstoffe, VCI: „Wir freuen uns über den offenen und fairen Austausch mit den Stakeholdern. Er ermöglicht es allen Teilnehmenden, die jeweiligen Positionen und Lösungsansätze noch besser verstehen zu lernen. Schon allein deswegen ist der Dialog sehr wertvoll. Darüber hinaus bleibt es das Ziel der Gruppe, gemeinsame Handlungsempfehlungen für die Politik zu entwickeln.“

Reinhold von Eben-Worlée, Geschäftsführer, Worlée-Chemie: „Die Auswirkungen des Klimawandels bergen vor allem für kleine und mittlere Unternehmen der chemischen Industrie erhebliche Risiken, wie z.B. Rohstoffverfügbarkeit und -preise, Energiebezahlbarkeit und Stromnetzstabilität. Nur marktnahe Steuerungselemente, wie ein international abgestimmter und sektorübergreifender Emissionshandel, sind probate Mittel, mit denen unsere Klimaschutzziele zu möglichst geringen Kosten erreicht werden können. Der Dialog mit zahlreichen Stakeholdern war ein wichtiger Impuls in diese Richtung.

Am Stakeholder-Dialog Dekarbonisierung haben teilgenommen: Agora Energiewende, BASF, Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland – BUND, Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), Covestro Deutschland, Dow Deutschland, Dechema Gesellschaft für Chemische Technik und Biotechnologie, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Evonik Industries, Germanwatch, IG BCE, Infraserv, Kommissariat der deutschen Bischöfe – Katholisches Büro Berlin.

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