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Eurokrise verunsichert die Märkte

Planungsunsicherheit wird zur Investitionsbremse für mittelständische Chemie- und Pharmaunternehmen

14.05.2012 -

Über 80 % der mittelständischen Unternehmen aus der chemischen und pharmazeutischen Industrie leiden aufgrund der Eurokrise unter fehlender Planungssicherheit. Die Branche beklagt steigende Beschaffungskosten und schwer einschätzbare Entwicklungen an den Absatzmärkten. Dies sind Ergebnisse einer Mitte Mai 2012 veröffentlichten Studie der Commerzbank-Initiative Unterneh-merperspektive.

Dabei wurden 4000 mittelständische Unternehmen mit einem Umsatz über 2,5 Mio. €. befragt, darunter 179 aus der Chemie- und Pharmabranche.

Die chemische und pharmazeutische Industrie ist überdurchschnittlich investitionsstark: 82 % der Unternehmen - 13 % mehr im Vergleich zur Gesamtwirtschaft - tätigen derzeit Investitionen, weitere 10 % investieren derzeit nicht, planen dies aber. Dem stehen 9 % gegenüber, die Investitionen weder tätigen noch planen.

Insgesamt leidet die chemische und pharmazeutische Industrie stärker als andere Branchen unter der Eurokrise. 81 % der befragten Top-Führungskräfte geben an, dass die Planungssicherheit in ihrem Geschäftsfeld abnimmt (plus 9 Prozentpunkte im Vergleich zur Gesamtwirtschaft). Steigende Beschaffungskosten (71 %, plus 14 Prozentpunkte) und eine nachlassende Konjunktur (70 %, plus 7 Prozentpunkte) werden ebenfalls überdurchschnittlich häufig befürchtet. Die exportstarke Branche hat zudem häufig Probleme, die Entwicklung der eigenen, internationalen Absatzmärkte einzuschätzen (62 %, plus 11 Prozentpunkte). Probleme beim Kreditzugang spielen eine vergleichsweise geringe Rolle. 25 % der Unternehmen berichten, dass der Kreditzugang für sie aufgrund der Eurokrise schwerer wird.

Die Ergebnisse zeigen, dass Volatilität zum Hauptproblem für die mittelständische Wirtschaft wird. Zugespitzt formuliert: Auf eine zyklische Eintrübung der Konjunktur können sich die Unternehmen einstellen; problematischer ist eine anhaltende Unsicherheit der konjunkturellen Entwicklung. Aktuell sorgen sich die befragten Unternehmen am meisten darum, dass sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen unvorhergesehen verschlechtern. In solchen Situationen können Kreditschulden zum Problem werden. Die unsicheren Rahmenbedingungen werden von 58 % der Chemie- und Pharmaunternehmen als stärkste Investitionsbremse genannt - weit vor dem Fachkräftemangel (28 % minus 10 Prozentpunkte im Vergleich zur Gesamtwirtschaft).

Kritik an Basel III

Die meisten Unternehmen haben sich eine Meinung zu den geplanten neuen Eigenkapital- und Liquiditätsregeln für Banken gebildet: Sie sind skeptisch. In der chemischen und pharmazeutischen Industrie erwarten 81 % der Befragten einen erschwerten Kreditzugang und 80 % schlechtere Konditionen. Die Branche glaubt aber nicht daran, dass die Bankenlandschaft verlässlicher werden wird. Damit wird auf breiter Front bezweifelt, dass Basel III die politisch angestrebte Stabilisierung des Bankensektors auch erreicht.

Verbreitet kritische Haltung zu Schulden und Finanzierung

Unter guter Unternehmensplanung verstehen die Unternehmen aus der chemischen und pharmazeutischen Industrie derzeit mehr-heitlich: auf Sicht fahren, kurzfristig handeln und flexibel entscheiden. In der Branche sind zugleich überdurchschnittlich viele Unter-nehmen der Ansicht, dass sie auch langfristige Entscheidungen treffen und die resultierenden Risiken eingehen müssen. Dies spitzt den Zielkonflikt zwischen Flexibilität und Risiko zu.
„Ohne Schulden könnten notwendige Investitionen nicht realisiert werden" - das ist die Ansicht von 71 % derjenigen Unternehmen der Chemie- und Pharmabranche, die Investitionen finanzieren.

Damit liegt der Anteil signifikant höher als für die Gesamtwirtschaft (65 %). Die chemische und pharmazeutische Industrie nimmt dennoch eine kritische Haltung zu Schulden ein: Sie fokussiert die Risi-ken, Einschränkungen und Belastungen. Ganz offensichtlich gibt es größeren Konsens über die negativen als über die positiven As-pekte von Schulden als wichtigen Faktor eines marktwirtschaftlichen Kapitalismus. Nur 35 % aller Unternehmen dieser Branche halten Schulden für einen Erfolgstreiber. Auch für Unternehmen, die Investitionen finanzieren, sind Schulden vor allem eine unge-liebte Notwendigkeit.

Finanzierung vorrangig mit Eigenmitteln

Angesichts der unsicheren Rahmenbedingungen setzt die chemische und pharmazeutische Industrie auf Eigenmittel: Innenfinanzie-rung aus Gewinnen, Rücklagen oder Cashflow ist derzeit die häufigste und wichtigste Finanzierungsform. Wenn Kapital von außen benötigt wird, stellen Bankkredite immer noch die wichtigste Form der Fremdfinanzierung dar. Leasing wird ebenfalls häufig genutzt, hat aber eine geringere strategische Bedeutung.

Die mittelständischen Unternehmen aus der Chemie- und Pharmabranche sind mehrheitlich zufrieden mit ihrem Eigenkapitalpolster, haben aber überdurchschnittlich häufig Probleme bei der Rentabilität. Immerhin 35 % sind mit ihrer Gewinnspanne nicht zufrieden. Es muss kritisch hinterfragt werden, wie die Rendite gesteigert werden kann, und ob ein höherer Fremdkapitaleinsatz einen Beitrag dazu leisten kann - neben weiteren Ansatzpunkten wie Preisbildung und Effizienz.

49 % der Unternehmen wollen ihre Finanzierungsstruktur optimieren, um sich besser auf die sich schnell verändernden Rahmenbe-dingungen einstellen zu können. Weitere 8 % planen eine komplette Neuordnung des Portfolios der genutzten Finanzierungsinstru-mente. Bei der Optimierung geht es nicht primär um bessere Konditionen und geringere Finanzierungskosten. Die Unternehmen streben mit großer Mehrheit mehr Planungssicherheit und gleichzeitig mehr Flexibilität an.

Flexibilität darf eine systematische und mittelfristige Planung nicht ausschließen. Viele Unternehmen planen ihren Kapitalbedarf allerdings nur kurzfristig für das laufende Jahr. Erfolgreiche Unternehmen planen langfristiger über drei Jahre. Wer erfolgreich auf Sicht fahren will, sollte sich außerdem nicht auf rückblickende, turnusmäßige Kontrollen beschränken, sondern braucht ein aktives ‚Frühwarnsystem‘. Die chemische und pharmazeutische Industrie nutzt die Instrumente eines modernen Finanzmanagements über-durchschnittlich häufig; dennoch werden die Möglichkeiten noch nicht voll ausgeschöpft.

>>> Lesen Sie auf der nächsten Seite ein Interview mit Markus Beumer, Mitglied des Vorstands der Commerzbank.


„Eine Kreditklemme für deutsche Mittelständler ist nicht in Sicht."
Interview mit Markus Beumer, Mitglied des Vorstands der Commerzbank



CHEManager: Herr Beumer, wie wirkt sich die Eurokrise für mittelständische Unternehmen aus?

Markus Beumer: Deutsche mittelständische Unternehmen sehen zwar mit einer gewissen Sorge, aber ohne jeden Alarmismus auf die Folgen der Eurokrise. Sie wissen, dass sie in den letzten Jahren sehr stark vom Euro profitiert haben. Die Auswirkungen der Haus-haltssituation in einigen europäischen Nachbarländern würden den Mittelstand viel härter treffen, wenn wir den Euro nicht hätten. Und: Eine Kreditklemme für deutsche Mittelständler ist nicht in Sicht.

Das ist einerseits eine sehr gute Nachricht, andererseits ein sehr deutsches Phänomen. Wenn wir zu unseren europäischen Nachbarn schauen, sieht das ganz anders aus. In Frankreich, Italien und Großbritannien ist es um Bankenstabilität und Kreditvergabe weniger gut bestellt.

Ist das Kreditverhalten im Mittelstand tatsächlich so vorsichtig, wie es die Studie glauben macht?

Markus Beumer: Das für 2012 zu erwartende konjunkturelle Umfeld in Deutschland und im Euro-Raum spricht nicht dafür, dass die Kre-ditnachfrage deutlich anzieht. Aktuell werden Investitionen, ob im In- oder Ausland, bei Mittelständlern oft mit eigenen Mitteln finanziert. Viele Zulieferer setzen derzeit auf den asiatischen und den lateinamerikanischen Markt. Dort wird weiter investiert, da besteht Nachholbedarf. Aber auch die psychologische Seite des „Schuldenmachens" spielt im Mittelstand eine Rolle.

Unternehmen fühlen sich zu besonderer Sorgfalt aufgefordert, wenn sie Geld aufnehmen. Sie fragen zunächst nach den Risiken, die mit einer Fremdfinanzierung verbunden sind, und sehen die Chancen erst in zweiter Linie. Die Kernfrage ist oft: Bringt die Bank mit der Fremdfinanzierung Stabilität oder Unsicherheit in unser Vorhaben?

Damit das Finanzierungsrisiko bei Investitionen nicht allein beim Unternehmen bleibt, sollte man auch erwägen, Kredite von öffent-lichen Förderinstituten über die Hausbank in Anspruch zu nehmen. Entscheidend ist die Abkehr von der Fokussierung auf Einzelpro-dukte und die Erarbeitung ganzheitlicher Finanzierungsstrategien im Sinne eines integrierten Managements finanzwirtschaftlicher Risiken.


Studie der Commerzbank-Initiative Unternehmerperspektiven
Die komplette Studie finden Sie hier als PDF zum Download.

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