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Chemiekonjunktur – Unruhige Zeiten für Europas Chemie

Politische Krisenherde in der Ukraine und im Nahen Osten belasten Chemiegeschäft

22.10.2014 -

Konjunkturell geht es in Europa langsam aufwärts. Nach der Rezession des Jahres 2012 und der Stagnation im Jahr 2013 konnte die Wirtschaft der Europäischen Union (EU) im ersten Halbjahr 2014 ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 1,3% verbuchen. Dennoch ist die Stimmung in der Wirtschaft verhalten, denn man hatte sich mehr erhofft. Im Jahresverlauf 2014 gab es einen deutlichen konjunkturellen Dämpfer. Die Nachfrage aus dem außereuropäischen Ausland blieb insgesamt schwach. Und in Europa selbst konnten längst nicht alle Länder an der Erholung partizipieren. Während bspw. das Wirtschaftswachstum in großen Nationen wie Frankreich oder Italien im bisherigen Jahresverlauf stagnierte, stieg die Wirtschaftsleistung in Großbritannien kräftig. Geopolitische Risiken, wie der Ukrainekonflikt oder die Lage im Nahen Osten, haben die Unsicherheiten verstärkt und das Geschäftsklima belastet.

Dies bekam auch die deutsche Wirtschaft zu spüren. Nach einigen Jahren mit überdurchschnittlichem Wachstum, muss sich Deutschland mittlerweile mit einem Platz im europäischen Mittelfeld begnügen. Dennoch dürfte die Europäische Wirtschaft in diesem Jahr voraussichtlich um 1% zulegen. Die Industrieproduktion wird sogar um 2% wachsen, nachdem sie 2013 einen Rückgang von 0,5% erfuhr. Hiervon profitierte die europäische Chemie im bisherigen Jahresverlauf. Für das Gesamtjahr erscheint ein Wachstum der Branche von 2,5% realistisch (Grafik 1). Allerdings ist dieser Zuwachs ausschließlich auf das Pharmageschäft zurückzuführen.

Chemieproduktion im Plus

Die rasante Erholung nach den herben Rückschlägen zur Jahreswende 2008/2009 hielt nur bis zum ersten Quartal 2010 an. Dann erfasste die Schuldenkrise und die damit verbundene Verunsicherung der Märkte das europäische Chemiegeschäft. Die Produktion sank von Quartal zu Quartal. Zu Beginn des Jahres 2012 endete die Talfahrt. Die europäische Chemieproduktion konnte in der Folgezeit jedoch nicht zulegen. Erst das Jahr 2013 brachte die erhoffte Trendwende. Nach schwachem Jahresbeginn legte die Chemieproduktion von Quartal zu Quartal zu. Die europäische Chemie startete mit Rückenwind ins Jahr 2014. Im dritten Quartal musste die Chemieproduktion allerdings gedrosselt werden, sie lag aber immer noch 2,5% höher als ein Jahr zuvor (Grafik 2). Die Produktionskapazitäten waren mit durchschnittlich 80% zufriedenstellend ausgelastet. Dies gilt aber längst nicht für alle Länder der Gemeinschaft. Gerade in einigen südeuropäischen Ländern liegt die Kapazitätsauslastung mit unter 75% erschreckend niedrig.
Die Nachfrage nach chemisch-pharmazeutischen Produkten entwickelte sich in den einzelnen Chemiesparten unterschiedlich. Ein deutliches Plus gab es im bisherigen Jahresverlauf nur in der Pharmaproduktion. Die übrigen Chemiesparten stagnierten insgesamt. Dabei konnten die Produzenten von Spezial- und Konsumchemikalien ihre Produktion im Vorjahresvergleich leicht ausweiten. Auch die Polymerproduktion legte leicht zu. Die Grundstoffsparten lagen jedoch im Minus. Insbesondere bei den Petrochemikalien wurde das Vorjahresniveau deutlich verfehlt. Dieser Chemiesparte machen hohe Rohstoff- und Energiekosten und damit verbunden eine zunehmender Wettbewerb durch Importe zu schaffen (Grafik 3).

Stabile Preise

Im Jahr 2013 waren die Unternehmen gezwungen, auf die schwache Nachfrage nach chemischen Erzeugnissen und gesunkene Öl- und Rohstoffpreise zu reagieren. Die Erzeugerpreise sanken von Quartal zu Quartal. Der Abwärtstrend bei den Chemikalienpreisen ist mittlerweile beendet. Die Erzeugerpreise blieben im bisherigen Jahresverlauf stabil. Im Zwölfmonatsvergleich lagen die Preise für chemische und pharmazeutische Erzeugnisse von Januar bis September aber immer noch 1,3% niedriger (Grafik 4).
Bei den Rohölpreisen gab es hingegen einen leichten Preisauftrieb. Ein Fass Rohöl der Nordseesorte Brent kostete im ersten Halbjahr durchschnittlich 109 USD, 1% mehr als ein Jahr zuvor. Naphtha, der wichtigste Rohstoff der europäischen Chemieindustrie, war mit einem durchschnittlichen Preis von 690 EUR/t ebenfalls etwas teurer als ein Jahr zuvor. Demgegenüber verfehlten die Kontraktpreise für Primärchemikalien wie bspw. Ethylen oder Benzol das Vorjahresniveau. Lediglich die Propylenpreise konnten einen leichten Zuwachs verbuchen. Angesichts der schwachen Nachfrage fällt es den Petrochemieunternehmen schwer, die Rohstoffkostensteigerungen an die Kunden weiterzugeben.

Leichtes Umsatzplus

Dank des wachsenden Pharmageschäfts konnte die europäische Chemie im bisherigen Jahresverlauf ein leichtes Umsatzplus verbuchen. Das Vorjahresniveau wurde im ersten Halbjahr trotz niedrigerer Preise um 1,4% übertroffen. Der konjunkturelle Dämpfer zeigt sich jedoch auch in der Umsatzstatistik. Im dritten Quartal sanken die Verkäufe der Branche und der Umsatz lag nur noch 0,5% höher als ein Jahr zuvor. Die industriellen Kunden sind bezüglich der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung verunsichert. Die Stimmungseintrübung äußerte sich zuletzt auch in niedrigeren Chemikalienbestellungen. Schwache Impulse kamen hingegen aus dem Auslandsgeschäft. Von der Chemienachfrage der Weltmärkte konnte Europas Chemie zwar teilweise profitieren. Angesichts der niedrigen globalen Dynamik waren diese Impulse allerdings gering.

Europas Chemie erholt sich nur langsam

In der chemischen Industrie hat sich die Stimmung zuletzt eingetrübt. Viele Kunden in Europa sind verunsichert. Die politischen Krisenherde in der Ukraine und im Nahen Osten belasten das Geschäftsklima. Und die europäische Wirtschaftspolitik schafft es nicht, das Vertrauen der Marktteilnehmer zu stärken. Im Gegenteil: Weite Teile der Wirtschaft zeigen sich mit den Rahmenbedingungen in Europa unzufrieden. Die europäische Chemie blickt turbulenten Zeiten entgegen. Ein Aufschwung zeichnet sich derzeit weder für Europa noch für Japan oder die Schwellenländer ab. Entsprechend gering ist das globale Nachfragewachstum für Chemikalien. Ungeachtet dieser Nachfrageschwäche haben sich die Investitionen der Branche in China und den USA in den letzten fünf Jahren verdoppelt. Dies wird für die europäische Chemie zunehmend zu einem Problem.
Dennoch überwiegt die Zuversicht, dass Europa die Rezession überwunden hat und die Strukturmaßnahmen greifen. Zwar haben die Wirtschaftsforscher angesichts der jüngsten Rückschläge ihre Wirtschaftsprognosen nach unten korrigiert, sie sind aber nach wie vor davon überzeugt, dass es nun langsam aber stetig aufwärts geht.
Die europäische Wirtschaft wird in diesem Jahr voraussichtlich um 1% wachsen. Die industriellen Kunden der Chemieunternehmen werden ihre Produktion ausweiten. Die Nachfrage nach Chemikalien wird also zulegen. Im weiteren Jahresverlauf ist daher mit einem leichten Anstieg der europäischen Chemieproduktion zu rechnen. Für das Gesamtjahr 2014 ist ein Wachstum von 2,5% realistisch. Rechnet man das Pharmageschäft heraus, zeigt sich ein anderes Bild. Die restlichen Chemiesparten werden in diesem Jahr die Produktion nur moderat ausweiten können.

Kontakt

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