Öl im Überfluss

Deutsche Chemie erhält Rückenwind durch sinkende Öl- und Rohstoffpreise

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  • Dr. Henrik Meincke, Verband der Chemischen Industrie
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Wer vor einem Jahr darauf gewettet hätte, dass der Ölpreis im Januar 2015 bei rund 45 USD je Barrel liegen würde, hätte sowohl bei Buchmachern als auch an den Finanzmärkten eine „super Quote" erhalten. Damals kostete ein Fass Rohöl noch 110 USD und die Prognosen der Experten sagten einen stabilen bis leicht steigenden Ölpreis voraus. Doch es kam anders.

Seit Mitte des Jahres 2014 sinkt der Rohölpreis rasant (Grafik 1). Gegenüber dem Vorjahr beträgt der Preisverfall derzeit rund 60%. Einmal mehr zeigte sich, wie rasch sich in diesen turbulenten Zeiten die Lage fundamental ändern kann. Hauptgrund für den massiven Preisrückgang ist ein erhebliches Überangebot auf den internationalen Ölmärkten. Einerseits haben sich die Weltwirtschaft und damit die Nachfrage nach Öl schwächer entwickelt als erwartet. Andererseits ist das Ölangebot auf den internationalen Märkten in den zurückliegenden Monaten stark gestiegen. Die USA produzieren so viel Erdöl wie lange nicht mehr. Durch Fracking sind die Vereinigten Staaten zu einem ernstzunehmenden Wettbewerber für den Nahen Osten und andere Ölförderländer aufgestiegen.

Machtpoker im Ölgeschäft

Die OPEC (Organization of the Petroleum Exporting Countries), allen voran Saudi-Arabien, verzichtet bisher darauf, durch eine Drosselung der Ölproduktion die Preise zu stabilisieren. Im Gegenteil: Das OPEC-Kartell hat im Dezember seine Ölfördermengen nochmals erhöht. Ihr Ziel ist es, mit billigem Öl den lästigen Konkurrenten USA aus dem Markt zu drängen. Diese Strategie scheint zu funktionieren. Denn in den USA nimmt die Anzahl der Ölbohrtürme in rasantem Tempo ab. Viele Investitionsprojekte lohnen sich bei einem Ölpreis unter 60 USD pro Fass nicht. Insbesondere die Fracking-Firmen stoppen daher weitere Bohrvorhaben. Einige Firmen beginnen sich aus dem Geschäft zurückziehen. Die Hochstimmung der US-Ölbranche ist verschwunden. Der Fracking-Boom scheint zu kippen.

Chemieindustrie profitiert von niedrigen Rohstoffkosten

Sinkende Ölpreise führen in der deutschen Chemie zu einer Senkung der Rohstoffkosten. Um organische Grundstoffe, Zwischenprodukte oder Kunststoffe herzustellen, benötigt die Branche jedes Jahr über 15 Mio. t Rohbenzin (Grafik 2). Im Jahr 2013 gab die Chemieindustrie hierfür knapp 11 Mrd. € aus. Sollte der Preis in diesem Jahr bei 45 USD je Barrel verharren, könnte die Ölrechnung ohne Berücksichtigung von Wechselkursschwankungen um 4 Mrd. € sinken. Hiervon profitiert in erster Linie die Petrochemie. Der intensive Wettbewerb zwingt die Unternehmen jedoch die Kostenersparnis rasch an die Kunden weiterzugeben. Die Preise für Primärchemikalien befinden sich daher seit Monaten im Sinkflug. Das wiederum freut andere Chemieunternehmen, die aus den chemischen Rohstoffen Kunststoffe oder Fein- und Spezialchemikalien herstellen. So kommen auch die nachgelagerten Wertschöpfungsketten in den Genuss sinkender Rohstoffkosten (Grafik 3).

Nicht überall auf der Welt profitiert die Chemie gleichermaßen vom niedrigen Ölpreis, denn die Rohstoffbasis ist unterschiedlich. Während die Cracker in den Vereinigten Staaten überwiegend Erdgas verwenden, basiert die europäische Chemie vor allem auf dem Rohölderivat Naphtha. Entscheidend für die Wettbewerbsfähigkeit ist daher das Verhältnis von Gas- zu Ölpreis. Noch zu Beginn des Jahres 2014 war die US-amerikanische Chemieindustrie wegen des dort günstigen Erdgases viel wettbewerbsfähiger als die europäische Konkurrenz. Mit dem sinkenden Ölpreis nahm dieser Wettbewerbsvorteil jedoch ab. Die Öl-/Gaspreis-Relation ist zu Beginn des Jahres 2015 wieder mit der Zeit vor dem Fracking-Boom der USA vergleichbar. Bezüglich dieses Standortfaktors befinden sich beide Seiten des Atlantiks auf Augenhöhe.

Konjunkturpaket für Europa

Der niedrige Ölpreis beschert den deutschen Chemieunternehmen nicht nur niedrige Rohstoffkosten und eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit. Billiges Öl ist auch ein Konjunkturmotor für die deutsche Wirtschaft. Die Kaufkraft der Verbraucher steigt, weil Heizöl, Gas, Diesel und Benzin so günstig sind wie schon lange nicht mehr. Der Konsum dürfte daher in den kommenden Monaten ebenso steigen wie die Güternachfrage und die Industrieproduktion. Auch der Automobilabsatz könnte von den niedrigen Energiepreisen profitieren. In Verbindung mit dem niedrigen Eurokurs, der die preisliche Wettbewerbsfähigkeit europäischer Produzenten erhöht, sowie einer expansiven Geldpolitik, die die Kreditvergabe zu niedrigen Zinsen sicherstellen soll, wird das billige Öl zu einem umfangreichen Konjunkturpaket für Deutschland und Europa.

Ausblick: Öl wird wieder teurer

Die Kehrseite der derzeitigen Turbulenzen an den Ölmärkten ist die zunehmende Unsicherheit. Auf Basis welcher Rohölpreisannahmen sollen Chemieunternehmen ihre Investitions- und Portfolioentscheidungen treffen? Am Ölweltmarkt wird zunächst eine Bodenbildung der Rohölpreise oberhalb von 45 Dollar je Barrel erwartet. Mittelfristig dürften die Ölpreise aber wieder steigen, denn viele Ölförderländer kommen mit den niedrigen Ölpreisen nicht zurecht. Investitionen bleiben in der Ölbranche aus und es scheint sich - zumindest außerhalb der OPEC - ein politischer und wirtschaftlicher Wille zu formieren, die Ölpreise nun zu stützen. Gerade die USA dürften ein strategisches Interesse am Schutz der heimischen Ölindustrie haben. Gleichzeitig werden die niedrigen Kraftstoffpreise und die Belebung der Weltwirtschaft die Ölnachfrage beflügeln. Es ist also nur noch eine Frage der Zeit bis das Überangebot abgebaut ist. Dann steigen die Ölpreise wieder. Und sobald die Finanzmärkte beginnen, wieder auf steigende Ölpreise zu spekulieren, könnte sich der Preisauftrieb rasch beschleunigen. Noch stützt billiges Öl das deutsche Chemiegeschäft. Der Rückenwind könnte aber schon bald nachlassen.

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