22.03.2017
ThemenStrategie

In der Spezialchemie macht Wissen den Unterschied

Dr. Klaus Engel über die Rolle der Spezialchemie als Lösungsanbieter für gesellschaftliche Herausforderungen

  • Dr. Klaus Engel, Vorstandsvorsitzender, EvonikDr. Klaus Engel, Vorstandsvorsitzender, Evonik

Spezialchemie beschreibt ein Segment der chemischen Industrie, welches sich insbesondere in Europa entwickelt hat, inzwischen aber weltweit verbreitet ist. Der Begriff Spezialchemie selbst ist nicht eindeutig definiert. In der Regel versteht man unter Spezialchemikalien chemische Produkte, bei denen die Wirkung im Vordergrund steht und die für spezielle Anwendungen, häufig sogar kundenspezifisch, hergestellt werden. Als solche grenzen sich Spezialchemikalien durch eine höhere Wertschöpfung von sogenannten Commodities ab. Dr. Klaus Engel, Vorstandsvorsitzender von Evonik, erläutert Dr. Michael Reubold die Charakteristika des Segments und die Rolle von Spezialchemieunternehmen als Innovationstreiber und Lösungsanbieter für globale Herausforderungen.

CHEManager: Herr Engel, der Begriff Spezialchemie hat sich ausgehend von Europa in den 1990er Jahren weltweit etabliert. Was waren die Triebkräfte für die Einführung dieses damals neuen Branchensegments?

Dr. K. Engel: Die chemische Industrie hat im 20. Jahrhundert einen wesentlichen Beitrag zu Wohlstand und wirtschaftlicher Entwicklung geleistet. Viele nutzbringende Erfindungen wie Dünger, Backpulver oder Farben und Lacke gehen auf das Konto der Chemie. Zunächst war das wesentliche Unterscheidungsmerkmal der Spezialchemie die Abgrenzung zu den chemischen Standardprodukten, den sogenannten „Commodities“. Letztere werden zumeist in wesentlich größeren Mengen hergestellt. Spätestens seit den 1990er Jahren ist jedoch Spezialisierung mehr denn je gefragt, denn die Ansprüche der Kunden an die chemische Industrie sind immer weiter gestiegen. Im 21. Jahrhundert stehen wir vor zusätzlichen großen Herausforderungen. Die Weltbevölkerung wächst weiter bei zunehmend begrenzten Ressourcen. Die Menschen verlangen weltweit zugleich nach Gesundheit, Ernährung, bezahlbarer Energie und einem angemessenen Anteil am Wohlstand. Die Chemie, und hier insbesondere die Spezialchemie, können wesentlich dazu beitragen, Lösungen zu finden.

Dies ist einer der Gründe, warum sich viele ehemals diversifizierte Chemieunternehmen in den vergangenen Jahren auf Spezialchemiegeschäfte fokussiert haben. Wie hat sich die Branchenstruktur dadurch geändert?

Dr. K. Engel: In der Vergangenheit hatten viele große Chemieunternehmen ein sehr breites Portfolio, was teilweise die gesamte Bandbreite von Öl und Gas bis hin zu Pharmazeutika umfasst hat. Mit den steigenden Ansprüchen der Kunden und der Globalisierung vieler Geschäfte kam der Trend zur Spezialisierung – die großen Konzerne haben sich umorganisiert und aufgespalten, um ihre Ressourcen fokussierter einzusetzen. Unternehmen wie Evonik haben ihre Kompetenzen und ihr Know-how differenzierter ausgebaut, neue Anwendungen und Märkte erschlossen und sich so spezialisiert. Und dieser Prozess geht weiter: Wir haben gerade das Spezialadditivgeschäft von Air Products erworben. Mit dieser richtungsweisenden Akquisition bauen wir unser wachstumsstarkes Spezialadditiv-Geschäft in Amerika und Asien kräftig aus und steigen damit zu den weltweit führenden Anbietern von Spezialadditiven auf. Ebenso wird der Erwerb des Silica-Geschäfts von Huber unser Portfolio bei Kieselsäure für die Konsumgüterindustrie passgenau ergänzen.

Jedoch sind auch Spezialchemikalien der Gefahr der Kommoditisierung ausgesetzt. Wie können Spezialchemieunternehmen dem entgegenwirken?

Dr. K. Engel: Mit kontinuierlicher Innovation. Und mit Innovation meine ich nicht nur neue Produkte und Anwendungen, sondern auch neue Märkte, neue Geschäftsmodelle, neue Services, neue Antworten auf die Fragen unserer Kunden und der Gesellschaft. Nehmen Sie als Beispiel unser Methionin-Geschäft. Wir sind nicht nur technologisch führend bei der Herstellung von Methionin, sondern kennen uns auch mit Tierernährung hervorragend aus – was man von einem Chemieunternehmen nicht unbedingt erwarten würde. Unseren Kunden bieten wir jedoch mehr als nur einfach das fertige Produkt für Geflügel, Schwein und Rind. Wir bieten ihnen ein umfassendes Service-Paket und beraten sie, wie sie überall auf der Welt je nach Futterzusammensetzung die optimale Methionin-Beimischung finden. Dieses Spezialwissen macht den Unterschied. Konsequent haben wir in den vergangenen Jahren unser Aminosäureportfolio ausgebaut. Inzwischen erweitern wir unser Angebot um innovative Futtermittelzusätze über Aminosäuren hinaus. Wir betrachten jetzt die Gesundheit von Nutztieren umfassend und von allen Seiten.

Spezialchemikalien differenzieren sich durch eine höhere Wertschöpfung von anderen chemischen Erzeugnissen. Worauf basiert dieser Gewinn an Wertschöpfung?

Dr. K. Engel: Das zentrale Merkmal der Spezialchemie ist, dass ihre Produkte bereits in kleinen Mengen eingesetzt eine große Wirkung in den Kundenprodukten oder Prozessen zeigen. Genau genommen verkaufen wir heute in der Spezialchemie eine Wirkung und nicht mehr nur das Produkt. So ermöglichen Katalysatoren nicht nur in der chemischen Industrie effizientere Prozesse. Mit Öladditiven in Hochleistungsschmierstoffen tragen wir dazu bei, den Energieverbrauch von Maschinen und Fahrzeugen zu senken. Pharmazeutische Hilfsstoffe ermöglichen eine kontrollierte Wirkstofffreisetzung in Medikamenten. Alle drei Beispiele, so verschieden sie auch sein mögen, haben gemeinsam, dass Produkte und Anwendungen innovationsgetrieben sind und auf die jeweiligen Anwendungen zugeschnitten werden – immer wieder und immer effizienter. Kurzum: Die Wertschöpfung liegt im umfassenden Know-how, in der Innovationsfähigkeit und im maßgeschneiderten Kundennutzen.

Innovation ist also der Wachstumstreiber für Spezialchemieunternehmen. Was sind Ihrer Meinung nach die Erfolgsfaktoren im Bereich Forschung & Entwicklung?

Dr. K. Engel: Der wichtigste Erfolgsfaktor sind eindeutig neugierige, motivierte und innovative Mitarbeiter. Wenn die Mitarbeiter Innovation zu ihrer eigenen Sache machen, haben wir gewonnen. Wir bei Evonik fördern eine Innovationskultur mit Mut zu Neuem, in der unsere Mitarbeiter Risikobereitschaft zeigen dürfen und die auf Vertrauen, enger Zusammenarbeit und Offenheit basiert. Zielstrebigkeit und Beharrlichkeit sowie Internationalität sind sicher weitere Erfolgsfaktoren für Forschung & Entwicklung.

Einige Spezialchemieunternehmen haben ein Auge auf Start-ups geworfen und investieren sogar in solche jungen Unternehmen. Sind Start-ups innovativer als etablierte Unternehmen?

Dr. K. Engel: Start-ups sind vor allem oftmals schneller in der Produkt- und Technologieentwicklung, denn sie richten ihre gesamte Kraft auf eine Innovation. Das ist – neben einer guten Geschäftsidee und einem guten Business-Plan – die vielleicht größte Stärke eines Start-ups: der unbedingte Wille, die eigene Erfindung voranzutreiben und sich nicht von Rückschlägen entmutigen zu lassen.

Wir investieren deshalb auch gezielt in spezialisierte Technologiefonds und Start-up-Unternehmen mit strategischem Bezug zu Evonik. Die regionalen Schwerpunkte liegen in Europa, den USA und Asien. Wir erhalten so Zugang zu disruptiven Technologien, von denen wir uns wichtige Impulse für unser Geschäft versprechen. Wir geben jedoch nicht nur Kapital, sondern verstehen uns auch als Partner der Start-ups und unterstützen sie mit unserem Markt-, Technologie- und Produktions-Know-how. Denn für Start-ups ebenso wie für die etablierten Unternehmen gilt: Die Idee wird nur dann zu einer Innovation, wenn sie am Markt erfolgreich ist.

Spezialchemieunternehmen sind heute in vielen Disziplinen aktiv, bspw. in der Biotechnologie oder der Nanotechnologie. Werden die Grenzen zwischen den Disziplinen in Zukunft verschwinden? Wie wird sich Spezialchemie in der Zukunft definieren?

Dr. K. Engel: Die Grenzen zwischen den klassischen Disziplinen verschwinden heute schon. Viele Fragestellungen, sei es in der Gesellschaft oder Wissenschaft, sind inzwischen so komplex, dass sie nicht mehr von einer Disziplin alleine beantwortet werden können. Indem wir forschen und entwickeln, vermehrt sich unser Wissen und wird immer spezieller. So entstehen zugleich neue Disziplinen. Denken Sie zum Beispiel an die Bioinformatik, die wir nutzen, um biotechnologische Fragestellungen in der Tierernährung besser und schneller zu verstehen. Die chemische Industrie und damit auch die Spezialchemie werden sich in Zukunft weiter verändern, sie werden sich neu erfinden. Der renommierte Forscher George M. Whitesides sieht die Chemie am Beginn einer neuen Ära.

Was werden die künftigen Herausforderungen für Spezialchemieunternehmen in dieser neuen Ära sein?

Dr. K. Engel: Die künftigen Herausforderungen der Spezialchemie sind, Antworten auf wichtige Fragen der Gesellschaft geben zu können. Wie werden wir morgen leben? Wie bekämpfen wir den Klimawandel? Wie stellen wir eine optimale Gesundheitsversorgung für alle Menschen sicher? Wie sorgen wir für den Zugang zu sauberem Wasser für alle? Wie organisieren wir künftig unsere Energieversorgung? Ich bin fest davon überzeugt, dass die Chemie wesentlich dazu beitragen kann, Antworten zu finden. Doch die Anforderungen sind hoch. Whitesides sagt, dass die Chemie sich ändern wird und muss. Er zeigt in seinem viel beachteten Beitrag in der renommierten Zeitschrift „Angewandte Chemie“ aus dem Jahr 2015 Themen und mögliche Forschungsgebiete auf. Wir von Evonik sind bei einigen dieser Themen schon heute dabei. Das gilt für die Katalyse, die für unsere eigenen Prozesse ebenso wie für die unserer Kunden essenziell für Effizienz und neue selektive Prozesse ist. Dies gilt aber ebenso für Themen rund um die gesunde Ernährung, wo wir unter anderem im Rahmen eines vom BMBF geförderten Projektes daran forschen, wie Probiotika und andere natürliche Nahrungszusätze die Gesundheit beeinflussen. Ein weiteres Thema der Zukunft ist die Robotik. Hier hat unsere Corporate-Foresight-Gruppe Herausforderungen an neue Materialien für Roboter von morgen identifiziert und auf mögliche Geschäftschancen geprüft.

Sie sehen also gute Chancen für ein weiteres Wachstum dieses Segments?

Dr. K. Engel: Ganz gewiss. Das Potential für eine weiterentwickelte Spezialchemie ist da. Wenn wir genug engagierte Mitarbeiter in allen wichtigen Disziplinen haben und diese interdisziplinär und auch interkulturell zusammenwirken, sind der Spezialchemie Zukunft und Wachstum sicher.

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